Digitalisiertes Schlaraffenland
Digitalisiertes Schlaraffenland
21. Juli 2017

Neue Chancen durch Computer und Roboter am Arbeitsplatz

Schaffen Digitalisierung und Roboter und Maschinen unsere Arbeit ab? Und wovon leben wir dann? Spendiert uns dann Vater Staat ein monatliches Grundeinkommen? Die Digitalisierung der Wirtschaft und des täglichen Lebens durch das „Internet der Dinge“ sind zentrale Themen unserer Zeit geworden. Dahinter steht die Vorstellung, dass durch die Digitalisierung – Maschinen, Computer und Mikrochips – den Menschen die Mühsal der Arbeit abgenommen wird. Eigentlich ein paradiesischer Zustand, um den zu erreichen die Menschheit seit Jahrtausenden getüftelt und gebrütet hat. Der Eintritt ins Paradies durch Digitalisierung? Das Gegenteil scheint der Fall: Verunsicherung und Sorge vor der Arbeitslosigkeit durch die Digitalisierung beherrschen die öffentliche Diskussion. Die Menschen fürchten, dass ihnen die Arbeit im Wortsinn „abgenommen“ wird.

Fakt ist: Digitalisierung schafft im Arbeitsprozess menschliche Arbeit ab. An die Stelle der menschlichen Intelligenz tritt die künstliche Intelligenz: So jedenfalls die Idealvorstellung der IT-Forscher. So befreit die Digitalisierung den Menschen in der Fabrik und sonst wo vielfach vor eintönigen und repetitiven Arbeiten und schafft im täglichen Leben Freiräume für ein selbstbestimmtes Leben. So das Idealbild der kulturellen Gutmenschen. Ist diese neue digitalisierte Welt jetzt besser oder schlechter, oder, um mit Trump zu sprechen, ist sie „gut“ oder „sehr böse“?

Dazu drei Thesen: Erstens, der Prozess der Digitalisierung in allen Lebensbereichen, nicht nur in der Wirtschaft, ist unumkehrbar. Was sich digitalisieren, sprich automatisieren und vernetzen lässt, zum Beispiel im „Internet der Dinge“, vulgo: Kühlschrank spricht mit Einzelhandel, wird digitalisiert. Der technische Fortschritt ist unaufhaltsam, ob wir das wollen oder nicht. Das ist schon seit Jahrtausenden so. Auch der Ersatz des Handwebstuhls durch den mechanischen oder des Pferdefuhrwerks durch die Eisenbahn und später den Lkw war nicht zu stoppen. Stets brachte die technische Innovation die Menschheit auf ein neues und höheres Wohlstandsniveau. Allerdings, keine Rose ohne Dornen.

Denn, zweitens, die Digitalisierung schafft für den einzelnen Arbeitnehmer Verunsicherung, zieht Arbeitsplatzverluste, Arbeitslosigkeit und soziale Umwälzungen bis hin zum Verlust der eigenen Existenz nach sich. Das ist für den Einzelnen, der von der technischen Neuerung getroffen und durch ein Stück Silikon ersetzt wird ein teilweise grausames Schicksal. Auch das war immer so. Nur mit dem Unterschied, dass wir heute als Gesellschaft reich sind und eine „soziale Marktwirtschaft“ haben, die niemanden verkommen und verhungern lässt, wenn er sich selbst nicht mehr helfen kann. Und das war früher nicht so, da ging es bei den Webern zum Beispiel um die nackte Existenz!

Drittens: Das Problem der Arbeitslosigkeit durch Digitalisierung wird medial aufgebauscht und trifft nur einzelne Branchen wie die Autoindustrie und so weiter im Zweifel hart. Aber nicht den Rest der Wirtschaft. Im Jahr 2016 gab es in Deutschland durchschnittlich rund 8,1 Millionen Erwerbstätige im produzierenden Gewerbe, also da, wo die Roboter die Produktions- und Logistikprozesse der Wirtschaft tatsächlich digitalisieren und revolutionieren können. Insgesamt sind in Deutschland aber aktuell 43,9 Millionen Menschen beschäftigt, ist der Arbeitsmarkt aktuell leergefegt, ist die Arbeitslosigkeit mit 2,5 Millionen Menschen und einer Quote von nur noch 5,6 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit Jahrzehnten. Kurz: Alternative Beschäftigungsmöglichkeiten bietet die Wirtschaft heute in Hülle und Fülle, vor allem das Handwerk und die Dienstleistungsberufe. Allerdings: Von den Menschen wird Anpassung verlangt, die vom Staat sozial abgefedert werden muss – und wird.

Fazit: Strukturwandel in Wirtschaft und Gesellschaft hat es immer gegeben, Digitalisierung ist so gesehen nicht Neues. Maschinen und Roboter werden aber Arbeitsplätze nur in einem Fünftel der Wirtschaft gefährden können, und da natürlich auch nur zu einem bestimmten Prozentsatz. Die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen für alle kann daraus nicht abgeleitet werden. Wohl aber, dass die Menschen die Digitalisierung als Chance begreifen, im Zweifel eine neue, mehr selbstbestimmte Tätigkeit ausüben zu können, nicht mehr dumpf am Fließband stehen.

Von Dr. Helmut Becker

„Saarlandbotschafter“ Dr. Helmut Becker (73) ist Gründer und Direktor des Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK). 1943 wurde der Diplom-Volkswirt und -Kaufmann in Türkismühle geboren. Er war unter anderem Chefvolkswirt bei BMW.




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