KinoTipp: Auf der Strecke
KinoTipp: Auf der Strecke
17. Februar 2017

Regisseur Peter Berg hat die Bombenanschläge auf den Boston-Marathon 2013 zu einem Spielfilm mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle gemacht. „Boston“ ist hochspannend, hinterlässt aber auch ein beklemmendes Gefühl.

Drei Tote, mehr als 250 Verletzte: Innerhalb weniger Sekunden verwandelten zwei Bomben den Boston Marathon 2013 in ein Schlachtfeld. Die USA standen unter Schock. Wer waren die Schuldigen? Wie konnte es den Attentätern gelingen, inmitten der Menschenmenge die tödlichen Sprengsätze zu zünden? In „Boston“ verknüpft Regisseur Peter Berg nun Anschläge, Täter, Opfer mit den Ermittlungen der Polizei zu einem Spielfilm. Ein brisantes Projekt: Lediglich drei Jahre Distanz sind eine kurze Zeit, um den Zuschauern das Trauma als Spielfilm vorzuführen.

Der Sergeant Tommy Saunders (Mark Wahlberg) soll beim Boston Marathon den Zielbereich sichern. Wenig begeistert nimmt er die Arbeit auf. Während sich die Bürger auf das Großereignis freuen und zu Tausenden an die Strecke strömen, sind da noch Tamerlan (Themo Melikidze) und Dschochar Tsarnaev (Alex Wolff). Die Brüder machen sich auf den Weg, um zwei Bomben in der Zuschauermenge zu platzieren. Die Sprengsätze gehen hoch, es bricht Chaos aus. FBI-Special-Agent Richard DesLauries (Kevin Bacon) und Bostons Polizeichef Ed Davis (John Goodman) übernehmen die Ermittlungen. Durch Aufnahmen von Überwachungskameras werden die Brüder Tsarnaev als Verdächtige identifiziert.

Als deren Fotos veröffentlicht werden, wollen sie aus der Stadt fliehen und planen, weitere Bomben zu zünden. Die Polizei kann die Spur der Brüder aufnehmen, bis einer von ihnen bei einer Schießerei stirbt und der andere in seinem Versteck entdeckt und überwältigt wird.

„Boston“ verblüfft durch ein Drehbuch, das recht dezent mit übertrieben heldenhaften Darstellungen umgeht. So ist der von Wahlberg dargestellte Saunders ein einfacher, vorübergehend vom Dienst suspendierter Polizist, der sich von seinem dauerhaft schmerzenden Bein durch Alkohol abzulenken versucht. Und die Polizei Bostons macht Fehler, die eine Festnahme der Täter fast unmöglich macht. Dabei ist „Boston“ ein perfekt inszenierter, hochspannender Thriller. So gehört die spektakuläre Schießerei zu den Höhepunkten des Films, die sich die Brüder Tsarnaev mit der Polizei liefern. Im Gegensatz zu dieser minutenlangen Action steht das Verhör, das eine Polizistin (Khandi Alexander) mit der Ehefrau einer der Attentäter führt. Die Zwei-Personen-Szene macht den Zuschauer atemlos, ohne viele Worte zu verlieren. Ist die Frau als Mittäterin einzustufen? Was weiß sie? Gibt es weitere Bomben?

Atemlose spannung auch ohne viel worte

Der Film stellt die Attentäter auch als Menschen vor. Tamerlan entpuppt sich anfangs als liebender Vater und jähzorniger Ehemann, zeigt sich später als dominanter Fanatiker. Dzhokhar hingegen ist zuweilen als trivial und mitläuferisch dargestellt. Deutlich werden diese Eigenschaften in einer Szene: Als die Brüder den verängstigten jungen Mann mit seinem SUV entführen, geht Tamerlan äußerst brutal vor, während es Dzhokhars größte Sorge ist, einen iPod-Dock im Auto zu finden.

„Boston“ ist aber auch ein Stück weit oberflächlich. Der Film erklärt zu wenig die Dschihad-Ideologie der Brüder. Das wäre wichtig, weil die radikal-islamische Gedankenwelt der Terroristen weiterhin eine weltweite Bedrohung darstellt. Die Motive der Attentäter bleiben zu unpräzise, um diese verstehen zu können.
Der Film endet mit Bildern der echten Opfer des Anschlags. Mit einer „Jetzt-erst-recht“-Haltung haben einige von ihnen wieder an einem Boston-Marathon teilgenommen – im Rollstuhl, mit Prothesen, mit Narben.

In Interviews betonen die Menschen, sich nicht von Anschlägen und Terror einschüchtern lassen zu wollen – bekannte Worte, die nach jedem Anschlag auf die westliche Welt gesprochen werden. Diese finalen Szenen holen die spannende Spielfilmhandlung zurück in die Realität, die – und das ist das Erschreckendste des ganzen Filmes – noch immer von Terror gezeichnet ist. Paris, Brüssel, Berlin und Istanbul – die Geschichte von „Boston“ ist noch lange nicht zu Ende erzählt…


Holger Lodahl

 

 

INFO:
Boston USA 2016
Regie: Peter Berg
Drehbuch: Peter Berg, Matt Cook, Paul Tamasy, Eric Johnson
Darsteller: Mark Wahlberg,
Kevin Bacon, John Goodman,
J. K. Simmons, Michelle Monaghan,
Khandi Alexander
Länge: 133 Minuten
Musik: Trent Reznor, Atticus Ross
FSK: ab 12 Jahren
Bundesweiter Kinostart:
23. Februar 2017
Im Internet:
www.patriotsdayfilm.com

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