Industrie 4.0
Industrie 4.0
9. Januar 2015

Fauler Zauber oder der radikale technologische Wandel für die Zukunft?

Auch in der Wirtschaft gibt es Modethemen. Im Rückblick auf 2014 beherrschte das Thema Industrie 4.0 Industriekonferenzen und Kongresse. Spätestens als die Hannover Messe für 2014 das Motto ausgab: „Integrated Industry – Next Steps“, wurde der Begriff Industrie 4.0 über Nacht in der deutschen Wirtschaft zum zentralen Zukunftsthema. Mehr noch, für wichtige Meinungsführer in der Industrie war damit offiziell das Zeitalter der „Vierten Industriellen Revolution“ ausgerufen.

Getrieben durch Big Data, Cloud-Computing und das omnipotente Internet soll es dabei – grob und bis heute noch sehr nebulös gesprochen – um einen radikalen technologischen Wandel durch Integration sämtlicher Fertigungsprozesse in einer Fabrik gehen. Siemenschef Joe Kaeser spricht von „einer neuen Gründerzeit“, die mit Industrie 4.0 angebrochen sei, und droht, dass jedes Glied dieser neuen integrierten Wertschöpfungskette, das keinen Wert schaffe, herausfalle. Von Seiten der Wissenschaft reklamiert „Industrie-4.0-Stratege“ Thomas Bauernhansl bereits einen Technologievorsprung der deutschen Industrie gegenüber der ausländischen Konkurrenz, den es auszubauen gelte, um diesen „in eine aus europäischer Perspektive dauerhafte Spitzenposition umzumünzen“.

Was hat man sich als Laie hinter all diesen Worthülsen genau vorzustellen? Integration und Vernetzung heißen die Zauberworte – und zwar der Maschinen untereinander. Die Menschen bleiben außen vor oder werden überflüssig. Allerdings: So ganz konkret weiß das noch niemand. Richtig ist in jedem Fall, dass in dieser neuen Industriewelt alle Prozesse integriert sind: Entwicklung, Produktion und Logistik, Wartung und Unterhaltung der Fertigungsanlagen, bis hin zum Recycling von Produkt und Produktionsmitteln und sämtlichen zugehörigen produktionsbegleitenden Dienstleistungen.

Produkte sind rund um die Uhr mit Hilfe von Sensoren und Chips identifizierbar, lokalisierbar, sie kennen ihren bisherigen Werdeprozess, ihren aktuellen Zustand und ihren Zielzustand. Ebenso ist der Fertigungsprozess jederzeit diagnostizier- und kontrollierbar. Angestrebt wird ein lückenloser, sich stetig und nach Möglichkeit selbstständig optimierender Wertschöpfungsprozess. Beispiel: Der Werkleiter kann bei Schlaflosigkeit nachts um zwei Uhr auf seinem Smartphone ablesen, ob die Maschinen X, Y und Z störungsfrei arbeiten und bis mittags – nach Rückkehr vom Golfplatz – die vorgegebenen Stückzahlen in Null-Fehler-Qualität produziert haben.

Ganz gleich, wie man dazu steht: Mit Industrie 4.0 wurde ein neuer Wachstumsstern am industriellen Absatzhimmel geboren. Kein Wunder, dass bei den einschlägigen Branchenverbänden Bitkom, VDMA und ZVEI die Push-Aktivitäten auf Hochtouren laufen.

Schöne neue Welt? Ohne Zweifel stellt das theoretische Konzept von Industrie 4.0 eine prozesstechnische Innovation dar. Eine Vierte Revolution ist sie deswegen aber noch nicht, weil sie keinen Quantensprung an neuen Technologien beinhaltet, wohl aber eine noch umfassendere Integration bereits bestehender Technologien und Fertigungs- und Kontrollprozessen.

Aber: All das gibt es nur zu hohen Kosten. Die Kernfrage bei der Implementierung lautet also: Müssen sich die Industrieunternehmen – vor allem jene aus dem Mittelstand – mehr vor den Kosten dieser Vierten Industriellen Revolution fürchten oder sind die dahinter vermuteten Prozesse eher ein Ertragssegen? Einfach gesprochen: Macht Industrie 4.0 den Unternehmen nur die „Kosten schwerer“ oder auch „das Leben leichter“, und zwar Letzteres so sehr, dass man dafür die höheren Kosten gerne in Kauf nimmt? Und bleibt der Mensch als Arbeitsfaktor bei all dieser Technisierung endgültig auf der Strecke?

Viele Fragen, auf die es bisher keine befriedigende Antwort gibt.

Helmut Becker

„Saarlandbotschafter“ Dr. Helmut Becker (71) ist Gründer und Direktor des Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK). 1943 wurde der Diplom-Volkswirt und -Kaufmann in Nohfelden-Türkismühle geboren. Er war unter anderem Chefvolkswirt bei BMW.




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