Mord im Umspannwerk
Mord im Umspannwerk
19. Mai 2017

Kriminelle Energie versus detektivischer Spürsinn – so oder so ähnlich lautet die Grundformel des Bühnen­krimis. Im Berliner Kriminal Theater wird sie seit 17 Jahren in allen Facetten aufgeführt. Im Mittelpunkt stehen Raffinesse, Witz und logisches Denken.

Es soll Leute geben, die „Die Mausefalle“ schon 17 Mal gesehen haben, jedes Jahr einmal. Das Berliner Kriminal Theater jedenfalls hat bereits im Jahr 2011 die tausendste Vorstellung des Erfolgsstücks von Agatha Christie gefeiert. Auch in diesem Jahr wird es – natürlich – wieder gespielt.

Klassiker und Bestseller-Krimis

Aktuell steht die Neuinszenierung  des Thrillers „Revanche“ von Anthony Shaffer auf dem Programm, ein klassisches Verwirrspiel. Im Mittelpunkt stehen der betuchte Schriftsteller Andrew Wyke und der mittellose Schauspieler Milo Tindle, der eine Affäre mit Andrews Frau hat. Der weiß darüber Bescheid und lädt den Rivalen auf sein abgelegenes Anwesen ein. Denn Milo, der als arbeitsloser Schauspieler denkbar knapp bei Kasse ist, soll die wertvollen Juwelen des Schriftstellers stehlen, damit er seiner Geliebten, also Andrews Frau, etwas bieten kann. Der Coup soll sich durch einen Versicherungsbetrug gleich doppelt lohnen – und Milo geht auf den detailliert ausgearbeiteten Plan ein. Doch er hat die Rechnung ohne Andrew gemacht, alles kommt anders als geplant, es fallen Schüsse. Das 1971 ausgezeichnete Stück wurde mit Michael Caine und Jude Law verfilmt.

Klassiker wie Shaffers „Revanche“ sind aber nur ein Teil des Repertoires im Berliner Kriminal Theater. Neben Edgar Wallace („Der Zinker“) und Agatha Christie („Tod auf dem Nil“) spielt das Ensemble auch Bühnenfassungen aktueller Krimis. Die Dramatisierungen gibt es bereits vom Verlag, Intendant Wolfgang Rumpf bearbeitet den Stoff dann noch einmal für die eigene Bühne.

Bei den Zuschauern kommen diese Romanadaptionen gut an, denn ihnen sind Autoren wie Sebastian Fitzek oder Jussi Adler-Olsen bestens bekannt – führen die doch regelmäßig die Bestsellerlisten an. Kein Wunder also, dass sich das Kriminal Theater keine Gedanken um sinkende Besucherzahlen machen muss –
zumal die Eintrittspreise im Laufe der Jahre moderat geblieben sind. Das Theater ist mit seinen 200 Plätzen überschaubar, das Publikum dicht am Geschehen auf der Bühne – all das sowie das hauseigene Restaurant machen das Erfolgsrezept aus.

Angefangen hat alles vor rund 17 Jahren – am 13. April 2000 fand die Eröffnungsvorstellung des Kriminal Theaters statt. Damals noch in Berlin-Wilmersdorf, im ehemaligen Kabarett-Theater von Dieter Hallervorden. Das war in der Nürnberger Straße unweit des KaDeWe, zu einer Zeit, als es mit dem Kudamm und der City-West gerade bergab ging. Jede Woche schlossen mehr Geschäfte, viele Gebäude standen leer. Auch deshalb hatte Hallervorden beschlossen, mit seinen „Wühlmäusen“ in ein neues Domizil am Theodor-Heuss-Platz umzuziehen.

Wolfgang Rumpf und Wolfgang Seppelt, der Chef-Dramaturg, schlugen damals zu, als Hallervorden ihnen kurzerhand das Theater mit der gesamten Bestuhlung, der Bühnentechnik und der sonstigen Einrichtung zum Verkauf anbot. Doch nur drei Jahre später war endgültig Schluss in dem abrissreifen Gebäudekomplex. 2003 kaufte eine spanische Investor-Gruppe das Grundstück und ließ auf dem Areal an der Ecke Nürnberger/Lietzenburger Straße ein wuchtiges 4-Sterne-Design-Hotel mit Dach-Schwimmbad und japanischem Garten errichten.

Also mussten Rumpf und Seppelt, bis heute die Chefs des Kriminal Theaters, auf die Suche gehen. Ein Zufall führte sie zum alten Umspannwerk Ost, das 1899 als Transformatoren- und Umformerstation zur Versorgung Berlins mit Elektrizität erbaut worden war. Die mächtigen Stahl-Glas-Tore im Erdgeschoss deuten noch heute auf den ehemaligen Maschinensaal hin. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Anlage zum großen Teil zerstört. Eine Stanzblech-Fabrik nutzte das Gebäude bis zum Ende der 80er-Jahre als Produktionsstätte. 2003 hatte gerade ein Architektenkonsortium das Gebäude gekauft und mit dem Umbau des Komplexes begonnen – Rumpf und Seppelt fanden das spannend.  Ein kleines Theater, das den heutigen Saal nutzte, war pleitegegangen. Die Chefs des  Kriminal Theaters aber schreckte das nicht ab, sie sahen in dem Gebäude in der Nähe des Strausberger Platzes Potenzial. Sie arrangierten sich  mit den Architekten, die das denkmalgeschützte Gebäude behutsam restaurierten, zogen mit Sack und Pack um. Seitdem geht es in der Palisadenstraße um Mord, Raub und Betrug, um Tricksereien und Täuschungsmanöver – pointenreich und bühnenwirksam inszeniert.

Ensemble-Mitglieder
sind aus
Fernsehserien bekannt

Das Ambiente ist stilecht: Ein Torbogen weist den Weg in den Hinterhof. Rote Backsteinfassade, hohe Fenster mit viel Glas und Stahl, rechter Hand eine begrünte Mauer. Industriearchitektur, die ein wenig an das London von Sherlock Holmes erinnert. Passender könnte das Umfeld für eine Krimibühne nicht sein. Dennis Schönwetter – auch er gehört zum Gründungsteam – kann sich allerdings noch gut daran erinnern, dass das Theater am neuen Standort erst einmal „ankommen“ musste. Von der Kudamm-Seitenstraße nach Friedrichshain – das bedeutete ein völlig neues Umfeld und ein neues Publikum. Das kam jetzt in erster Linie aus den umliegenden Bezirken. Aber der fürs Marketing zuständige Schönwetter sah von Anfang an eine große Chance im Standort Umspannwerk. „Wir sind lediglich zwei U-Bahnstationen vom Alex entfernt und auch der Ostbahnhof ist nicht weit. Somit sind wir zentral genug gelegen, um auch viele Touristen zu uns zu locken.“ Das scheint zu gelingen – und so  strömen allwöchentlich mehrere Schüler- und Reisegruppen ins Theater. „Wir schätzen den Touristenanteil auf 48 Prozent unserer Zuschauer“, sagt Schönwetter – insgesamt liege die Auslastung bei 72 Prozent. Pro Jahr kommen sie auf 370 Vorstellungen, wobei an manchen Tagen Doppelvorstellungen eingeplant sind. „Wir sind stolz darauf, dass wir ohne Subventionen auskommen“, betont Dennis Schönwetter, „anders als viele Berliner Theater, die in einem ähnlichen Segment unterwegs sind.“

Das Ensemble besteht aus 64 Schauspielern, die im Berliner Kriminal Theater zwischen Tourneen oder Engagements an anderen Häusern auf der Bühne stehen. Darunter sind beispielsweise Felix Isenbügel, der mit „GZSZ“ bekannt wurde, Uta Schorn („In aller Freundschaft“) oder  Sandra Steinbach (Staatsanwältin im SR-Tatort). Das Kriminal Theater kann so gleichzeitig die Berliner Bühne bedienen und auf Tournee gehen. Zum Beispiel in die Schweiz oder nach Österreich. Oder auch in die Umgebung von Berlin. So wird es im Sommer ein Gastspiel im Kloster Chorin geben – auf dem Programm steht dann „Im Namen der Rose“.


Volker Thomas

Merken

Merken

Bild der Woche