Poesie trifft Performance
Poesie trifft Performance
10. Juni 2016

Die Sprachkünstlerin Fee ist eine der talentiertesten Newcomerinnen in der deutschen Poetry-Slam-Szene. FORUM hat sich mit der Slammerin über ihre Kunst, ihr Jugendbuch „Mach Fehler!“ und den Zeitgeist der Jugend unterhalten.

Wenn sich ein Gedanke im Kopf eingenistet hat und nicht mehr raus will, weil man eine spezielle Erfahrung gemacht hat oder einen etwas nervt, aufregt, mitreißt, aufwühlt, erheitert oder beflügelt, dann passiert eines von beidem: der Gedanke verfliegt oder er lässt einen nicht mehr los und verdichtet sich, bis er endlich formuliert ist – am besten so, dass man ihn teilen kann mit mitfühlenden Schicksalsgenossen.

Erlaubt ist, was die Sprache hergibt

Die Kunstform, bei der sich solche emotionale Energie bestenfalls in Form von kreativen Sprachergüssen entlädt, nennt sich Poetry Slam: Eine Schlacht der Dichter und Grübler, aus welcher derjenige als Sieger hervorgeht, der sein Publikum am besten zu unterhalten weiß, am originellsten vorträgt oder besonders tiefgründig und sprachgewandt zum Denken anregt: Es kann sich reimen, muss aber nicht, eigentlich ist alles erlaubt, was Sprache so rhetorisch hergibt. Über Sieg oder Niederlage entscheidet am Ende in der Regel das Publikum.

Eine echte Meisterin des gesprochenen Wortgefechts ist die Poetry-Slammerin Fee aus München. 2012 stand die 24-Jährige das erste Mal auf der Poetry-Slam-Bühne. Nur ein Jahre später erreichte sie das Finale der bayrischen Meisterschaften und wurde 2013 deutschsprachige Meisterin in der Kategorie U20. Seitdem betritt die Lehramtsstudentin mit den Fächern Germanistik und Theologie eine Bühne nach der anderen in Deutschland.

Sprache und Sprechen in Verbindung mit Schrift scheint Fee auch einfach in die Wiege gelegt zu sein: „Mit sechs Jahren habe ich Schreiben mit der Anlauttabelle gelernt, das heißt, ich konnte schon Sätze bilden, bevor ich ‚richtig‘ schreiben konnte. Und ab meinem zweiten oder dritten Tag in der Schule habe ich deshalb Geschichten geschrieben. In der Pubertät habe ich dann gedichtet, was das Zeug hielt“, erzählt Fee aus ihrer Jugend. Ihr Talent nutzte sie dann recht schnell dafür, ihre Meinung in schöne Worte verpackt auf Poetry Slams kundzutun.

Angeeignet hat sich Fee die Sprach- und Performance-Kunst unter anderem in zahlreichen Workshops. Denn Poesie ist tatsächlich auch ein Handwerk, das man zum Teil lernen kann und muss. Zwar sei Kunst ja gerade dadurch interessant, dass es keine festen Regeln gebe, aber ein bisschen Theorie könne schon sehr nützlich sein, meint Fee. Einfach zu lernen, wo man Pointen am wirkungsvollsten setzt, welche Reimschemata man mit welchem Effekt nutzen kann, dass es auch die Möglichkeit gibt, Assonanzen statt perfekte Reime zu verwenden, helfe schon weiter, am Ende komme es dann aber doch auch auf ganz andere Dinge an.
Mittlerweile leitet die professionelle Poetin sogar selbst Poetry-Slam-Workshops. Und darin vermittelt sie genau diese „anderen Dinge“, auf die es ihrer Meinung nach ankommt. Darin werden Übungen durchgeführt, die Fee aus dem Theater kennt oder sich selbst ausgedacht hat.

Dazu kommen natürlich auch Schreibübungen. „Vor allem will ich aber vermitteln, dass es wunderschön ist, auf der Bühne zu stehen und über das sprechen zu können, was einen bewegt. Ich möchte zeigen: Du kannst das! Das ist alles in dir! Schreib es auf!“


Gerade hat die angehende Lehrerin sogar ihr erstes Jugendbuch mit dem Titel „Mach Fehler!“ geschrieben, in dem sie sich mit Problemen junger Menschen auseinandersetzt. Ein großes Thema darin ist der „Leistungsdruck in alle Richtungen“, dem Jugendliche ihrer Meinung nach heutzutage ausgesetzt sind. „Sei es der Druck, tatsächlich schulische oder universitäre Leistungen zu bringen oder der Druck, besonders angepasst zu sein. Aber auch diese YOLO-Haltung („du lebst nur einmal“) kann schwierig sein: Es ist genauso ein Druck, immer glücklich sein zu müssen und außergewöhnliche Sachen erleben zu müssen“, meint Fee.
Ein anderes Thema sei sicher auch die Schwierigkeit, sich selbst zu finden und sich als eigentlich einsames Individuum wahrzunehmen, das seine Schwächen und Stärken hat.

Aber was ist eigentlich das Besondere an der Jugend von heute? Haben Jugendliche derzeit andere Probleme als junge Menschen vor 20 Jahren? Fee, die ihre Jugendzeit ja noch nicht vor allzu langer Zeit hinter sich gebracht hat, denkt, dass die grundlegenden menschlichen Emotionen, die oft in der Jugend besonders intensiv sind, nach wie vor dieselben seien. „Aber gerade Fragen danach, wie es nach der Schule weitergehen soll, sind sehr viel komplizierter geworden in einer Gesellschaft, in der es scheinbar jede Wahlmöglichkeit gibt“, spricht Fee aus eigener Erfahrung.

Fee war schon immer eine Grüblerin, die das Glück hatte, sich zumindest ausdrücken zu können. In ihren Texten und Performances schreckte sie auch nie vor schweren Stoffen zurück. Neben lustigen Comedy-Nummern bringt sie gerne auch schon mal todernste Themen wie Vergewaltigung oder Abtreibung auf die Bühne. Das läge an der Natur des Lebens wie auch an ihrer Persönlichkeit: Mal ernst, mal lustig, mal nachdenklich, mal überdreht, mal zutiefst betrübt. „Poetry Slams sind ja keine Comedy-Veranstaltungen, da darf ruhig auch mal über was Ernstes gesprochen werden. Und wenn ich mich nicht nach Lachen fühle, mache ich oft lieber einen Text über Abgrenzung als eine Stand-Up-Nummer“, so begründet die junge Wortakrobatin ihre künstlerische Marschrichtung.

Bei aller Ernsthaftigkeit ist Fee dennoch eine Frohnatur, die auch die gelegentliche Leichtigkeit des Lebens zu lieben weiß und gerne von Herzen lacht. Am liebsten amüsiere sie sich über Dinge, die etwas mit der Realität zu tun haben, also nicht völlig absurd sind, sagt sie.

Poetry-Slam ist noch eine Männerdomäne

Im Kern schwingt in Fees Show-Einlagen immer etwas Missionarisches mit. Gesellschaftskritische Themen liegen ihr am meisten. Besonders gegen den Strich gehe ihr Ignoranz, äußert sie mit Nachdruck. „Ich kann die Kälte vieler Menschen nicht aushalten. Wir sind doch alle fühlende Wesen mit Geschichten hinter unseren Verhaltensmustern. Für mich ist es gerade spannend, diese Geschichten herauszufinden und Verständnis zu entwickeln. Wenn jemand dafür völlig taub ist und deshalb sehr destruktiv gegen seine Umwelt, werde ich traurig und wütend“, sagt Fee.

Besonders weh tue es ihr, wenn diese „Kälte“ sich gegen menschliche, pflanzliche oder tierische Wesen richte, die ihr wehrlos ausgeliefert sind.

Und da wäre noch etwas, was Fee stört. Und zwar, dass ihre Leidenschaft, der Poetry-Slam – gemessen an den Teilnehmerzahlen – vor allem im Ü20-Bereich anscheinend immer noch mehr eine Männerdomäne ist. Im U20-Bereich sei es sogar umgekehrt. Da fingen mehr Mädchen an, die dann aber seltsamerweise oft nicht dabeiblieben. Das hätte laut Fee unter anderem damit zu tun, dass auch Poetry Slam als Szene nicht völlig außerhalb der Gesellschaft stattfindet und deshalb auch sexistischen Strukturen unterworfen sei. Es gebe immer noch mehr männliche Veranstalter und es würden weniger Frauen gebucht. Und dann wäre da noch das Publikum. Aus dessen Richtung bekäme sie oft Scheinkomplimente zu hören wie: „Für ‘ne Frau warst du ganz schön witzig“. Außerdem wäre es so, dass die Moderatoren Poetinnen oft als „bezaubernd“ ankündigen, während Poeten über ihre Fähigkeiten definiert würden. Um hier ein wenig für Gleichgewicht zu sorgen, hilft sie gerade dabei, ein Netzwerk unter weiblichen Slammern aufzubauen, um so auf Newcomerinnen in der Poetry-Slam-Szene aufmerksam zu machen.

Fee hat für ihre gerade mal 24 Jahre schon einiges vorzuweisen. Wenn man sie nach ihren Zukunftsplänen fragt, antwortet sie trotzdem eher behutsam. Sie hoffe zuerst einmal, noch recht lange zu leben. Auf jeden Fall möchte sie noch einen Roman schreiben und nach ihrem Staatsexamen am liebsten Gesang studieren. Ja! Singen kann sie nämlich auch. Ihr größter Traum ist es, irgendwann mal von ihrer Kunst leben zu können, ganz egal von welcher – Hauptsache Kunst!


Markus Trennheuser

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