Kolumne: Das Wunder von Turin
Kolumne: Das Wunder von Turin
31. Januar 2014

Fiats Übernahme der Chrysler Group ist ein echter Geniestreich

Das Automobiljahr 2014 hat für Fiat mit einem Paukenschlag begonnen: Fiat Chef Sergio Marchionne gab am Neujahrstag 2014 die vollständige Übernahme ihrer amerikanischen Automobiltochter Chrysler durch die Fiat S.p.A. bekannt. Die Chrysler Group LLC mit Sitz in Auburn Hills in Michigan, gegründet am 25. Juni 1925 von den Gebrüder Dodge, hört damit auf, als selbstständiges US-Automobilunternehmen zu existieren. Von den berühmten Big Three (General Motors, Ford und Chrysler) werden damit in Zukunft nur noch die Big Two übrig bleiben, 89 Jahre amerikanische Automobilgeschichte gehen damit zu Ende. Indessen wird die Fiat S.p.A trotz hoher laufender Verluste und seit November 2011 von der Ratingagentur Fitch wegen schwindender Kreditwürdigkeit von Fiat und wegen der hohen Verschuldung auf „BB“ herabgestuft. Und dabei ist es bis zum 31. Dezember 2013 geblieben. Noch im 3. Quartal 2013 schrieb Fiat allein einen Verlust von 247 Millionen Euro. Nur dank Überweisungen der Tochter Chrysler, die seit fast drei Jahren ununterbrochen Gewinne schreibt, wurde daraus für Fiat ein Gewinnausweis von 189 Millionen Euro.

Für Experten schien seit Langem das Ende von Fiat nahe, nur ein Wunder konnte es retten. Und das Wunder geschah! Marchionne hat 2009 mitten in der Chrysler-Insolvenz den Einstieg gewagt, ohne dafür eigenes Geld in die Hand zu nehmen. Dank des Versprechens von Know-how-Transfer von italienischer Automobiltechnik in die Chrysler-Fabriken und Entwicklungsbüros in den USA und der Vorlage eines tragfähigen Sanierungsplanes für den Chrysler-Konzern hat er 2009 einen Anteil von 20 Prozent erhalten. Dies hat er gemacht, unter anderem die Marke Lancia vom Markt genommen. Der Fiat-Anteil wuchs auf 58,5 Prozent, ohne dass dafür italienisches Geld floss.

Für den restlichen Anteil von 41,5 Prozent zahlt Marchionne nunmehr 3,65 Milliarden Dollar in bar sowie weitere 700 Millionen in vier Jahrestranchen. Damit wird Fiat für insgesamt 4,35 Milliarden Dollar einen Konzern übernehmen, für den Fiat selbst nur 1,75 Milliarden Dollar in bar aufbringen muss, während 1,9 Milliarden aus Chrysler-Kassen stammen ebenso wie die restlichen 700 Millionen in vier Jahresraten. Fiat übernimmt dafür einen Konzern, dessen Wert von Investmentbankern auf über zwölf Milliarden Dollar geschätzt wird und dessen Barreserve bei 11,5 Milliarden Dollar liegt.

Marchionne erhält damit Zugriff auf Geld zur Sanierung von Fiat, das Chrysler hat und weiter verdient. Plötzlich sind Investitionsmittel in Reichweite, die von den Fiat-Eigentümern nicht zu haben waren, und zum Start der Fiat-Modelloffensive im Kleinwagenbereich und bei Alfa Romeo im Oberklassesegment dringend benötigt werden. Marchionne hat damit die finanziellen Voraussetzungen für die Rettung Fiats geschaffen.

Sergio Marchionne war der Vater der Chrysler-Übernahme. Er hat einen strategischen Geniestreich geschafft. Marchionne hat sich als ein echter Luchs entpuppt, der den amerikanischen Eigentümern und Steuerzahlern den drittgrößten US-Automobilhersteller regelrecht „abgeluchst“ hat. Nur zur Erinnerung: Während sich zehn Jahre zuvor der Daimler-Konzern und Jürgen Schrempp die „Hochzeit im Himmel“ mit Chrysler 36 Milliarden Dollar nur als Einstieg haben kosten lassen, zahlte Marchionne für Chrysler lediglich 1,9 Milliarden Dollar aus der Fiat-Kasse.

Kann die Übernahme von Chrysler durch Fiat anders als bei BMW-Rover und Daimler-Chrysler gut ausgehen? Für die Zukunft von Fiat und den Erfolg des neugebildeten Automobilkonzerns Fiat/Chrysler muss das jedoch nicht unbedingt gelten. Noch muss als völlig offen gelten, ob aus der neuen Lampe ein „ewiges Licht“ werden kann.

Dr. Helmut Becker


„Saarlandbotschafter“ Dr. Helmut Becker (70) ist Gründer und Direktor des Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK). 1943 wurde der Diplom-Volkswirt und -Kaufmann in Nohfelden-Türkismühle geboren. Er war unter anderem Chefvolkswirt bei BMW.








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