„Ich würde es nicht empfehlen“
„Ich würde es nicht empfehlen“
17. Februar 2017

Radost Bokel ist einer der ganz großen deutschen Kinderstars. Als „Momo“ wurde sie bereits mit zehn Jahren berühmt, viele Filme und Serien folgten – bis heute. Auf ihre frühe Karriere blickt die Schauspielerin nüchtern zurück. Für ihren Sohn möchte sie eine andere Kindheit und Berufslaufbahn.

Frau Bokel, wie kamen Sie zur Schauspielerei?

Ganz untypisch! Das hat sich einfach so durch Zufall ergeben. Ich war nach der Schule immer im Hort, weil meine Mutter berufstätig war. Zu Weihnachten haben wir Aufführungen einstudiert, die wir dann auch in Altersheimen vorgeführt haben. Mir hat das wahnsinnig Spaß gemacht – und ich habe quasi Blut geleckt.

Also reingerutscht?

Ja. Total. In der Zeitung war dann ein Artikel, es wurde ein kleines Mädchen für eine Filmrolle gesucht. Die Beschreibung hat genau auf mich gepasst. Meine Mutter hat das gelesen und meinte: Schau mal, da wird ein Mädchen gesucht, das genauso aussehen soll wie du. Hast du Lust, mal ein Foto hinzuschicken? Wir haben uns da gar nichts bei gedacht, haben es einfach mal gemacht.

Probieren kann man es ja mal.

Ja. Ich habe auch nie Schauspielunterricht genommen oder so. Es hat einfach gepasst. Die Rolle war mir sozusagen auf den Leib geschrieben.

Der Wunsch zur Schauspielerei kam aber von Ihnen? Oft versuchen ja auch die Eltern, sich durch die Kinder zu verwirklichen…

Nein, das war bei uns überhaupt nicht so.

Wie war es dann am Set? War Ihre Mutter die ganze Zeit bei Ihnen?

Meine Mutter war nicht immer dabei, weil sie eben berufstätig war. Sie hat sich zwar oft Urlaub genommen, aber ich war ja insgesamt drei Monate in Italien beim Dreh …

Das ist schon eine lange Zeit für eine Zehnjährige, oder?

Es war lange, ja. Aber mir hat es Spaß gemacht. Und meine Mutter hat sich, wie gesagt, so oft wie möglich freigenommen, und wenn sie nicht konnte, dann hat sich eine Freundin meiner Mutter um mich gekümmert. Sie haben sich sozusagen abgewechselt. Mein Bruder kam mich auch besuchen. Damals gab es auch noch nicht so strenge Vorgaben für Kinder, die nebenbei schauspielern.

Das heißt?

Heutzutage ist es ja so, dass Kinder nur eine bestimmte Anzahl an Stunden pro Tag drehen dürfen und auch ausreichend Pausen eingerechnet werden müssen. Das gab es bei mir nicht! Ich habe teilweise zehn Stunden am Tag gedreht.

Lag Ihre schulische Laufbahn dann komplett auf Eis?

Nein. Ich hatte einen Privatlehrer vor Ort. Aber das hat nicht so gut funktioniert, weil ich einfach nicht so viel Zeit hatte. Wenn ich dann mal Freizeit hatte, habe ich lieber mal entspannt, wir sind zum Strand gefahren oder Ähnliches. Nach Abschluss der Dreharbeiten habe ich ein Jahr lang Nachhilfeunterricht bekommen, um alles aufzuholen. Sitzengeblieben bin ich nicht. Glücklicherweise!

Wie war das für Sie nach Drehschluss? Der Film ging ja komplett durch die Decke …

Ja, das habe ich überhaupt nicht erwartet. Wie gesagt, wir sind da völlig naiv rangegangen und dass der Film dann so erfolgreich geworden ist … Es hat unsere Vorstellungen weit übertroffen.

Sie haben einmal erzählt, dass es mit den Mitschülern dann auch Probleme gab.

Ja, das war schon schwer. Das muss man ganz ehrlich sagen. Meine Freunde haben zu mir gehalten, aber die Schule ist groß. Und als Kind hast du es dann echt schwer. Gerade in Deutschland, der Neidgesellschaft, ist es leider so. Es waren aber auch nicht nur Schüler, sondern auch teilweise Lehrer, die mich gemobbt haben.

Lehrer? Da sollte man etwas anderes erwarten dürfen!

Ich kann es auch nicht nachvollziehen. Das war schon schlimm! Ich habe ja dann auch noch andere Filme nach „Momo“ gedreht. Unter anderem bin ich für ein Filmprojekt ein paar Wochen in Marokko gewesen. Der Schulleiter war sehr nett und hat mir immer den Rücken freigehalten. Was man von meinem Klassenlehrer nicht behaupten kann: Dieser hat mich nach der Rückkehr von den Dreharbeiten zu „Rivalen der Rennbahn“ ins offene Messer laufen lassen und mich vor gesamter Klasse abgefragt, wohlwissend, dass ich das nicht konnte.

Also regelrecht vorgeführt?

Ja, genau. Es waren schon ein paar Lehrer dabei, die wohl gedacht haben, sie müssten mir zeigen, dass ich nichts Besonderes bin. Wobei ich sowas nie von mir behauptet habe. Ich war schon immer sehr bescheiden. Solche Aussagen kamen von der Presse und anderen – nie von mir selbst! Bei einer Premiere eines Otto-Films hat mich Otto Waalkes mal zur Seite genommen und zu mir gesagt: „Du Mädel, die kommen jetzt alle und loben Dich in den Himmel und sagen wie toll Du bist. Gib nicht so viel darauf! Bleib auf dem Boden!“ Diese Worte sind mir immer in Erinnerung geblieben. Ich trenne auch heute noch die private und die öffentliche Radost. Auch meine Mutter ist auf dem Boden geblieben. Für sie stellte sich nie die Frage, ihren Job aufzugeben, um zum Beispiel meine Managerin zu werden. Wir sind in der gleichen Straße und der gleichen kleinen Wohnung wohnen geblieben und haben unser Leben ganz normal weitergeführt.

Wie sind Sie mit dem Mobbing klargekommen?

Ich habe es einfach weggesteckt. Ich hatte ja immer noch meine besten Freunde, die zu mir gehalten haben. Das war gut und wichtig! Vor allem auch die Familie. Und dass wir unser Leben so normal weitergeführt haben, hat mir unheimlich viel Rückhalt gegeben. Das ist für mich auch das wahre Leben: mein Privatleben, meine Familie, meine Freunde.

Die amerikanischen Kinderstars kommen häufig schon früh in Kontakt mit Alkohol und Drogen. Wie ist das in Deutschland?

Null! Null Komma null. Sowohl als Kind als auch als Erwachsener. Schauspielerei ist einfach ein Handwerk, eine Arbeit, die wahnsinnig viel Spaß macht und wo es unglaublich viele tolle Leute gibt und ich jedes Mal traurig bin, wenn die Drehzeit zu Ende ist. Aber ich habe noch nie – als Kind oder Erwachsener – irgendetwas mit Drogen zu tun gehabt. Ich kann mir auch kaum vorstellen, wie man unter Drogeneinfluss einen Film drehen soll.

Das scheint aber gerade in Hollywood ja fast schon an der Tagesordnung zu sein …

Manchen Künstlern steigt der Erfolg leider zu Kopf, da ihnen alles hinterher getragen wird und sie jedes Wort für bare Münze nehmen. Aber es ist als Schauspieler nun einmal so, dass es, wie überall, Höhen und Tiefen gibt. Das hat nichts mit dir als Person oder Schauspieler zu tun. Aber manche Leute, wenn sie mal eine Durststrecke haben, zerbrechen dann daran. Das ist das Problem! Sie fühlen sich dann gleich ungeliebt. Ich habe mir immer mein Glück nicht aus dem Beruf, sondern aus dem Privatleben gezogen.

Haben Sie jemals bereut, so früh mit der Schauspielerei angefangen zu haben?

Ich bin nicht der Typ, der etwas bereut. Das einzige, was ich vielleicht bereue, ist, dass ich mich nicht genug in der Schule angestrengt habe. Aber Spaß beiseite: Ich habe es nie bereut. Es ist alles so, wie es sein soll! Ich bin im Nachhinein auch froh darüber, dass ich nie so der verbissene, ehrgeizige Schauspieler war, der unbedingt nach Hollywood muss. Grundsätzlich glaube ich, dass es im Leben so kommt wie es kommen soll.

Sie hatten also nie einen extremen Erfolgsdruck?

Nie! Und das ist, glaube ich, was bei mir genau richtig gelaufen ist.

Würden Sie Ihrem Sohn denn auch empfehlen, eine solche Karriere einzuschlagen, wenn er das möchte?

Ich würde es nicht empfehlen. Einfach aus dem Grund, dass es so unbeständig ist. Ich bin seine Mama und will das Beste für ihn. Ich hoffe, dass er mal studiert… Aber in erster Linie soll er das machen, was ihm Spaß macht. Ich versuche, ihn in die richtige Richtung zu lenken, ich sage ihm was wichtig im Leben ist.

Wie sagt man so schön: Es kommt, wie es kommen muss…

Ja. Er hat schon eine schauspielerische Ader. Momentan widmet er sich aber eher dem Sport. Aber ich merke schon, dass er gerne entertaint. Aber wir werden sehen. Die Schauspielerei ist zwar ein Beruf, der wirklich Spaß macht, aber das Business ist einfach so schwer und unbeständig. Das hat so viel mit Glück zu tun.

Also ein sehr hartes Business?

Ja, natürlich ist es hart. Man verdient gutes Geld, aber eben nicht jeden Monat. Man weiß nie, wann der nächste Auftrag kommt. Wenn man selbstständig ist, gibt es eben nicht den sicheren monatlichen Gehaltscheck.

Interview: Rebecca Maaß




Merken

Merken

Bild der Woche