KinoTipp: Die letzten Tage der Unschuld
KinoTipp: Die letzten Tage der Unschuld
11. August 2017

Zwei Mädchen, eine Großstadt – und wenig elterliche Kontrolle. „Tigermilch“ kommt am 17. August in die Kinos.

Was ist schon die Freiheit der Jugend gegen die Probleme des Alltags? Nini (Flora Li Thiemann) und Jameelah (Emily Kusche) sind beste Freundinnen. Während des Unterrichts in der Schule tuscheln sie miteinander, und in der Pause mixen sie auf dem Klo Tigermilch. Das ist eine Mischung aus Maracujasaft, Milch und Weinbrand. Letzteren klauen die beiden 14-jährigen Mädchen in irgendwelchen Läden. Auch sonst gehen die beiden gerne einkaufen ohne zu bezahlen. Meist geht es um irgendwelchen modischen Krimskrams, etwa um lange getigerte Strümpfe, von denen Nini und Jameelah dann je einen tragen.


Der Film basiert auf dem Roman „Tigermilch“, dem Debüt der Schriftstellerin Stefanie de Velasco, der im Jahr 2013 erschienen ist. Die Handlung des Romans war bereits die Grundlage für mehrere Theater-Inszenierungen. Nun hat sich Regisseurin Ute Wieland des Stoffs angenommen und daraus einen Film gemacht.

Der Film basiert auf einem
Roman von 2013

Die Umgebung, in der Nini und Jameelah aufwachsen, ist alles andere als wohlbehütet. Eine Siedlung aus langen, langweiligen Wohnblocks, in der Menschen leben, die sich von Tag zu Tag durchschlagen müssen.

Ninis Mutter Annika (Gisa Flake) ist Alkoholikerin, liegt die meiste Zeit auf der Couch vor dem Fernseher und kümmert sich fast nicht um ihre Tochter. Ihren Vater hat Nini schon seit Jahren nicht mehr gesehen, dafür ist ihre Mutter jetzt mit Rainer (Heiko Pinkowski), einem Taxifahrer, zusammen. Und dann lebt in der Wohnung noch Ninis kleine Schwester Jessi (Anna Büttner), die auch schon mal einen Schluck von Mamas Eierlikör trinkt. Jameelah ist als Kleinkind zusammen mit ihrer Mutter Noura (Narges Rashidi) aus dem Irak nach Deutschland gekommen, nachdem ihr Vater und ihr Bruder dort umgebracht wurden. Das immer noch laufende Asylverfahren schwebt wie eine unsichtbare Bedrohung über der Geschichte der beiden Freundinnen.


„Tigermilch“ ist ein schneller Film, manche Sequenzen erinnern schon fast an einen Videoclip. Die Handlung entwickelt sich zügig, Langeweile kommt  nicht auf. Ute Wieland hat das Tempo der Großstadt Berlin eingefangen. Einer Großstadt, in der die Jugendlichen, die dort aufwachsen, einer unendlichen Vielfalt von Reizen ausgesetzt sind. In optischer Hinsicht weiß der Film, was er will. Die Kameraarbeit wirkt solide und setzt die Umgebung, in der die beiden Mädchen aufwachsen, angemessen ins Bild. Der schillernde Ku‘damm und der von Touristen eingenommene Bereich um die Gedächtniskirche, aber auch der in unmittelbarer Nähe gelegene Straßenstrich in der Kurfürstenstraße sind das Gebiet, in dem sich Nini und Jameelah herumtreiben. Was nicht heißt, dass die beiden nicht auch einmal auf einer Party im reichen Grunewald landen.


Erinnerungen an die Doku „Prinzessinnenbad“ aus dem Jahr 2007 von Bettina Blümner werden bei einer Reihe von Szenen wach, in denen sich die Jugend des Viertels im Freibad trifft. Die Angst vor dem Sprungturm, begehrliche und dennoch unsichere Blicke zwischen Jungen und Mädchen, und die Macht beschützender Brüder – all das lässt sich hier beobachten.


In dem Film geht es um den Verlust der Unschuld. Sind die beiden Freundinnen zu Beginn noch weitgehend vom Augenblick getrieben, lernen sie im Verlauf des Films mehr und mehr, was es heißt, in Verantwortung zu sein. In Verantwortung für das, was um sie herum passiert, aber letzten Endes auch für das eigene Leben.


Es geht in „Tigermilch“ aber auch um den Verlust der Unschuld im übertragenen Sinn – um das erste Mal. So beschließen Nini und Jameelah zu Beginn der Ferien, dass sie innerhalb der folgenden sechs Wochen mit einem Mann schlafen wollen. Doch was sie dann tatsächlich erwartet, wird ihre Freundschaft ernsthaft auf die Probe stellen.


Wolfgang Lenders

 

 

INFO:  Tigermilch
Drama/Komödie, D 2017
Regie und Drehbuch:
Ute Wieland
Romanvorlage:
Stefanie de Velasco
Darsteller: Flora Li Thiemann, Emily Kusche, David Ali Rashed,
Narges Rashidi, Gisa Flake, Narges Rashidi, Heiko Pinkowski, Anna Büttner
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Bundesweiter Kinostart:
17. August 2017
Im Internet: www.constantin-film.de/kino/tigermilch/

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