im Tanzfieber
im Tanzfieber
11. August 2017

Tanz auf verschiedenen Berliner Theater­bühnen, aber auch an unge­wöhnlichen Orten und im öffentlichen Raum gibt es in den nächsten drei Wochen in einer Dichte, die Berlin zur temporären Tanzhauptstadt macht. Zum Festival „Tanz im August“ werden rund 150 Choreografen und Tänzer aus 21 Ländern erwartet.

Auf die Balance komme es an, sagt Festivalkuratorin Virve Sutinen. Auf eine Ausgewogenheit im Programm zwischen international bekannten Tanzcompanys, den mittelgroßen Ensembles und Soloperformern. Aber natürlich auch darauf, Vertreter unterschiedlicher Generationen zu zeigen und eine möglichst große „geografische Bandbreite“. Das ist der gebürtigen Finnin, die das Festival in Berlin seit 2014 leitet, und ihrem Team auch bei der 29. Ausgabe von „Tanz im August“ gelungen. Denn die Vielfältigkeit der künstlerischen Ansätze und die Diversität der vertretenen Choreografen aus Nationen wie Brasilien, Griechenland, Schweden oder Kamerun lassen keinen Zweifel daran, dass das Festivalprogramm internationale Trends ebenso aufgreift wie es etablierten Größen der Tanz- und Performanceszene Respekt zollt.


Und das gleich zum Auftakt. „Kalakuta Republik“, so der Titel der Produktion, mit dem Choreograf Serge Aimé Coulibaly aus Burkina Faso die dreiwöchige Veranstaltungsreihe eröffnet. Coulibaly arbeitete unter anderen mit Alain Platel und Sidi Larbi Cherkaoui zusammen, bevor er 2002 seine eigene Company gründete. Jetzt geht er – inspiriert von Fela Kuti, dem nigerianischen Erfinder des Afrobeats und politischen Aktivisten, Zusammenhängen zwischen Kunst und Politik nach. Und der Frage, was passiert, wenn sich ein Künstler in die Politik einmischt, zum Anführer einer Widerstandsbewegung wird.

Nicht zufällig hat Festivalleiterin Sutinen dieses kraftvolle, um Fragen nach politischem Engagement kreisende Stück für die Eröffnung des dreiwöchigen Festivals gewählt. Man kann es durchaus als Entdeckungsreise zu noch nicht so bekannten Flecken in der internationalen Tanzlandschaft verstehen.

Etablierte und Newcomer

Denn im Anschluss an Coulibaly zeigt Zora Snake aus Kamerun auf dem Gelände des Kindl-Zentrums für zeitgenössische Kunst im Bezirk Neukölln seine Performance „Au-delà de l’humain“ – „Jenseits des Menschlichen“. Das Credo des Künstlers, der mit Elementen aus Hiphop und rituellen Tänzen experimentiert? Jeder Mensch besitzt eine besondere Fähigkeit – politische Verhältnisse und soziale Ungerechtigkeit aber verhinderten oft, dass diese gelebt werden könne.


Ein paar Kilometer weiter beschäftigt sich die in Berlin lebende Schweizerin Lea Moro zur gleichen Zeit mit dem Thema Hedonismus – was bedeutet eigentlich Vergnügen und weshalb ist es in unserer Gesellschaft so wichtig, ja quasi oberstes Ziel? Wie wird Spaß produziert? Moro wählt für ihre choreografische Recherche die grellbunte Bildersprache von Vergnügungsparks und Rummelplätzen, lässt Körper rotieren, Masken und groteske Kostüme zu einer Landschaft verschmelzen.

Und als ob die drei Produktionen aus Kamerun, Berlin und Burkina Faso nicht genügend tänzerischen Stoff für einen Festivalstart bieten würden, beginnt bereits am Nachmittag die Retrospektive zum Werk der spanischen Künstlerin La Ribot. Mehrere Performances und zahlreiche Filme der 1962 in Madrid geborenen Tänzerin werden bis Anfang September im Rahmen dieser Werkschau zu sehen sein – einige davon in der Galerie Barbara Weiss. Weshalb man sich dafür entschieden habe, die mitunter sperrigen Performances von La Ribot, die von Beginn ihrer Karriere im Spannungsfeld zwischen Theater, Tanz, Film und bildender Kunst arbeitete, in dieser Konzentration zu zeigen?

Weil es spannend sei, so ganz unterschiedliche Arbeiten der Künstlerin und Feministin La Ribot aus den letzten 25 Jahren sehen und erleben zu können, sagt Festivalleiterin Virve Sutinen, die mit ihrem Team die vergangenen zwei Jahre an der Vorbereitung der Retrospektive gearbeitet hat. Tanz als flüchtige Kunst sei oft extrem schwer zu rekonstruieren, erzählt Sutinen. Vor 25 Jahren sei es halt noch nicht selbstverständlich gewesen, jede einzelne Probensequenz per Smartphone aufzuzeichnen und zu archivieren. Dank akribischer Recherche und Archivarbeit könne jetzt aber unter anderem die sechsstündige Performance „Laughing Hole“ und das Duett mit der französischen Choreografin Mathilde Monnier in Berlin gezeigt werden – ein 60-Minuten-Stück, in dem es um Rollentausch und Verwandlung, aber auch um Weiblichkeit und Selbstdarstellung geht.

Suche nach Identität

Überhaupt, die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, der Sexualität, der Gender-Thematik, dem Altern. Sie nimmt in so einigen Produktionen im diesjährigen Festivalprogramm einen wichtigen Platz ein. Und wird dabei höchst unterschiedlich dekliniert und interpretiert. Alexandra Bachtzetsis aus der Schweiz beispielsweise wirft in ihrer Performance einen Blick darauf, wie sich sexuelle Identität im alltäglichen Verhalten widerspiegelt. Sie spielt mit Körperbildern und Posen, lässt sich dabei von orientalischen Tänzen, Dragqueens und Yogatrends inspirieren.


Cristiana Morganti, ehemalige Tänzerin bei Pina Bausch, nähert sich diesen Fragen nach Identität mit Nonchalance, Tempo und viel Humor. „Jessica and me“ – so lautet der Titel ihres ersten abendfüllenden Stücks, in dem sie in weißem Kleid und auf roten Stilettos einen Einblick in ihr Leben mit und ohne ­Tanzikone Pina Bausch gibt.


Und Sängerin und Choreografin Dorothée Munyaneza aus Ruanda gibt in der Produktion „Unwanted“ all jenen Frauen aus ihrer Heimat eine Stimme, die beim Genozid 1994 zu Vergewaltigungsopfern wurden, „unerwünschte“ Kinder zur Welt brachten. Munyaneza hat Geschichten von Frauen und Kindern gesammelt, erzählt von ihrem Alltag, ihren Hoffnungen. Verstörend, berührend und kraftvoll zugleich.


Neben diesen kammerspielartigen Formaten warten auf Tanzbegeisterte auch Produktionen auf den Bühnen des Radialsystems V und des Hauses der Berliner Festspiele. Der in Frankreich lebende Tunesier Radhouane El Meddeb begibt sich auf eine künstlerische Reise in seine durch die Revolution veränderte Heimat, trifft dort auf Künstlerinnen und Künstler, die sich politisch engagieren, lässt ihre Geschichten in seine Choreografie für acht Darsteller einfließen – begleitet von Gesang und Klavier. Ganz anders das frühere „Enfant terrible“ der britischen Tanzszene Michael Clark. In den 80er- und 90er-Jahren verstörte er mitunter ballettfixierte Zuschauer, indem er klassischen Tanz mit Punk-Elementen zusammenbrachte, eigenwillig und äußerst dynamisch. Dieses Mal aber ist er mit einem dreiteiligen Stück zu Gast, einem Art Triptychon, das scheinbar Heterogenes kunstvoll miteinander verbindet. Minimalistische Kompositionen von Erik Satie, Punk-Songs von Patti Smith, Anleihen aus dem Ballett und modernem Tanz, dazu eine Hommage an die im letzten Jahr verstorbene Pop-Ikone David Bowie. Letzterer war für Choreograf Michael Clark eines seiner größten Vorbilder.

Der 29. „Tanz im August“ will aber nicht nur Schaufenster für internationale Produktionen sein, sondern bietet ebenso der hiesigen Tanzszene eine Plattform. Auch dabei achten die Festivalorganisatoren auf Ausgewogenheit. Neben Lea Moro und Jefta van Dinther ist in der „Berliner Sektion“ Sasha Waltz mit gleich zwei Choreografien vertreten, einer älteren und einer neuen Arbeit. So wird im Rahmen des Festivals ihr neues Stück „Women“ uraufgeführt – in der St. Elisabeth-Kirche.

Es ist nur einer von mehreren Orten, an denen zeitgenössischer Tanz in den kommenden Wochen in Berlin zu sehen sein wird. Denn auch das ist ein Anliegen von Virve Sutinen und ihrem Team: in die Stadt hinauszugehen, unter anderem mit Performances im öffentlichen Raum ein breiteres Publikum zu erreichen. Das kann bei den „Publikumsformaten“ auch selbst aktiv werden oder zumindest mitdiskutieren.

Publikum trifft auf Künstler

In der „Bibliothek im August“ im Festivalzentrum am Halleschen Ufer erzählen Choreografen, wie ihre Stücke entstanden sind. Bei der Reihe „On the Sofa“ geht es unter anderem um Tanzarchive, die japanische Tanzform Butoh und die Frage nach Identität. Hört sich so an, als ob es nicht nur dabei zu spannenden Begegnungen kommen könnte.

Sabine Loeprick

Programm und Tickets:
www.tanzimaugust.de

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