„Sich selbst am Schopf packen“
„Sich selbst am Schopf packen“
16. Juni 2017

Der in Berlin lebende Schriftsteller Michael Kleeberg ist mehrfach für sein Werk ausgezeichnet, kürzlich erhielt er den Gustav-Regler-Preis, der im saarländischen Merzig verliehen wird.

Herr Kleeberg, das Buch, das zuletzt von Ihnen erschienen ist, trägt den Titel „Vaterjahre“. War Ihre Tochter dazu ein Impulsgeber?
Der Titel wurde vom Verlag ausgewählt, aus der verlagstypischen Angst, das Publikum nicht zu verschrecken und etwas möglichst Vielversprechendes zu präsentieren. Mein Arbeitstitel war ganz anders. Aber ich kann mit dem jetzigen leben.

Ihr Protagonist heißt Karlmann Renn, genannt Charly. Er hat Volkswirtschaftslehre studiert, einen Top-Job, Haus und Frau plus zwei Kinder, fährt Mercedes, spielt Golf und trägt am Handgelenk eine Nomos. Was für ein Charakter
ist das?
Einer von denen, die dieses Land zusammenhalten. Ein kluger Mensch, der sich bemüht, auch ein anständiger Mensch zu sein, soweit es geht. Jemand, der glaubt, er selbst müsse seines
Glückes Schmied sein und zwar in diesem einen und einzigen Leben. Der sich für Philosophie, Kunst, Literatur und Religion nicht interessiert. Dennoch kein Vollidiot. Quod erat demonstrandum.

Zufälligerweise ist Karlmann im selben Jahr, 1959, geboren wie Sie. Diese Frage hat man Ihnen vermutlich bereits oft gestellt: Wie viel Michael Kleeberg steckt in Karlmann Renn?
Sehr wenig. Was mir als Erzähler wunderbare Freiheiten gegeben hat. Ist immer befreiend für einen Autor, wenn er keine Rücksicht auf die vermeintliche Bedeutsamkeit der eigenen Person nehmen muss.

„Natürlich gibt es immer einen, der besser ist. So ist das Leben“, heißt es an einer Buchstelle. Es gibt Erfahrungen, die man im Leben machen und aushalten muss, verbunden mit dem Ausloten der eigenen Frustrationstoleranz. Ist der Glaube, ewiger Sieger sein zu müssen, typisch männlich?
Zu guten Teilen ja. Es ist eigentlich erstaunlich, dass 2.000 Jahre Christentum an diesem archaischen Steinzeitideal so gar nichts haben ändern können. Der Kapitalismus lebt auch gut davon, so gut, dass er jetzt auch den Frauen erfolgreich suggeriert, ewig siegen und gewinnen sei attraktiv.

Sie sind in Stuttgart geboren, in Friedrichshafen, Bitz, Böblingen, Hamburg aufgewachsen, Sie lebten in Rom, Amsterdam, Paris und heute in Berlin. Im Buch wird gefragt: „Was ist es für ein Ort, diese Heimat?“ Diese Frage ist höchst aktuell in unserer Zeit. Was ist es für ein Ort, Ihre Heimat?
Schwierig. Einmal Kinderheimat. Erste Entdeckungen, prägende Erfahrungen. Landschaft, Klima, Stadtbilder: das ist Süddeutschland. Später die Orte, wo man sich individualisiert und sich wohlfühlt und wächst. Das ist das Ausland. Heute: Wo Freunde sind. Könnte überall sein, ist aber de facto und ganz zufällig Berlin.

Als Karlmann eine Panikattacke erleidet, muss er sich mit sich beschäftigen. Die Therapeutin erklärt ihm, dass A die Situation, B deren Bewertung und C unsere Gefühle und Verhalten seien. Der Leser erfährt den Grund für Karlmanns Verstörung, aber, und das ist weitaus verstörender, dass es „lebensgefährlich“ werden könnte, die „Systemfrage“ zu stellen. Warum fehlt der Mut?
Wer will und kann schon die „Systemfrage“ stellen? Das hieße, sich selbst am Schopf zu packen und mit der Wurzel auszureißen. Die Gefahr, dass man dabei draufgeht, ohne wohltätige Illusionen, ist sehr groß.


Wir lernen Kai und Jobst kennen. Karlmann spielte mit ihnen Skat. Jobst übernimmt die Firma seines Vaters, trifft eine falsche unternehmerische Entscheidung, seine Frau verlässt ihn, er rutscht ab. Bei Krankheit und Unglück zeigen sich wahre Freunde. Glaubt Karlmann, Unglück sei eine ansteckende Krankheit?
Ist es das nicht? Karlmann ist kein Heroe. Je weiter er vom Versagen, vom Unglück und von den „Versagern“ weg ist, desto geringer die Gefahr, mit in den Abgrund gerissen zu werden. Selbst Goethe versagte sich den Anblick von Not, Tod und Elend bei den anderen. Aber natürlich wären Solidarität und Zuneigung schöner, keine Frage.

Wird Karlmann Renn stärker von seiner Gier oder seiner Verlustangst getrieben? Oder letztlich von der Angst vor dem Tod?
Ich glaube, die finanzielle Gier hält sich bei ihm in natürlichen Grenzen. Es wäre eher die sexuelle, die sein Leben aus den Fugen bringen könnte. Da er aber nicht an größere, metaphysische Zusammenhänge glaubt, muss er seine Schäfchen jetzt ins Trockene bringen. Nur das, was er hier geschafft und geleistet hat – Nachkommen, Autos, Haus, Urlaube et cetera – kann er in die eine Waagschale legen. In der anderen ist die Gewissheit, dass mit dem eigenen Tod alles aus ist.

Der Tod kommt vor. Sie lassen ihn sogar kurz auftreten. Er hockt hinter einem staubigen Gummibaum und döst. Immer wieder trifft der Leser auf Momente zum Schmunzeln. Wenn Sie zu schreiben beginnen, wissen Sie dann bereits wie der Roman endet?
In den großen Umrissen ja. Nicht in den Details. Der Tod in der von Ihnen erwähnten Szene hat irgendwann hinter dem Gummibaum hervorgelugt. Ich muss ihn beschworen haben, ohne es zu merken, da in der entsprechenden Passage so viel vom Sterben die Rede war und davon, welchen Sinn es überhaupt macht, jenseits der Jugend mit ihren starken Emotionen weiterzuleben. Da hat er sich plötzlich gezeigt, und ich fand es sehr passend und habe ihn drin gelassen. Geplant hatte ich seinen Auftritt nicht.


Interview: Michaela Auinger

 

 

Buch-Tipp: Im Sog des Lebens
Das Wohlstandsbürgersein ist ihm Selbstverständlichkeit, dieser Karlmann Renn ist einer, den wir kennen. Einer, dem wir schon einmal die Hand geschüttelt haben, den wir vielleicht sogar bewundern oder aber ablehnen. Dieser Typ Mensch, der darauf schwört, dass jedermann seines Glückes Schmied ist, aber Halt: Wie kommt es, dass dieser Idealtypus der marktkonformen Demokratie eine Panikattacke erleidet? „Das Leben, so unser Eindruck, geht zwar noch weiter, aber nicht mehr voran.“ Es sind Sätze wie dieser, die einen wie Keulenschläge treffen. Klarsichtig, präzise und virtuos komponiert der Schriftsteller Michael Kleeberg einen mehrstimmigen Bewusstseinsstrom, dem der Leser gebannt folgt. Dabei geschieht nichts wirklich Spektakuläres, ein Roman mitten in Deutschland, mitten im Zeitgeschehen, mit ab und zu eingestreuten Rückblenden. Die Kapitel tragen Überschriften wie Privatleben, Arbeit, Umfeld. Karlmanns Frau Heike hat Kleeberg eine Ostbiografie verordnet und beschert uns auch deren Familienanhang samt Beinahe-Konfrontation, die zur beliebten Verhaltensweise, der männlichen Flucht führt, wenn es gälte, Dinge mal auszudiskutieren. Ja, das ist auch ein Buch für Frauen, die Kleeberg bestätigen könnten, dass er seinen Geschlechtsgenossen gut zugeschaut und zugehört hat. Ja, das ist auch ein Buch für Männer, die Kleeberg bestätigen könnten, dass sie sich wiedererkennen. Ja, das ist ein Buch, das ich all jenen empfehle, die es zulassen können, das Leben zu reflektieren. Das ist nicht immer angenehm, aber auch nicht unkomisch.
Michaela Auinger

Michael Kleeberg: Vaterjahre
Roman, gebundenes Buch
512 Seiten, 24,99 Euro
Deutsche Verlags-Anstalt
ISBN: 978-3-421-04355-9

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