Kapitalismus am Ende?
Kapitalismus am Ende?
27. Juni 2014

Die Nullzins-Politik der EZB ist durchaus nachvollziehbar

Anfang Juni begann in der europäischen Geldpolitik eine neue Ära. Die EZB senkte im Kampf gegen eine mögliche Deflation nicht nur den Leitzins für die Eurozone auf ein historisches Tief von 0,15 Prozent, sondern führte erstmals einen Strafzins für Banken ein, die überschüssiges Geld bei der EZB parkten, anstatt es in die Wirtschaft zu pumpen. Dieser Einstieg in Negativzinsen von 0,1 Prozent für Bankeinlagen hat möglicherweise auch bittere Folgen für die privaten Sparer, die durch die bestehende negative Real-Verzinsung ihrer Spareinlagen ohnehin schon zur Kasse gebeten werden.

Für eine Reihe von Wirtschaftswissenschaftlern war dieser Schritt eine Kapitulationserklärung und das Ende des kapitalistischen Wirtschaftssystems. So verkündete Thomas Straubhaar, Chef des Wirtschaftsforschungs-Instituts HWWA: „Der Kapitalismus ist am Ende. Was seine Gegner nicht vermochten, schafft nun die Europäische Zentralbank (EZB). Mit ihrer Politik der Negativzinsen hat sie das Elixier des kapitalistischen Systems trockengelegt“.

In der Tat, an dieser Argumentation ist was dran. Denn der Zins, beziehungsweise die Kapitalverzinsung oder Kapitalrendite, sind Lebenselixier und Kompass der kapitalistischen Wirtschaft seit ihren Anfängen im 15./16. Jahrhundert. Eine positive Kapitalverzinsung ist für Sparer ein Anreiz, auf Konsum heute zu Gunsten eines dann höheren Konsums morgen zu verzichten. Gleichzeitig ist die Höhe der Kapitalrendite für Investoren der Kompass, ihr Kapital da zu investieren, wo die Kapitalknappheit und damit die Rendite und der Gewinn am größten sind.

Der Kapitalzins ist damit Schmiermittel und Steuerinstrument des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Fällt er aus und geht gegen Null, hören die Sparer auf zu sparen, und die Investoren stellen das Investieren ein, denn eine Belohnung für Konsumverzicht oder für das Investitionsrisiko in Form einer Kapitalverzinsung gibt es nicht mehr. Wird der Zins gar negativ, beginnen die Sparer zu entsparen und erhöhen ihre Konsumausgaben, und die Investoren beginnen zu desinvestieren. Ersteres, nämlich höhere Konsumausgaben, hat die EZB gewollt, letzteres versucht sie zu vermeiden, indem sie Banken dazu zwingt, die Investoren zu Investitionen zu animieren.

Ist damit der Kapitalismus am Ende, haben diejenigen damit doch Recht behalten, die schon immer den langfristigen Untergang dieses Systems vorhergesagt haben? Schon Karl Marx prognostizierte ihn 1867 in seinem Buch „Das Kapital“. Der Kapitalismus Marxscher Prägung wurde in Deutschland 1949 durch das System der Sozialen Marktwirtschaft ersetzt. Dieses System hat seit 50 Jahren für Wachstum, Wohlstand und persönliche Freiheit gesorgt, wurde aber immer mal wieder durch temporäre Phasen der konjunkturellen Schwäche, den Konjunkturzyklen, durchgeschüttelt. Ist die Null- oder Negativzinspolitik der EZB letztlich nur Symptom für das Ende des kapitalistischen Systems als Ganzes?

Die Antwort ist ein klares Nein: Der Kapitalismus ist nicht am Ende. Er befindet sich zwar in einer temporären Krise der Sättigung wichtiger Märkte. Aber das ist nicht neu, sondern hat sich in der Wirtschaftsgeschichte seit dem 18. Jahrhundert schon fünfmal ereignet. Nach den empirischen Untersuchungen eines jungen russischen Ökonomen namens Nikolai Kontratjew aus den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts verläuft die Wirtschaft in langen Wellen. Offensichtlich befinden sich die hochentwickelten Länder gerade in der Schwächephase eines solchen Zyklus, dessen Dauer aber – leider – unbestimmt ist. Insofern passt die Nullzins-Politik der EZB genau zu den realen Wachstums- und Renditebedingungen der heutigen Wirtschaft.

Tröstlich zu wissen ist allerdings, dass es dabei nicht bleiben wird. Denn die Schlussfolgerung von Kontratjew aus seiner Analyse war die: der Kapitalismus erfindet sich nach jeder Krise neu. Wie sagte es Udo Lindenberg schon so treffend: „Hinterm Horizont geht‘s weiter.“

Von Helmut Becker

„Saarlandbotschafter“ Dr. Helmut Becker (70) ist Gründer und Direktor des Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK). 1943 wurde der Diplom-Volkswirt und -Kaufmann in Nohfelden-Türkismühle geboren. Er war unter anderem Chefvolkswirt bei BMW.




Merken

Merken

Bild der Woche