Großmacht ohne große Marken
Großmacht ohne große Marken
7. Juli 2017

Auch 26 Jahre nach Ende der Sowjetunion fehlen echte Exportschlager

Am 25. Dezember 1991, an Weihnachten also, war die Sowjetunion Geschichte. Das riesige Land befand sich in einer großen Krise. Kriegsmaschinen aus den USA landeten in Moskau, um dem Hunger der Bevölkerung mit Essensrationen, die im Golf-Krieg übrig geblieben waren, zu versorgen. Die rote Fahne vom Kreml wurde heruntergeholt, die neue Fahne wehte in den Farben Weiß, Blau und Rot. Die alte Planwirtschaft war Vergangenheit. Die neue Marktwirtschaft – hat sie heute, 26 Jahre später, das Land erreicht?

Im Vergleich mit den Marken, wie sie Länder wie die USA, Deutschland oder Japan entwickelt haben, hat Russland bisher immer noch kaum etwas entgegenzusetzen – wenn man von den Rohstoffen Öl und Gas absieht. Eine Russin, die in Berlin lebt, fragte ich vor Kurzem, ob Russland Autos produzieren würde. Die Antwort kam zögerlich, aber deutlich: Ja, es gäbe noch den Lada. Aber einen zu kaufen, würde sie niemandem empfehlen. Das wären schreckliche Autos.

Zumindest günstig sind sie: Der Lada Kalina wird im Moment ab 7.000 Euro angeboten, neu! Ein Lada mit Vierradantrieb ist ebenfalls höchst erschwinglich, ab 10.000 Euro ist man dabei. Ansonsten ist auf dem russischen Automarkt Ebbe, den Moskwitsch oder den Wolga gibt es schon lange nicht mehr. Kaum verständlich in einem riesigen Land, das über gute Ingenieure, eine fleißige Bevölkerung und riesige Mengen an Öl verfügt.

Noch mieser sieht es allerdings aus, wenn man die Zukunftstechnologie Internet und Computer betrachtet. Die USA haben hier mit dem Silicon Valley und Marken wie Apple, Windows, Google, Dell, Facebook und vielen mehr die Nase weit vorn. In Russland dagegen gibt es einen Witz, der sich um die Frage dreht, ob ein Monitor schwarz-weiß oder in Farbe ist. Bedienen können Russen Computer und Smartphones exzellent, das ist in jedem Restaurant oder Hotel zu beobachten. Auch russische Hacker sollen ja unvorstellbare Dinge vollbringen.

Im Jahr 1990, so schrieb die „NZZ“, hinkte das russische Selenograd, wo Computer entwickelt wurden, schon rund 20 Jahre der Entwicklung in den USA und Japan hinterher. Heute sieht es, was internationale Computermarken betrifft, nicht besser für die Russen aus. Doch welche Marken aus Russland sind überhaupt international bekannt? Kann Russland Modemarken wie Zara, H&M, Hilfiger oder Levi‘s – um nur einige zu nennen – etwas entgegensetzen?

Mehr als die bulligen „Schapkas“, die von einem Russen am Checkpoint Charlie angeboten werden, fallen mir zu russischer Mode nicht ein. Dabei sind Russinnen, das ist weithin bekannt, sehr markenhungrig und zeigen Labels exklusiver Marken an Handtaschen gerne herum. Tatsächlich haben russische Modedesigner im Moment großen Zulauf – dank des gesunkenen Kurses des Rubels kaufen Russinnen gerne Mode made in Russia. Bis es die russischen Modedesigner allerdings auf den Weltmarkt schaffen, dürfte noch einige Zeit vergehen.

Nicht viel besser sieht es in Sachen Musik aus. Gibt es in Russland so etwas wie die Millionenseller Lady Gaga, Justin Bieber oder Rihanna? Wikipedia sagt, bekannte Bands aus Russland wären Aquarium, Kino und DDT. Noch nie gehört? Um international als russischsprachiger Sänger Aufmerksamkeit zu bekommen, muss man schon halbnackt in einer Kirche auftreten – siehe Pussy Riot. Doch das mögen wiederum die Russen nicht. Gut, dass es Wladimir Kaminer gibt, der mit seiner Russendisko und seinen zahllosen Büchern wenigstens in Deutschland dafür sorgt, dass man etwas über Russland und den besonderen russischen Humor erfährt.

Nicht viel besser sieht es mit dem russischen Film aus. In den Kinos der Welt dominieren nach wie vor Werke aus Hollywood, in Indien die aus Bollywood. Doch es gibt tatsächlich Filme aus Russland. Zum Beispiel die von Regisseur Renat Dawljetjarow, von Andreja Kontschalowski oder Roman Karimow. Zu sehen bekommt sie allerdings nur derjenige, der auf die russische Filmwoche im November in Berlin geht. Sie findet im Russischen Haus an der Friedrichstraße statt, der kulturellen Bastion Russlands in Berlin.

Dirk Engelhardt

Dirk Engelhardt, geboren 1967 in Göttingen, studierte Nordamerikastudien und Publizistik an der FU Berlin und arbeitet als freier Journalist, Restaurantkritiker, Reisebuchautor und Guide in Berlin. In seiner Freizeit praktiziert er Yoga.




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