Im Leben ist es dann doch nicht so verrückt
Im Leben ist es dann doch nicht so verrückt
31. Juli 2015

Der saarländische Minister Reinhold Jost verriet FORUM was er privat am liebsten liest, worüber er gerne lacht und bei welchem Thema er aus seiner Meinung keinen Hehl macht.

Herr Jost, warum zählen die beiden Bücher von Rita Falk „Dampf­nudelblues“ und „Schweinskopf al dente“ zu Ihren Lieblings­büchern?
Das sind nur zwei von einer ganzen Reihe, die als Bayernkrimis von Rita Falk geschrieben wurden. Mir gefallen die Charaktere, mir gefällt auch die brachiale Art des Humors, der dort zum Ausdruck kommt. Ich selbst bin manchmal um einen derben Witz nicht verlegen. Mir liegt die Sprache und die Schreibweise von Rita Falk, und egal wie oft ich das Buch in die Hand nehme und durchlese, ich lache mich jedes Mal schlapp. Da sind so viele verrückte Charaktere – das ist fast wie im richtigen Leben. Gleichzeitig ist es so überzeichnet, dass man immer wieder merkt, Gott sei Dank ist es im Leben dann aber doch nicht so verrückt.

Die Hauptfigur, Franz Eberhofer, hat auch sehr derbe Züge. Beispielsweise sagt er an einer Stelle zu seiner Freundin, „Du hast mittlerweile ganz schöne Dellen auf di Haxn“. Was gefällt Ihnen an derben Charakteren?
Mir gefällt es, weil die Menschen so sind. Ich nehme die Menschen gerne so an, wie sie sind. Ich bin jetzt seit 20 Jahren Ortsvorsteher in meinem Heimatort Siersburg, und das mit Leib und Seele. Mein Vorgänger nannte mir das Geheimnis des Erfolgs. Wenn du erfolgreich sein willst, musst du drei Dinge beherzigen: Erstens „Everybodys darling is everybodys Depp“. Du kannst es nie allen recht machen, du musst deinen eigenen Weg gehen. Das zweite: „Du darfst vor niemandem Angst haben“. Und das dritte: „Du musst die Menschen mögen, so wie sie sind“. Im Buch gibt es noch ganz andere Stellen, dies ist noch eine harmlose. Diese Stellen zeigen die Wirklichkeit schonungslos.

Gut, es ist eine Geschmackssache. Ich bezweifele, dass Frauen es mögen, wenn ihnen jemand ihre Dellen an den Beinen vorhält.Ja, in der Regel sagen dies Männer mit Schmerbäuchen.Treffen Sie diese derben Charak­tere auch in der Politik?
Sehr selten, es gibt sie aber. Ich merke, dass nicht jeder mit Derbheit umgehen kann. In meiner kurzen Zeit als Abgeordneter im Deutschen Bundestag habe ich es erlebt. Ich bin Anhänger des gepflegten Herrenwitzes und sagte dies auch bei meiner Vorstellung. Dies führte zu sehr unterschiedlichen Reaktionen; die eine Hälfte lachte, die andere schüttelte den Kopf und empörte sich. Mir zeigte das, dass es Bereiche gibt, die vom wirklichen Leben ein Stück weit weg sind. In meinem Heimatort zählt nicht in erster Linie Etikette. Niemand würde mit mir reden, wenn ich mich hier als Bildungsbürger geben würde. Ich weiß, wo ich herkomme. Ich habe nach der Hauptschule eine Schlosserlehre absolviert, habe eine Zeit lang auf der Dillinger Hütte gearbeitet und danach eine Ausbildung zum Finanzbeamten gemacht. Man muss mit den Leuten umgehen können – das versuche ich.


Lesen Sie diese Literatur wegen der garantierten Lachtränen?
Es ist eine Mischung aus Freude und Ablenkung und auch eine Flucht in eine andere Welt. Dazu habe ich viele Jahre lang auch den bekannten Schmöker „Der Herr der Ringe“ verschlungen.

Sie teilen diese Leidenschaft für „Der Herr der Ringe“ auch mit der saarländischen Minister­präsidentin. Was fasziniert Sie an diesem Buch?
Es ist die gewaltige Bildsprache und das tiefe Geflecht, in das man eintaucht, ohne sich in einer Geschichte so zu verlieren, dass man nicht mehr weiß, wo man hin will. Es waren die Charaktere und der ewige Kampf zwischen Gut und Böse. Noch öfter als ich das Buch gelesen habe, habe ich die Filme gesehen.

Wünscht man sich denn diese Werte und Charaktere in der Realität, sollte eine Gesellschaft so funktionieren?
Es sind Idealvorstellungen, an die man sich immer wieder erinnern sollte. Und die man auch als eigene Handlungsmaxime sehen sollte. Für mich zählt das Thema Freundschaft und wie bei Franz Eberhofer das Thema gutes Essen. Oftmals ist man als Minister unter einer Art Glocke. Es gibt viele Leute um einen herum, die es gut meinen, aber es ist auch wichtig, dass einem jemand ehrlich die Meinung sagt.

Lesen Sie neben Ihrer täglichen Arbeit noch?
Ja, dies ist mit eins meiner wichtigsten Tätigkeitsfelder. Ich muss auch viel lesen, denn ich komme weder aus dem Umweltbereich noch aus der Landwirtschaft. Ich bin gelernter Haushälter, da ich zehn Jahre lang Vorsitzender und Sprecher des Haushalts- und Finanzausschusses der SPD-Fraktion war. Mich in Themenbereiche einzulesen, ist für mich eine sehr ambitionierte Herausforderung. Ich versuche auch, mich in meiner freien Zeit abzulenken oder mit anderen Dingen zu beschäftigen, die beispielsweise Tagesaktualität haben. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich ein Buch über Fritz Bauer angefangen, der damals die Auschwitz-Prozesse initiiert und vorangetrieben hat. Gleichzeitig lese ich zurzeit ein Buch über die Rückkehr der Wölfe, und ich habe eine große Affinität zum Thema Bergbau und Industriegeschichte. Ich habe ein sehr breites Spektrum, oftmals fehlt mir die Zeit, mich intensiv damit zu beschäftigen.

Zu Ihrer Tätigkeit als Umwelt- und Verbraucherschutzminister sind Sie auch Justizminister. Profitiert Ihre Tätigkeit als Justizminister von Kriminalromanen?
Nein. Wenn das der Fall wäre, müssten nicht nur ich, sondern auch ein paar andere Leute sich Gedanken machen. Dieses Amt ist sehr stark von der Unabhängigkeit der Justiz, der Gerichte, der Staatsanwaltschaft geprägt und von größeren Einrichtungen wie der Justizvollzugsanstalt. Ich werde – Gott sei Dank –
sehr stark entlastet durch die Staatssekretärin. Dass ich kein Jurist bin, hat anfangs für Aufsehen gesorgt. Ich habe zwar kein juristisches Staatsexamen, aber ich habe einen gesunden Menschenverstand. Bisher hat mir dies in meinen 49 Jahren geholfen. Ich habe eine herausragend gute Staatssekretärin und ein Ministerium, das sehr hohe Qualität abliefert. Durch die Größe des Saarlands haben wir wenig Spielraum, Justizpolitik zu betreiben. Dies passiert eher auf Bundesebene. Bei dem Thema rund um Pegida habe ich jedoch klar und eindeutig Stellung bezogen. Anfang des Jahres durfte ich in St. Wendel in der evangelischen Kirche dazu eine Predigt halten. Auch als Justizminister habe ich aus meiner Meinung keinen Hehl gemacht.

In Ihrem Lieblingsbuch gibt es den Vater von Kommissar Franz Eberhofer, der Beatles-Fan ist und einen kleinen Cannabis-Garten hat. Wie stehen Sie als Justizminister dazu?
Es gibt in der Rechtsprechung eine Vorgabe, wonach es – bezogen auf das Thema Cannabis – so genannte Freigrenzen für den Eigenbedarf gibt. Dies ist zu respektieren, solange man keine Änderung durch schärfere Gesetze herbeiführt. Im Moment sehe ich keinen Sinn darin, dies zu verändern.

Die Romanfigur Franz Eberhofer sagt an einer Stelle des Buches „Schweinskopf al dente“: „Wobei man ja schon sagen muss, dem Türken fällt so was ja gar nicht auf. Ich war schon einmal in der Türkei und weiß genau wie die dort hausen. Da ist ja dieser grindige Bungalow praktisch das reinste Neuschwanstein für die.“ Wird hier nicht Fremdenfeindlichkeit unter dem Deckmäntelchen des Humors versteckt?
Da könnte ich Ihnen jetzt dutzende andere Bücher nennen, wo das teilweise ganz offen versucht wird. Es gibt aufgrund der aktuellen Situation und Debatte immer die Frage „Was darf Humor?“, „Was darf Kunst?“. Ich glaube nicht, dass Franz Eberhofer ein Rassist oder ein Ausländerfeind ist. Er ist jemand, der geradeheraus sagt, was er im Moment denkt. Wenn er merkt, dass er auf dem falschen Weg ist, fängt er dies jedoch schnell wieder ein. Ich sehe es nicht als unter dem Deckmäntelchen des Humors verbreitete Ausländerfeindlichkeit. Er macht sich auch an anderen Stellen des Buches über seine Art des Lebens oder die bayrische Art zu leben lustig. Er lacht mit Sicherheit genauso oft über sich selbst wie über andere.

Sind Ihnen diese Stellen im Buch denn aufgefallen?
Ja natürlich. Es gibt viele Bücher, viele Romane, in denen es solche Stellen gibt. Man muss sehen, in welcher Diktion sie geschrieben sind. Rita Falk hat den Franz Eberhofer mit Sicherheit nicht geschrieben, um ausländerfeindliche Botschaften zu versenden. Ich denke, er erfüllt an der einen oder anderen Stelle Klischees, er ist auch an verschiedenen Stellen ein Spießer und verlogener Hund gegenüber seiner Partnerin.

Es gibt auch Kritik zu dem Roman, er wird teilweise als Groschenheftchen bezeichnet. Sehen Sie das auch so?
Klar. Rita Falk will auch nicht im literarischen Quartett besprochen werden; sie will die Leute zum Lachen bringen. Im Urlaub will ich auch mal auf der Liege liegen und lauthals lachen.

Urbayrischer Klamauk, sperrige Charaktere, die den Widrigkeiten des Lebens gelassen und mit viel Humor begegnen – ist das auch Ihr Lebensmotto?
Es ist eines, das meinem sehr nahe kommt. Ich weiß ob der gesellschaftlichen Erwartungshaltung gegenüber einem Minister. Ich muss mich diesen Erwartungshaltungen auch annähern. Aber ich will mir ein Stück meiner Persönlichkeit, „dem Joscht“, wie ich im Saarland genannt werde, erhalten. Das sind teilweise Kleinigkeiten, wie beispielsweise nicht morgens um sieben vom Chauffeur abgeholt zu werden, sondern mit meiner Partnerin zusammen ins Ministerium zu fahren. Mir ist die Beziehung zu meiner Partnerin, die vor zwei Jahren schwer krank war, wichtiger als viele andere Dinge. Diese gemeinsam verbrachte Zeit morgens kann uns keiner wegnehmen. Ich will mich nicht verstellen, und ich will auch nicht, dass das Amt mich so verändert. Ich will authentisch bleiben, ohne dabei jedoch das Amt zu beschädigen. Das ist eine Gratwanderung, die mir bisher aber gut gelungen ist.

Interview: Elke Holz

 

 

Zur Person:
Reinhold Jost (49) absolvierte eine Ausbildung zum Finanzfachwirt und trat 1983 in die SPD ein. Seit 2014 ist er Minister für Umwelt und Verbraucherschutz sowie Minister der Justiz des Saarlandes.

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