Filmemacherinnen wollen mehr Macht
Filmemacherinnen wollen mehr Macht
17. März 2017

Knapp die Hälfte aller Filmschulabsolventen sind Frauen. Doch später, im Berufsleben, gibt es wenige Regisseurinnen, ungleiche Bezahlung, konservative Rollenbilder. „Höchste Zeit zum Handeln“, findet die Regisseurin Esther Gronenborn, Mitgründerin von „Pro Quote Regie“.

Historienfilm über eine Nonne schlägt Champions League-Partie: Das passiert im deutschen Fernsehen auch nicht alle Tage. 7,28 Millionen Zuschauer wollten am 22. Februar in der ARD „Katharina Luther“ sehen, zum Fußball zog es nur 2,66 Millionen. Der Film ist aber noch in anderer Hinsicht bemerkenswert. Gedreht wurde er von einer Frau, Julia von Heinz, und mit Daniela Knapp war zusätzlich eine Kamerafrau am Werk.

Nun sollte man meinen, das sei doch heutzutage nichts Besonderes. Ist es leider doch: Der Anteil der Regisseurinnen in der ARD betrug 2015 beim fiktionalen Programm – also bei „erfundenen“ Fernsehfilmen oder Serien – zwischen 18 Uhr und Mitternacht gerade mal 15,3 Prozent. So steht es im dritten Regie-Diversitätsbericht des Bundesverbandes Regie e. V., der gerade veröffentlicht wurde. Noch schlechter sieht es im ZDF aus mit einem mageren Frauenanteil von 11,9 Prozent. Bei den Privaten gibt es große Unterschiede: Während bei SAT.1 nur 4,2 Prozent Regisseurinnen das Programm ab der Abendessenszeit mitgestalten, kann RTL immerhin 27,1 Prozent aufweisen.

Dem Zuschauer fällt das wahrscheinlich eher weniger auf. Denn auf der Mattscheibe gibt es zum Beispiel im ZDF Serien mit Frauen im Mittelpunkt wie „Helen Dorn“ oder „Marie Brand“.  Bloß: Der Frauenanteil bei der Regie ist dabei gleich Null – wie auch bei den anderen Titeln.

Krimis traut man Frauen wohl überhaupt nicht zu. Glatte null Prozent sind es beim ARD-„Polizeiruf“, der „Tatort“ schafft mit Mühe zehn – und auch das nur, weil NDR und WDR überhaupt einen Frauenanteil aufzuweisen haben. Beim Zweiten sieht man auch nicht weiblicher: Im Viertel-nach-Acht-Freitagskrimi tauchen Frauen gern mal als Leiche oder Mörderinnen auf, nicht aber als Regisseurinnen. Bei den Filmen, die um 21.15 Uhr beginnen, kann „Soko Leipzig“ keine einzige Frau auf dem Regiestuhl vorweisen, die Reihe „Schuld – nach Ferdinand von Schirach“ hingegen erstaunliche 50 Prozent.

Leider gilt der Umkehrschluss zum recht regisseurinnenfreien Krimi so gar nicht. Denn wer jetzt meint, die Frauen machten alle „Herzkino“, irrt. Selbst Rosamunde Pilcher und Inga Lindström sind fest in Männerhand.

Nicht, dass es im Kino wirklich besser wäre. Von den 99 Spielfilmen, die 2015 ins Kino kamen, war nur ein knappes Sechstel von Frauen. Immerhin stand „Ich bin dann mal weg“ von Julia von Heinz 2015 auf Platz zwei der Kinocharts mit 275.000 Besuchern. Der Trend geht hier nach unten, denn 2014 lag der Frauenanteil noch ein paar Prozent höher.

Man muss diese Zahlen sehen, scheinen doch Frauen in Film und Fernsehen allgegenwärtig. Das ist auch immer ein Argument, wenn der Verein „Pro Quote Regie“ (PQR), ein Zusammenschluss von Regisseurinnen in Deutschland, auf eine gerechtere Verteilung der Aufträge an Männer und Frauen drängt. Esther Gronenborn kennt das schon. Die Regisseurin und Autorin gehört zu den Gründerinnen von PQR, ist im geschäftsführenden Vorstand des Bundesverbandes Regie und Mitglied der deutschen und europäischen Filmakademie. „Auch wir haben etwas gebraucht, bis wir uns der Situation bewusst waren“, erinnert sie sich. „Aber dann kam der Punkt, an dem wir sicher waren: Hier läuft etwas falsch. Also haben wir recherchiert und 2014 den erste Diversitätsbericht zusammengestellt. Die Fakten waren klar: Elf Prozent Frauen im Primtime-Programm im Fernsehen, 20 Prozent im Kino. Das war für uns ein Schock.“ Der wurde noch größer, als sie die Zahlen der Filmschulabsolventinnen dazu ins Verhältnis setzten. Damals waren es 42 Prozent, heute sind es sogar 44. Der nächste Hammer war die ungleiche Bezahlung. Regisseurinnen und Dramaturginnen erhalten rund 36 Prozent dessen, was Männern gezahlt wird, bei Kamerafrauen sind es sogar teilweise nur 30 Prozent.

„Ganz finster wird es bei den Rollenbildern und Stereotypen in Kino und TV“, stellt Esther Gronenborn fest. Den sogenannten Bechdel-Test bestehen gerade mal 14 Prozent aller deutschen Filme. Der ist zwar nicht wissenschaftlich, sagt doch aber einiges aus über die Stereotypen von Frauenrollen. Ein Film besteht, wenn folgende Fragen positiv beantwortet werden: Gibt es mindestens zwei Frauenrollen, und haben sie einen Namen? Sprechen sie miteinander? Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann?

Höchste Zeit also zum Handeln. 2014 gründete sich „Pro Quote Regie“ auf der Berlinale mit zwölf Regisseurinnen, inzwischen sind es über 400. PQR ist inzwischen die größte Interessenvertretung weiblicher Filmschaffender in Deutschland. Sie ist seit drei Jahren mit ihrer „Multimedia-Bubble“ bei der Berlinale, um ihre Forderungen in die Öffentlichkeit zu bringen: eine paritätische Besetzung der Vergabegremien und eine Frauenquote. Die Ziele sind hoch gesteckt. In diesem Jahr sollen es 30 Prozent sein, bis 2019 dann 42, das entspricht dem Anteil der Regieabsolventinnen. 2024 schließlich soll die 50-Prozent-Marke erreicht werden, das wäre dann die Gleichheit der Geschlechter.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Das wissen die PQR-Frauen, und sie sind deshalb nicht nur zur Berlinale aktiv. Sie waren bei den Filmfestspielen in Cannes, erregten so internationale Aufmerksamkeit. Kulturstaatsministerin Monika Grütters griff die Forderungen auf und gab eine Studie für den Kulturbetrieb in Auftrag, die 2016 erschien. Die wiederum gab den Anstoß für einen runden Tisch im Bundeskanzleramt, um Vorschläge zu mehr Geschlechtergerechtigkeit auf den Weg zu bringen. Die Degeto, die Filmeinkaufsorganisation der ARD, die auch selbst produziert und kofinanziert, spricht sich mittlerweile für eine Quote von 20 Prozent für das gesamte Programm der ARD aus. Die Produktionsfirma Studio Hamburg/Letterbox verkündete 2016 das Ziel, bis 2017 eine 50/50-Quote bei der Regievergabe erreichen zu wollen. Der SWR hat beschlossen, dass auf der Vorschlagsliste für Regiebesetzungen in fiktionalen Programmen zum gleichen Anteil Frauen auftauchen müssen. Das ZDF hat sich bisher etwas schwer getan mit einer Quote, will aber nun ein Maßnahmenpaket auf die Beine stellen, damit sich etwas verändert.

Die PQR-Frauen sind noch etwas skeptisch. Bisher haben Bekenntnisse zur Selbstverpflichtung nicht viel gebracht. Deshalb saßen sie 2016 mit am Tisch zur Novellierung des Filmfördergesetzes. Nicht alle Forderungen wurden erfüllt, aber wenigstens sollen die sozialen Standards in der Filmbranche angehoben und besser kontrolliert werden.

Die Quotenforderung hat sich inzwischen auch auf andere Bereiche ausgeweitet, wie den Dokumentarfilmbereich und das Theater, und es gibt sogar „Pro Quote Medizin“. Die Schauspielerin Maria Furtwängler gründete eine Stiftung und initiierte eine Studie zu Rollenbildern, PQR-Frauen bieten Mentorinnenprogramme an und organisieren Foren und Workshops.

Noch sind die Quotenforderungen nicht erreicht. Esther Gronenborn sieht jetzt die Politik in der Pflicht: „Gerade die öffentlich-rechtlichen Sender, die mit Steuergeldern arbeiten und eigentlich gesetzlich dazu verpflichtet sind, auf Gleichberechtigung zu achten, müssten bindende Vorgaben bekommen.“ Ihr Blick geht da nach Schweden, wo das Filminstitut, das die Filmförderung verantwortet, Zielvorgaben hat für eine paritätische Verteilung der Gelder. Nun gibt es dort genau so viele Regisseurinnen wie Regisseure.

Regina Friedrich


Weitere Infos zu „Pro Quote Regie“ e.V. unter www.proquote-regie.de, dort findet sich auch der dritte Diversitätsbericht.



Jetzt für alle

Viele der Filme von der jüngsten Berlinale kommen demnächst in die Kinos oder werden im Fernsehen gezeigt – ein Überblick:

Kino-Starts von Berlinale-Filmen

30. März: „I Am Not Your Negro“ von Raoul Peck, „The Other Side of Hope“ von Aki Kaurismäki
6. April: „Tiger Girl“ von Jakob Lass
13. April: „Rückkehr nach Montauk“ von Volker Schlöndorff
25. Mai: „Berlin Syndrom“ von Cate Shortland
1. Juni: „Beuys“ von Andreas Veiel,
„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Matti Geschonneck
20. Juli: „Final Portrait“ von Stanley Tucci
7. September: „Una mujer fantástica“ von Sebastián Lelio
14. September: „Mr. Long“ von Sabu
19. Oktober: „The Dinner“ von Oren Moverman


Berlinale-Filme im Fernsehen

Der Dreiteiler „Der gleiche Himmel“ von Oliver Hirschbiegel wird am
27., 29. und 30. März, jeweils 20.15 Uhr, im ZDF gesendet.
„I Am Not Your Negro“ von Raoul Peck und „Monsieur Mayonnaise“ von Trevor Graham sind im Juni auf Arte zu sehen.



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