Pazifist wird Kriegsheld
Pazifist wird Kriegsheld
6. Januar 2017

Mel Gibson versucht sich mit dem Kriegsfilm „Hacksaw Ridge“ in Hollywood zu rehabilitieren. Dieses Comeback dürfte ihm gelingen. Schon jetzt ist er für drei Golden Globes nominiert.

Es gab eine Zeit, in der es an ein Wunder gegrenzt hätte, Mel Gibson wieder mit einem großen Film in den Kinos zu erleben. Mitte der 2000er-Jahre machte der Schauspieler und Regisseur weltweite Schlagzeilen mit homophoben und antisemitischen Äußerungen. Zwar versuchte er, sich durch Talkshow-Auftritte zu entschuldigen. Kaum aber wollte ihm die US-Öffentlichkeit verzeihen, machte Mel Gibson durch weitere Beschimpfungen und Hasstiraden jegliche Wege aus der Krise zunichte. Eine Rückkehr ins glamouröse Filmgeschäft schien undenkbar.

Aber Mel Gibson gilt als einer der größten Filmstars der Welt. Mit „Mad Max“, „Lethal Weapon“ und „Was Frauen wollen“ war er Actionstar und Frauenschwarm, für „Braveheart“ wurde er Oscar-Preisträger. Und so blieb Mel Gibson in Erinnerung und es schien, als hätte Hollywood gehofft, der einstige Superstar würde einfach mal den Mund halten, bis er mit einer guten Arbeit wieder für volle Kassen sorgt.

Dieser Zeitpunkt ist nun gekommen – und zwar mit einem Film, der für ein Comeback perfekter kaum sein kann. Die Geschichte von „Hacksaw Ridge“ – Mel Gibsons erste Regiearbeit seit zehn Jahren – basiert auf einer wahren Begebenheit, huldigt einem Veteranen des Zweiten Weltkrieges, hat einen starken Hauptdarsteller und lässt es im Kino ordentlich krachen.

Ein Kriegsgegner
an der Front

Anfang der 40er-Jahre: Der 20-jährige Desmond Doss steckt in einem Dilemma. Die USA sind in den Zweiten Weltkrieg eingetreten und Doss möchte seinem Land dienen. Sein tiefer Glaube aber verbietet es ihm, zu töten oder auch nur eine Waffe zu tragen. Der Pazifist dient daher der Infanterie als Sanitäter. Als Angehöriger der Freikirche und in seinen Überzeugungen unbeirrbar wird Doss aber zum Feindbild der Soldaten. Sie sind überzeugt, der hagere Mann stellt eine Belastung für sie dar, sobald es zum Gefecht kommt. Aber in seiner Liebe zum Vaterland hält Doss die Anfeindungen und Misshandlungen aus, bis es im Frühling 1945 zu einer finalen Kampfhandlung kommt. Die Kämpfergruppe hat den Auftrag, eine japanische Bergregion einzunehmen. Dieser mehr als 120 Meter hohe Hang fällt steil ab und sieht aus, als wäre er abgesägt worden, sodass er auch Hacksaw (Metallsäge) genannt wird. Diese Felswand wird von japanischen Soldaten mit großer Hartnäckigkeit verteidigt. Sie nehmen, versteckt in Maschinengewehrnestern und in Höhlen, die heranrückenden Amerikaner unter Feuer und verursachen zahlreiche Tote. Die Verletzten bleiben auf dem Schlachtfeld liegen und haben keine Chance auf ein Überleben – bis Desmond Doss als Retter auftaucht. Er verweigert den Befehl zum Rückzug und schleppt – nur mit seinem Glauben als Waffe – zahlreiche Verwundete aus der Todeszone. Für diesen Mut wird Desmond Doss nach Kriegsende mit der Tapferkeitsmedaille „Medal of Honor“ geehrt. Er war der erste Soldat, der, ohne eine Kugel im Krieg abgefeuert zu haben, mit der höchsten Auszeichnung der Streitkräfte der Vereinigten Staaten ausgezeichnet wurde.

Eine Geschichte, zum Heldenepos erhoben

Hollywood wäre nicht Hollywood, wenn die Filmwelthauptstadt aus dieser Story nicht einen Heldenepos machen würde. Bei Mel Gibson ist Hollywood an der richtigen Adresse. Wie schon bei seinen vergangenen, sehr erfolgreichen Regie-Arbeiten („Braveheart“, „Die Passion Christie“, „Apocalypto“) legt der inzwischen 60-Jährige viel Wert auf detailliert inszenierte Kampf- und Schlachtszenen, sodass „Hacksaw Ridge“ das Kriegsgeschehen mit seinen ganzen filmischen Möglichkeiten zeigt – nichts für schwache Nerven, spannend für Freunde perfekt gedrehter Schlachten. „Hacksaw Ridge“ ist ein selbst für Hollywood überdurchschnittlich aufwendig produziertes Kriegsdrama. Hauptdarsteller Andrew Garfield („The Amazing Spiderman“) überzeugt als Doss, der letztlich den Gang über scharfem Grat zwischen Pazifismus und Patriotismus meistert. Allerdings zeigt „Hacksaw Ridge“ noch eine weitere Zwickmühle als die von Desmond Doss. Ist diese unmittelbare Gewaltdarstellung der richtige Weg, das Leben eines Mannes zu verfilmen, der Gewalt aus religiösen Gründen ablehnt? Mel Gibson jedenfalls hat diese Frage durch seinen Film mit einem eindeutigen „Ja“ beantwortet und kann sich nun über sein Comeback in Hollywood freuen. Immerhin hat „Hacksaw Ridge“ allein in den USA in etwa vier Wochen mehr als 70 Millionen US-Dollar eingespielt.


Holger Lodahl

 

 

INFO:  Hacksaw Ridge
Drama/Kriegsfilm USA, GB, 2016
Regie: Mel Gibson
Drehbuch: Robert Schenkkan, Andrew Knight
Produktion: David Permut,
Bill Mechanic, Brian Oliver,
William D. Johnson, Bruce Davey, Paul Currie, Terry Benedict
Musik: Rupert Gregson-Williams
Kamera: Simon Duggan
Schnitt: John Gilbert
Länge: 139 Minuten
Darsteller: Andrew Garfield,
Sam Worthington, Luke Bracey, Dorothy Schutte, Rachel Griffiths, Vince Vaughn
Bundesweiter Kinostart:
26. Januar 2017
Im Internet:
www.hacksawridge.movie

Merken

Merken

Bild der Woche