Farbgewaltige Kunst zum Wohnen
Farbgewaltige Kunst zum Wohnen
17. März 2017

Das „Museum Sammlung Zimmer“ in Merzig beherbergt rund 100 beeindruckende Werke der „Neuen Wilden“ um den Maler Rainer Fetting. Gemeinsam mit seiner Frau Gudrun hat sich Martin Zimmer einen Herzenswunsch erfüllt und ein Museum für seine Sammlung erbaut.

Gudrun und Martin Zimmer haben in mehr als 30 Jahren eine der bedeutendsten Sammlungen figurativer Malerei der 80er-Jahre zusammengetragen. Mit einem 2008 begonnenen und im Oktober 2015 fertiggestellten Museumsbau haben sie ihr Lebenswerk gekrönt. Entstanden sind 550 Quadratmeter Ausstellungsfläche, angrenzend an 500 Quadratmeter Wohnfläche. „Bilder sollen für alle da sein. Die Allgemeinheit hat einen Anspruch darauf“, erklärt Gudrun Zimmer die Beweggründe, die Sammlung mit und in einem Museumsbau öffentlich zu machen.

Kunst begleitet einen dort auf Schritt und Tritt. Das Ehepaar Zimmer wohnt sozusagen in einem Museum mit knapp 100 Gemälden, eine Abgrenzung von privatem Wohnbereich und Museum ist nicht spürbar. Der neue Museumsanbau ist den Werken ihres „Stars“ Rainer Fetting vorbehalten, aber auch im Wohnbereich drängen sich Werke von Salomé, Helmut Middendorf, Bernd Zimmer, K.H. Hödicke und Jörg Immendorf in musealer Qualität. Und jedes Werk hat seine eigene Geschichte innerhalb der Sammlungshistorie.

„Wie toll wäre es, wenn man in einem Museum wohnen könnte?“, dachte sich Martin Zimmer schon als Kind. Sein Vater, der als Malermeister das gesamte Haus der Familie ausgemalt hatte, starb, als Martin Zimmer gerade fünf Jahre alt war. „Die dadurch entstandene Lücke löste eine Einsamkeit aus, die mit nichts beantwortet wurde. Erst Paul Klees Bilder – als Initialzündung fungierte Klees „Villa R“ – haben mir schließlich Antworten und Trost gegeben.“

Jedes Werk hat eine eigene Geschichte

Mit 16 Jahren kaufte er das erste Kunstwerk: ein im Stein signierter Druck von Joan Miró. Als er sein Medizinstudium beendet hatte und als Internist sein Geld verdiente, sammelte er in den 70er-Jahren zunächst Werke saarländischer Künstler wie Hansi Schröder, Edvard Frank oder Jean Schuler, zusätzlich Werke der Künstlergruppe „Spur“. Doch als er Mitte der 80er-Jahre die figurative Malerei der „Neuen Wilden“ entdeckte, war er sofort fasziniert von deren expressiver Erlebnismalerei. Eine neue Ära des Sammelns begann.

Die „Neuen Wilden“ waren eine Gruppe junger Maler, die 1977 in Berlin die „Galerie am Moritzplatz“ gründeten, und deren Protagonisten Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Salomé und Bernd Zimmer als „Moritzboys“ Berühmtheit erlangten. Das eigene Befinden, welches die Maler zum Bildthema machten, ihr Bedürfnis nach Selbstdarstellung, das Party- und Nachtleben in Bars und dem Musikclub „SO36“, zelebrierten sie als wilden Farbrausch mit Dispersionsfarben auf der Leinwand. „Heftige Malerei“ (1980, Haus am Waldsee, Berlin) und „A New Spirit in Painting“ (1981, Royal Academy of Arts, London) waren die beiden Ausstellungen betitelt, die die Moritzboys Anfang der 80er-Jahre berühmt machten. Doch der schnelle, auch kommerzielle Erfolg, ließ die Gruppe recht bald zerbrechen. In der Sammlung Zimmer sind sie alle wieder vereint.

Werke von Paul Klee gaben Antworten

Gleich an der Eingangstür des Wohnhauses empfangen zwei kleinformatige Gemälde von Rainer Fetting den Besucher, die sowohl im Format als auch in der malerischen Umsetzung ungewöhnlich sind. „Canoeing on Hudson River“ aus dem Jahr 1985 zeigt eine beeindruckende Flusslandschaft mit aufgelöstem Pinselstrich und ohne die üblicherweise Mitte der 80er-Jahre expressiv eingesetzten Farben. Das zweite Gemälde im Eingang ist ein Porträt mit dem Titel „Melancholischer N.Y. Cop (Sebastian)“ aus dem Jahr 2004: Ein junger Mann im Halbfigurenporträt mit nacktem Oberkörper und Polizistenmütze schaut mit verträumten Blick am Betrachter vorbei. Der junge Mann auf dem Gemälde ist Sebastian Zimmer, der Sohn der Familie Zimmer. Das Porträt entstand in New York während einer gemeinsamen USA-Reise von Sebastian und Rainer Fetting im Jahr 2004. Bereits ein Jahr zuvor stand Sebastian in Berlin für eine Serie von insgesamt 30 Bildern Modell. Eines davon befindet sich auch in der Sammlung Zimmer mit dem Titel „Sebastian und Fetisch“ (2003).

Auffallend im Wohnbereich ist die Konzentration auf die Malerei von Karl Horst Hödicke. Sein bedrohlich wirkendes Bild „Mauerzeichnung“ (1972) hinterfängt den Esstisch, ein weiteres „Stillleben mit Reibe und Presse“ (2003) markiert die Eingangstür zur Küche. Die Gemälde „Jaguar“ (1983) und „Gestirn“ (1985) flankieren die lederne Sitzgruppe, die wohl als „Wohnzimmer“ fungiert. Zwei Varianten von Jörg Immendorffs „Maleraffe“ gehen zwischen diesen imposanten Werken fast unter. A.R. Penck – dessen Gemälde erst vor wenigen Monaten Eingang in die Sammlung fand – bildet gemeinsam mit Immendorf und Hödicke die erste Generation der deutschen Neoexpressionisten, die sich wieder der Figuration widmeten. „Hödicke ist ein spannender Maler. Ich mag seine große Variationsbreite, sein großes malerisches Können. Was Fetting im Lauten verarbeitet, macht Hödicke im Leisen“, begründet Martin Zimmer seine große Anzahl an Hödicke-Gemälden. Im Übergangstrakt folgen die Hödicke-Schüler Salomé und Helmut Middendorf mit kapitalen Werken, unter anderen mit einer beeindruckenden Version von Middendorfs Nachtbildern, nämlich „City of Red Nights (W.B.)“.

Den Eingangsbereich des Museumsanbaus markiert ein Gips-Modell der „Willy-Brandt-Büste“, die Fetting eigens zur Eröffnung des Museums bemalt und als Geschenk übergeben hat. Und dann tritt man ein in Fettings farbgewaltiges Bild-Tagebuch seiner „wilden“ Berliner und New Yorker Zeit.

Die frühen Bilder zeigen eine bedrückende Stimmung, ein persönliches Betroffensein. So auch die Gemälde „Duschraum II“ und „Große Dusche“ (beide 1980 entstanden), die in ihrer kalten Farbigkeit und rohen Körperlichkeit den unheilvollen Moloch Berlin widerspiegeln. Frühe Mauer- und Stadtbilder wie etwa das Gemälde „Mauer Kreuzberg“ von 1977, sind ein trister Beleg für die Wahrnehmung einer geteilten Stadt als unveränderbare Realität. Ganz anders Fettings Blick auf die Mauer im Jahr 1999 in seinem Bild „Mauer mit Debis und Reichstag“. Das von Renzo Piano 1997 erbaute Debis-Haus mit dem auffällig grünen Logo und aufgefächertem Würfel markiert links oben das neue Berlin am Potsdamer Platz. Bildbestimmend fungiert eine in Farbgebung und Verlauf überzeichnete Mauer, die es so nie gegeben hat. Und immer wieder: Stadtszenen gepaart mit einer Figur mit breitkrempigem Hut – laut Bildtitel den Maler Van Gogh darstellend – die immer mit weit ausholendem Schritt an der Mauer als allgegenwärtiger Begrenzung entlang eilt. Wir sehen den Maler Fetting und sein Alter Ego auf Streifzügen durch die geteilte Stadt. In der Sammlung Zimmer finden sich insgesamt sieben Variationen des „Van-Gogh-Motivs“, eine davon hängt als Leihgabe im Büro der Saarbrücker Oberbürgermeisterin Charlotte Britz.

Eine Farborgie in Rot und Gelb

Eine wahre Farborgie in Rot und Gelb ergießt sich in der Aktdarstellung „Großer Liegender“ aus dem Jahr 1982. Ein männlicher, gelber Rückenakt mit ausgeprägter Körperkontur und sein Spiegelpendant räkeln sich in glutroter Landschaft auf blauem Grund. Die beiden 1979 in New York entstandenen Gemälde „Drummer und Gitarrist IV“ und „CB GB’s“ zeigen Fettings Bestreben, die Emotionen, die ihm die Musik (als Schlagzeuger) vermittelte, auch in der Malerei umzusetzen. „Groß, laut, schnell“, so sollten die frühen Bilder entstehen und auch emotional wirken, resümierte Fetting jüngst in einem Interview.

Gibt es bei dieser Fülle von beeindruckenden Gemälden ein „Lieblingsbild“ innerhalb der Sammlung? Ja, es ist Fettings „Selbstportrait mit Zigarette“ von 1981: „Das Selbstporträt ist einfach genial, diese Differenzierung von Schwarz und Grün, man kann es nur bewundern. Alle seine Zweifel und Widersprüche sind in diesem Portrait zusammengefasst“, begründet Martin Zimmer mit leuchtenden Augen die Wahl seines Lieblingsbildes.

Wer in der „heftigen Malerei“ von Rainer Fetting und den „Neuen Wilden“ schwelgen will, hat im Museum Sammlung Zimmer den perfekten Ort gefunden.

Neben den faszinierenden Räumlichkeiten ist es auch die herzliche Gastfreundschaft und die Begeisterung des Sammlerpaares, die den Besucher überwältigt. Ein Vergnügen, sich von dieser Begeisterungsfähigkeit anstecken zu lassen!

Von Dr. Elke Schwarz



Info:

Museum Sammlung Zimmer

Hollandstraße 10

66663 Merzig-Hilbringen


Öffnungszeiten:

Sonntags von 14 bis 17 Uhrsowie nach Vereinbarung.

Telefonische Voranmeldung erbeten unter Telefon 0151-52402220





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