„Es kann prinzipiell jeden treffen “
„Es kann prinzipiell jeden treffen “
3. Februar 2017

Der Psychiater Dr. Peter Teuschel hat sich auf Mobbing spezialisiert. Im Interview spricht er über die verschiedenen Arten von Mobbing und gibt Tipps für Betroffene.

Herr Teuschel, wie kamen Sie dazu, sich als Psychiater auf das Thema Mobbing zu spezialisieren? Was interessiert Sie selbst an diesem Thema?
Vor über zehn Jahren bemerkte ich in meiner Praxis eine Häufung von Patienten, die über Mobbing klagten. Weil ich selbst bei diesem Thema skeptisch war, aber zu wenig Informationen hatte, habe ich Literatur gesucht und bemerkt, dass es aus medizinischer Sicht kaum etwas Erhellendes gab. Mein Interesse war geweckt und ich habe mich auf dieses Thema besonders fokussiert.Ich selbst finde es bis heute bemerkenswert, wie sehr die Ansicht über Mobbing von Vorurteilen dominiert ist, auch unter Ärzten und Psychologen.

Was fällt alles unter den Begriff Mobbing? Gibt es typische Merkmale?
Mobbing ist gut definiert. Nach Leyman (1996) handelt es sich um „negative soziale Handlungen“ von einem oder mehreren gegen einen Einzelnen in nennenswerter Häufigkeit – das heißt, mindestens einmal pro Woche – und über einen längeren Zeitraum, über mindestens ein halbes Jahr.
Wenn diese Kriterien erfüllt sind, kann man von Mobbing sprechen. Die einzelnen negativen sozialen Handlungen umfassen alles, was dazu dient, jemanden zu schikanieren, etwa das Verbreiten von Gerüchten, die Einschränkung der Meinungsfreiheit, Behinderung bei der Arbeit, Herabwürdigung und Angriffe auf die psychische, körperliche oder soziale Unversehrtheit. Ziel des Mobbers ist immer, das Opfer vom Arbeitsplatz zu vertreiben. Es besteht ein deutliches Machtungleichgewicht zwischen Täter und Opfer.

Was sind die häufigsten Probleme von Menschen, die bei Ihnen Hilfe suchen?
Meist kommen die Menschen mit psychischen Problemen zu mir, also mit Depressionen, Angststörungen, Schlafstörungen. Das Mobbing dauert in der Regel schon monatelang. Nach einer Phase, in der das Opfer versucht, auf die eine oder andere Weise mit den Schikanen alleine fertig zu werden, kommt es schließlich zum Zusammenbruch. Oft verhallen auch Appelle an den Arbeitgeber ungehört.

Gibt es Branchen, in denen mehr gemobbt wird als in anderen?
Ja, nach einer statistischen Erhebung von Meschkutats „Der Mobbing-Report“, sechste Auflage, 2005, sind vor allem Banken und Versicherungen mit einem doppelt so hohen Mobbingrisiko wie der Durchschnitt behaftet. Mobbing-Spitzenreiter sind aber soziale Berufe.

Sind einige Mobber früher selbst Opfer gewesen?
Das kann vorkommen, aber es ist nach meiner Erfahrung nicht die Regel. Dass Mobbing Ausdruck eines Selbstwertproblems ist, scheint dagegen häufig zu sein. Auch fachliche Unsicherheit und Führungsschwäche scheinen nicht selten in Mobbing zu münden. Es gibt aber natürlich auch Mobber, denen ihr Handeln Freude bereitet.

Kann jeder Mobbing-Opfer werden?
Hier ist die Antwort einfach: Ja! Es gibt keinen sicheren Schutz vor Mobbing und es kann prinzipiell jeden treffen.

Haben Sie nur mit Opfern oder auch mit Tätern zu tun?
Täter kommen so gut wie nie in die Behandlung. Sie haben keinen Leidensdruck und entwickeln keine gesundheitlichen Probleme. Es gibt aber Studien, die zeigen, dass im Falle von Mobbing unter Kindern und Jugendlichen auch die Täter im Erwachsenenalter vermehrt zum Beispiel an Depressionen erkranken.

Vor 20 oder 30 Jahren hat man von Mobbing noch nichts gehört. Ist Mobbing ein Phänomen der modernen Leistungsgesellschaft?
Obwohl sich die Situation an vielen Arbeitsplätzen immer mehr verschlechtert, zum Beispiel durch Arbeitsverdichtung, Personalabbau und so weiter, scheint Mobbing doch ein recht stabiles Phänomen zu sein und nicht vermehrt in der Leistungsgesellschaft aufzutreten. Man darf aber nicht vergessen, dass es die Mobbing-Forschung erst seit Mitte der 90er-Jahre, also etwa 20 Jahre, gibt. Eine langfristige Beobachtung existiert noch nicht, was die Einordnung insgesamt erschwert.

Das Internet hat viel Positives, aber auch Negatives mit sich gebracht – darunter Phänomene wie Shitstorm und Cyber-Mobbing. Inwiefern unterscheidet sich Cyber-Mobbing von Mobbing in der realen Welt?
Der Mobber im virtuellen Raum erreicht mit seinen Schikanen ein viel größeres Publikum als der „klassische“ Mobber am Arbeitsplatz oder in der Schule. Außerdem sind die Mobbing-Aktionen kaum mehr aus dem Internet zu entfernen, weil sie unkontrolliert vervielfältigt und gespeichert werden können. Dadurch können bei Betroffenen oft schon durch einmalige Aktionen schwere gesundheitliche Schäden bis hin zum Suizid ausgelöst werden.

Sind hier vor allem junge Leute betroffen oder gibt es keine Altersgrenzen?
Es scheint sich hier vor allem um ein Phänomen unter Kindern und Jugendlichen zu handeln. Bemerkenswert ist, dass sich Täter und Opfer meist aus dem wirklichen Leben kennen, das Cyber-Mobbing also oft die Fortsetzung der Schikanen in den Sozialen Medien darstellt. Zunehmend aber „trollen“ und „haten“ auch Erwachsene, aber oft geht es dabei nicht um gezieltes Mobbing, sondern um Hetzereien im Schutz der Anonymität.

Sollte man sich in den Sozialen Medien vielleicht besser unter einem Pseudonym anmelden und das berufliche Umfeld nicht auf die Freundesliste setzen?
Das ist in jedem Fall eine geeignete Maßnahme, um sich einigen Ärger vom Hals zu halten. Man sollte dann aber auch mit Fotos vorsichtig sein.

Sie haben unter anderem ein Buch über Mobbing bei Kindern und Jugendlichen geschrieben. Gehen junge Mobber anders vor als Erwachsene?
Bei Kindern und Jugendlichen geht es nicht darum, einen anderen zu verdrängen. Hier dient Mobbing oft zur Festigung einer Vormachtstellung, zum Beispiel innerhalb der Schulklasse. Jungen tendieren eher zum direkten, also auch körperbetonten Mobbing, während bei Mädchen eher indirekte Methoden wie Ausgrenzung, lächerlich machen und Gerüchte verbreiten dominieren.

Wie sollte man vorgehen, wenn man gemobbt wird?
Zunächst einmal sollte man nicht zu lange warten. Je eher man sich eingesteht, dass man Opfer von Mobbing geworden ist, umso eher kann man Gegenmaßnahmen ergreifen. Mit dem Mobber reden bringt meist nicht viel, weil dieser nicht an einer Konfliktlösung interessiert ist. Neben dem Führen eines Mobbingtagebuches – detailliert Datum, Uhrzeit, eventuelle Zeugen und Art der Schikane notieren – sollte man sich frühzeitig Hilfe holen. Etwa beim Chef, sofern er nicht zu den Mobbern gehört, was leider in der Mehrzahl der Fälle zutrifft, beim Betriebsrat oder bei Mobbingberatungsstellen. Oft ist die Hilfe eines Anwalts erforderlich, und bei gesundheitlichen Problemen sollte man frühzeitig zum Arzt gehen.

Was kann man tun, wenn man von einem Arbeitskollegen gemobbt wird und der Chef von dem Thema nichts hören möchte? Und was können Schüler tun, wenn die Lehrer nicht zuhören?
Wie bereits erwähnt, gibt es innerbetriebliche und außerbetriebliche Anlaufstellen, bei denen man Gehör findet. Schüler sollten sich auf jeden Fall den Eltern und dem Vertrauenslehrer offenbaren. Am schlechtesten ist es, niemandem von der schlimmen Situation zu erzählen und alleine zu versuchen, einen Ausweg zu finden. Dadurch kommt es in den allermeisten Fällen nur zu einer Verlängerung der Leidenszeit.

Es gibt Mobbing-Fälle, die vor Gericht kommen. Wie gehen die Verhandlungen meist aus? Lohnt sich der juristische Weg?
Gar nicht mal so selten versucht ein Mobbing-Opfer, vor Gericht Gerechtigkeit oder Genugtuung zu erreichen. Ich kann aus meiner Erfahrung niemanden zu diesem Weg ermuntern, da der Ausgang solcher Verhandlungen meist sehr frustrierend ist.

Durch welche Verhaltensweisen schützt man sich am besten vor Mobbing?
Vor Mobbing wirksam schützen kann man sich nicht. Man kann aber Augen und Ohren offenhalten, beim Aufkeimen von Konflikten hellhörig sein und früh das Gespräch mit Unterstützern suchen. Es hilft weder, besonders zurückhaltend noch besonders konfrontativ gegenüber dem Mobber zu sein, da dieser durch seine größere Machtfülle ohnehin die Oberhand behält, wenn er nicht von dritter Stelle – zum Beispiel von Vorgesetzten, Betriebsrat, Anwalt – am Mobbing gehindert wird.

Interview: Kristina Scherer-Siegwarth

 

 

INFO:
Infos unter www.drteuschel.de
Dr. Teuschel bloggt zu Themen aus Psychiatrie und Psychotherapie – auch zum Thema Mobbing:
www.blog.drteuschel.de

 

 

Buchtipps:
„Mobbing. Dynamik, Verlauf,
gesundheitliche und soziale Folgen“
Von Peter Teuschel
Taschenbuch, 32,99 Euro
Schattauer-Verlag
„Bullying – Mobbing bei Kindern und Jugendlichen“
Von Peter Teuschel und
Klaus Werner Heuschen
Gebundene Ausgabe, 39,99 Euro
Schattauer-Verlag

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