Der Hausumzug
Der Hausumzug
21. April 2017

Weil die Stadt Detroit das ehemalige Haus der Bürger­rechtlerin Rosa Parks abreißen lassen wollte, brachte der Künstler Ryan Mendoza es in Einzelteilen nach Berlin und baute es hier wieder auf. Im Rahmen des Gallery Weekends kann die Installation besichtigt werden.

Skurriler könnte das Setting am Rande des Soldiner Kiezes in Berlin-Wedding nicht sein: An der Kreuzung zwei Eckkneipen, ein türkischer Kulturverein und ein Automaten-Casino. Eingerahmt von halbherzig restaurierten Altbauten und 60er-Jahre-Architektur. Am Ende der Straße ein Friedhof, zwischen zwei Wohnhäusern eine Lücke, davor ein graues Tor.

Auf den Druck auf den Klingelknopf hin öffnet Ryan Mendoza die schwere Metalltür – in ausgebeulter farbbekleckerter Trainingshose und schwarzer Jacke, unter der ein roter Kapuzenpulli hervorblitzt. Das Ganze stilecht gekrönt von einem Cowboyhut. Der US-amerikanische Künstler lebt mit Frau und Kind auf einem Grundstück, das er vor einigen Jahren auf Ebay ersteigerte und auf dem er ein Atelierhaus sowie ein Wohnhaus quasi eigenhändig aufgebaut hat. Der Platz zwischen den beiden funktionalistisch anmutenden Bauten wird seit Anfang des Jahres von einem dritten Gebäude eingenommen, das so gar nicht in den Weddinger Kiez zu passen scheint: ein einstöckiges Holzhaus mit zugezogenen Vorhängen hinter den Fenstern, die Fassade des Erdgeschosses in Weiß, der ersten Etage in Schwarz, Farbe blättert von den Brettern.

Ein einfaches Haus, so wie es in US-amerikanischen Vororten – gerade in den einkommensschwächeren – wohl millionenfach zu finden ist. Dieses freilich hat eine ganz besondere Geschichte. Es ist nämlich das Haus, in dem Rosa Parks zwei Jahre lang in Detroit gelebt hat. Die 1913 in Alabama geborene Parks wurde 1955 zur Ikone der US-Bürgerrechtsbewegung, weil sie sich weigerte, im Bus ihren Sitzplatz für einen weißen Fahrgast zu räumen. Die 41-Jährige wurde verhaftet – als Reaktion organisierte Martin Luther King den Montgomery Bus Boycott, der weitere Bürgerrechtsproteste in vielen US-Städten nach sich zog. Weil Rosa Parks selbst zahlreiche Morddrohungen erhielt, zog sie schließlich mit ihrer Familie nach Detroit.

Jahrzehnte später fand sich das Haus, in dem Parks mit 13 Kindern ihres Bruders zwei Jahre lang gelebt hatte, auf der Abrissliste der Stadt. Es war eines von Zehntausenden durch Leerstand heruntergekommenen Gebäuden, die die Stadtverwaltung einfach nur ausradiert haben wollte. Rosa Parks Nichte Rhea McCauley hörte davon und wandte sich hilfesuchend an Ryan Mendoza und seine Frau Fabia.


Die hatten bereits mit zwei anderen „Hausprojekten“ Aufsehen erregt: Beide Male ging es um Leerstand, vernachlässigte Stadtviertel und Menschen, die sich nach der Finanz- und Immobilienkrise von der Politik im Stich gelassen fühlten. Über einen Fernsehbeitrag kam der Kontakt zwischen dem Künstlerpaar und Rhea McCauley zustande. Die hatte das frühere Wohnhaus ihrer Tante bereits für 500 Dollar ersteigert, wusste dann aber nicht weiter. Und Ryan, der Detroit als eine der „Wunden des Landes“ bezeichnet, beschloss, das heruntergekommene Haus kurzerhand zu zerlegen und in Berlin wiederaufzubauen.


Über zwei Wochen dauerte allein der Abbau in Detroit, bei dem Nachbarn aus dem Viertel mithalfen, so dass das Ganze bereits dort zu einem Happening wurde. Im Schiffscontainer überquerten Holzbalken, Fenster- und Türrahmen den Atlantik, und den Winter über baute Mendoza das Haus Holzlatte für Holzlatte in seinem Weddinger Hinterhof wieder auf. Ohne Helfer, ohne technische Hilfsmittel wie zum Beispiel einem Kran.


Knochenarbeit sicherlich, für Mendoza aber ein wichtiges Anliegen. Denn er wollte dieses Stückchen amerikanischer Geschichte vor der Auslöschung retten, dem Haus, wie er sagt, seine Würde zurückgeben. Für ihn ist es mitsamt all den deutlichen Spuren, die Zeit und Vernachlässigung hinterlassen haben, ein Symbol in mehrfacher Hinsicht. „Allein, dass das Haus so lange leer stand und abgerissen werden sollte, wirft doch ein Schlaglicht auf die Prozesse, die dahinter stehen“, sagt der Künstler bei einem Espresso in seiner Wohnküche.


Leerstand und Verwahrlosung ganzer Stadtteile infolge der Immobilienblase, ein prosperierendes Abriss-Business auf der anderen Seite: Längst hat sich auch das FBI mit den Verflechtungen zwischen Stadtverwaltungen und Abrissfirmen in Detroit befasst. Verständlich vor diesem Hintergrund, dass Mendozas Bitte an die Stadt um Unterstützung bei der Rettung des Parks-Hauses auf taube Ohren stieß. Auch als klar wurde, dass der Künstler das Gebäude im Rahmen eines Projekts nach Europa transportieren und hier aufbauen würde, blieb die Resonanz potenzieller Sponsoren übersichtlich.

„Das ist das Haus, an dem amerikanische Institutionen einfach kein Interesse haben“, sagt Ryan und deutet aus seinem Küchenfenster auf den Holzbau nebenan. Ein Satz, der im Raum hängen zu bleiben scheint – und Mendoza legt nach. 1992 verließ er die USA, lebte seitdem in Italien und in Deutschland. Seine amerikanische Heimat und vor allem die aktuellen politischen Verhältnisse sieht er äußerst kritisch, fühlt sich peinlich berührt davon, wie man „in den USA mit der eigenen Vergangenheit umgeht“.

Auch ein Grund dafür, dass das Rosa-Parks-Haus jetzt in Berlin steht und beispielsweise im Rahmen des Gallery Weekends Ende des Monats besichtigt werden kann. Zumindest von außen, denn das von innen beleuchtete Haus wird zusammen mit einer Sound- und Musikcollage aus Filmen der 50er-Jahre zu einem Gesamtkunstwerk. Ein Museum habe er hier nicht einrichten wollen, sagt Ryan Mendoza, das habe er dem Haus und der damit verknüpften Geschichte gegenüber für respektlos gehalten.

Endgültiger
Standort weiter ungewiss

Noch ist völlig unklar, wo das Parks-Haus endgültig bleiben wird. Denn der Platz zwischen Mendozas Atelier und dem Wohnhaus seiner Familie ist wohl nur eine Zwischenstation. Gut vorstellbar, dass die riesige Installation zeitnah in ein europäisches Museum ziehen wird.

Noch viel lieber würde der Künstler es aber wieder in den USA wissen. Sein Traum: Rosa Parks Haus im Garten des Weißen Hauses. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass das Kunstprojekt eine Heimat in einer auf zeitgenössische Kunst spezialisierten Sammlung oder Stiftung finden wird. Eine erste Anfrage hat es offenbar bereits aus Italien gegeben.


Sabine Loeprick

Weitere Informationen unter:
www.gallery-weekend-berlin.de/
Dokumentation von Fabia Mendoza zu den Haus-Projekten:
www.fabiamendoza.com

Merken

Merken

Bild der Woche