„Es geht immer nur um den Profit“
„Es geht immer nur um den Profit“
16. Juni 2017

Der Tierschutzbeauftragte des Saarlandes, Veterinär Dr. Hans-Friedrich Willimzik, spricht über brennende Themen im Umgang mit Tieren und warum er Deutschland nicht mehr für die Nummer eins im Tierschutz hält.

Herr Willimzik, Mahatma Ghandi sagte mal, die Größe einer Nation und ihre moralische Reife lassen sich daran bemessen, wie sie mit ihren Tieren umgeht. Wie ist denn im Moment die moralische Reife unseres Landes?

Mehr als bescheiden. Früher war ich stets der Meinung, dass wir in Deutschland die Nummer eins im Tierschutz seien. Wir seien mit Abstand die besten Tierschützer in ganz Europa. Das war meine feste Meinung. Leider ist diese Überzeugung zwischenzeitlich vollständig zusammengebrochen, weil sie bei der Betrachtung den Tatsachen nicht standhalten konnte.

Warum ist Ihre Überzeugung zusammengebrochen?

Schauen Sie sich den Tierschutz in der Bundesrepublik Deutschland an: In der Nutztierhaltung sind für Sauen die Abferkelkästen und für Mastschweine der Vollspaltenboden Standard. Viele Bundesbürger können mit diesen Fachbegriffen überhaupt nichts anfangen, dennoch stellen sie die Ursache für erhebliches Leid bei Tieren dar. Für Milchkühe existiert immer noch eine permanente Anbindehaltung, und auch Mastbullen werden häufig auf Spaltenböden gehalten. Die Bilder zum Thema qualvolle Schlachtung, selbst in der Bio-Produktion, sind für die verschiedenen Tiere gerade wieder mehrfach im Fernsehen und den anderen Medien veröffentlicht worden. Tiertransporte für alle Nutztiere gehen täglich, egal bei welchen Witterungsbedingungen, quer durch Europa, und die zuständigen Behörden sind häufig nicht in der Lage, die notwendigen Kontrollen durchzuführen. Die Käfighaltung bei Mastkaninchen, die aktuelle Haltung für Masthähnchen oder Puten haben mit artgerechter Tierhaltung aber auch gar nichts zu tun. Diese Aufzählung ließe sich quasi für jede Tierart noch seitenweise weiterführen.

Wo brennt es denn im Tierschutz momentan ganz besonders?

Es brennt überall, aber ein aktuelles Thema, dass wir gerade aus dem Saarland in den letzten Jahren und Monaten initiiert haben, ist zum Beispiel die Kennzeichnung und Registrierung von Hunden und Katzen. Hierfür ist allerdings die Bundesgesetzgebung gefragt. Wir benötigen dringend ein Bundesgesetz, wonach alle Hunde und Katzen gekennzeichnet und registriert werden müssen. So könnte jedes Fundtier innerhalb von Minuten seinem Besitzer zurück vermittelt werden. Die Tierheime wären entlastet, den Tieren würde sehr viel Leid und Stress erspart werden, die Tierschutzvereine hätten weniger zu tun, aber auch weniger Kosten und auch für die Ortspolizeibehörden wäre der finanzielle und personelle Aufwand deutlich geringer.

Wo wären die Kosten­einsparungen?

Unsere Tierheime sind in der Regel verpflichtet, Fundtiere aufnehmen zu müssen. In unserer Gesellschaft wird es immer häufiger üblich, seine Katze einfach abzugeben, weil der Besitzer zum Beispiel eine „Allergie“ hat. Wenn das Tierheim bereits überfüllt ist, sagen die Mitarbeiter dort, dass sie das Tier nicht aufnehmen können. Häufig wird dann am nächsten Tag die gleiche Katze noch einmal im Tierheim vorgestellt, allerdings als Fundtier, und das Tierheim ist dann zur Aufnahme verpflichtet. Ein Nachweis über die Herkunft des Tieres ist in der Regel ebenfalls nicht möglich. Deshalb wäre die Kennzeichnung und Registrierung so wichtig. Es könnte sofort die Herkunft des Tieres nachgewiesen werden, für die Unterbringung des Tieres würde automatisch der ursprüngliche Besitzer in Regress zu nehmen sein.

Was auch immer öfter vorkommt, ist die Tatsache, dass Menschen ihr älteres Tier abgeben, wenn es chronisch krank wird und Kosten produziert. Es passiert immer häufiger, dass diese alten Tiere als angebliche Fundtiere abgegeben werden. Das Pflegepersonal in den Tierheimen weiß dann von der Krankengeschichte des Tieres nichts, dem Tier können notwendige Medikamente nicht gegeben werden, das Tier leidet. Wenn sich der Zustand des Tieres dann verschlechtert, muss das Tier erneut einem Tierarzt vorgestellt werden, es müssen aufwendige Untersuchungen mit Stress für das Tier und Kosten für das Tierheim durchgeführt werden. Dies alles könnte allen Beteiligten erspart werden. Tasso e.V. beziehungsweise der Deutsche Tierschutzbund e.V. sprechen von 20 bis 30 Millionen Euro, welche gespart werden könnten, wenn eine bundeseinheitliche Registrierung und Kennzeichnung für diese beiden Tierarten bestünde.

Es ist also nicht zu verstehen, warum von Seiten der Bundesregierung eine solche Lösung nicht längst im Interesse aller Beteiligten eingeführt worden ist.

Woran liegt es?

Diese Frage kann ich nicht beantworten. Sie sollte dem zuständigen Minister der Bundesregierung gestellt werden. Das Saarland und Tasso e. V. hatten zu diesem Thema im September 2016 eine Tagung in Berlin veranstaltet, wo sich alle Fachleute einig waren, dass die Umsetzung einer solchen Gesetzgebung eine Win-win-Situation wäre, die für alle ausnahmslos Vorteile hätte.

Umweltminister Reinhold Jost unterstützt im Saarland diese Bundesrats­initiative. Das Bundesministerium sagt allerdings, dass eine solche Gesetzgebung mit einem zu großen bürokratischen Aufwand verbunden wäre. Dies trifft aber gar nicht zu. Die Bundesregierung muss das Gesetz zwar machen, aber ansonsten hat sie keinen weiteren bürokratischen Aufwand. Die Durchführung wird weitergegeben an die Länder, und die Länder geben sie an die Städte und Kommunen weiter. Nur diese haben letzten Endes einen Verwaltungs- und Bürokratieaufwand, aber nur dann, wenn Tierkontrollen aus lokalen Gründen gewünscht werden. Dann sind allerdings die bürokratischen Aufwendungen deutlich geringer, da die Tiere viel besser identifiziert und katalogisiert werden können.

Momentan ist ja auch die Massen­tierhaltung, insbesondere die Schweinehaltung, stark im Fokus. Christian Schmidt fliegt sein Tierwohl-Label gerade um die Ohren.

Das stimmt, aber das ist ja auch kein großes Geheimnis, dass Christian Schmidt natürlich sehr stark von der Landwirtschaft abhängig ist und von deren Lobbyisten gelenkt wird. Auf der einen Seite redet er über seine riesengroße Tierwohl-Kampagne mit riesigen Werbemitteln, die dort hineinfließen, aber passiert ist noch gar nichts. Der Begriff Tierwohl klingt erst mal gut, aber wir benötigen auch die harten Fakten, die hinter diesem Begriff stehen sollen. Ich bin seit drei Jahren im Amt des Landestierschutzbeauftragten des Saarlandes. Bundesminister Christian Schmidt hat es geschafft, in den drei Jahren nichts zu tun! Mehr als die Hälfte aller EU-Staaten haben zum Beispiel bei dem Thema Kennzeichnung von Hunden und Katzen inzwischen Regelungen. Es gibt noch vier Länder, die gar keine Regelungen haben und Deutschland gehört dazu.

Im Augenblick gibt es die Diskussion bei der Zuchtsau, die bis zu 98 Prozent ihres Lebens in der Kastenhaltung dahinvegetieren muss. Das ist erlaubt! Bereits bevor das Schwein belegt wird, darf das Tier in dieses Ding gesteckt werden, um es daran zu „gewöhnen“. Der Kastenstand ist so eng, dass das Schwein sich nicht einmal umdrehen kann. Es kann nur stehen und liegen. Dann kommt die Geburt in dem Kasten. Körperpflege für das Tier ist überhaupt nicht möglich. Die Zuchtsau wird so lange in dem Kasten gehalten, solange sie die Ferkel säugt, damit sie die Ferkel nicht versehentlich erdrücken kann. Die Ferkel laufen in einem Auslauf, der um den Kasten herum gebaut ist. Nun gibt es die Diskussion, der Kasten sei zu klein. Wenn der Kasten verbreitert wird, kann sich die Sau ein bisschen mehr darin bewegen. Nach Untersuchungen ist allerdings dann, durch die größere Bewegungsfreiheit, der Ferkelverlust statistisch ein bisschen größer. Logischerweise wollen deshalb die Tiernutzer die Kästen nicht vergrößern und behaupten, dadurch sogar die Ferkel zu schützen. Letztendlich geht es aber immer nur um den Profit der Tierhalter.

Wie ist diese entwertende Behandlung von Lebewesen in unserem hoch entwickelten Land möglich?

Unser Umgang mit Tieren ist sehr ambivalent. Wenn man sich die Haltung von Kaninchen in der Fleischindustrie anschaut, bekommt man Tränen in die Augen. Aber für Kinder ist das Kaninchen das liebste Kuscheltier im Kinderzimmer.

Ich erkläre immer wieder, dass wir in unseren Schulen mehr Tierethik lehren müssen. Manche Gesprächspartner sagen mir dann, wir müssen erst einmal eine ordentliche menschliche Ethik einführen. Ich finde aber, das eine geht nicht ohne das andere. In den Medien liest man ständig, dass die Verrohung zunimmt. So wie wir mit den Tieren umgehen, so gehen wir auch mit den Menschen um.

Warum wird das Tierschutzgesetz so unterschiedlich ausgelegt bei Haustieren und Nutztieren?

Der Tierschutz ist nur einer von vielen Werten, den das Grundgesetz im menschlichen Miteinander für unsere Gesellschaft erhalten will und muss. Somit konkurriert der Tierschutz sehr schnell mit anderen Werten, und bei der Gewichtung dieser Werte werden diese gegeneinander abgewogen. In der Vergangenheit haben sich die Tiernutzer sehr häufig durchgesetzt, was man daran erkennt, dass in den verschiedenen Streitfällen manchmal sogar „die künstlerische Freiheit“ eines Menschen höher steht als der Schutz eines benutzten Tieres.

Unsere gesamte Tierhaltung – ob man die Rinder-, die Hühner- oder die Schweinehaltung nimmt – sind genormt und geregelt. Diese Regelungen enthalten Mindestmaße, und diese sind meist schon so klein, wie man am Beispiel des Schweinekastens erkennen kann, dass es kleiner gar nicht mehr geht.

Die Verordnungen sind alle von unserem System gemacht. In diesem System wirken viele mit, wie zum Beispiel die Tierhalter, denen es darum geht, je kleiner der Stall ist, desto weniger Baukosten haben sie und auch desto weniger sonstige Kosten. Es geht in unserer Gesellschaft immer nur um Kosten! Geiz ist geil!

Hat sich die Massentierhaltung verschlechtert?

Es gibt einzelne Punkte, in denen sich in den letzten 50 Jahren einiges gebessert hat, aber die Massentierhaltung nimmt immer mehr zu. Die Zahl der Betriebe geht zurück, die Größe der Produktion bleibt zumindest gleich oder wird noch leicht gesteigert. Das Resümee: Die wenigen zurückbleibenden Betriebe sind deutlich größer geworden.

Die Lobby der Fleischindustrie ist zu groß.

Richtig, wir brauchen wieder mehr lokale Lebensmittelindustrie, wir brauchen regionale Produkte, weniger Transportzeiten und mehr individuelle Vermarktung!

Interview: Heike Sutor





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