„Nicht wegschwimmen!“
„Nicht wegschwimmen!“
21. April 2017

Spektakuläre Unterwasseraufnahmen sind die Spezialität von Daniel Flormann. Und dafür geht der junge Saarländer auch mal auf Augenhöhe mit Haien. Ohne Käfig, versteht sich.

Es gibt Menschen, die lieben das Abenteuer. Daniel Flormann ist einer davon. Während es für andere Nervenkitzel genug ist, morgens das Haus zu verlassen, reizen ihn ganz andere Dinge. Neben adrenalinreichen Hobbys wie Fallschirmspringen, Motorradfahren oder Skifahren hat der Saarbrücker eine weitere Leidenschaft, nämlich das Tauchen. So oft es geht, packt er die Möglichkeiten beim Schopf und verreist. Immer dabei: seine Kamera.

Gerade hat der 29-Jährige, der im wahren Leben promovierter Biophysiker ist, in der „Galerie am Staden“ seine erste Fotoausstellung eröffnet. Alle Fotos hat er auf Reisen aufgenommen, man sieht die Nordlichter oder asiatische Bauwerke, aber man braucht nicht lange, um einen deutlichen Schwerpunkt bei seinen Arbeiten auszumachen. Unter dem Leitspruch „Wenn die Ozeane sterben, dann sterben wir mit ihnen“ werden spektakuläre Unterwasserfotografien gezeigt, die den Fokus auf die Faszination des Ozeans legen. Schillernde Schrimps, die eigentlich nur einen Zentimeter groß sind, hängen in Nahaufnahme überlebensgroß an der Wand. Majestätisch schweben Quallen und Rochen durch den Raum. Ein Tier aber taucht in Flormanns Bildern besonders oft und eindrucksvoll auf: der Hai.

Der Grundstein dafür, dass Flormann sich im Wasser so wohl fühlt wie an Land, wird schon in seiner Kindheit gelegt. „Ich war immer schon mit meinen Eltern schnorcheln und im Wasser unterwegs“, erzählt er. Dabei begleitet ihn am Anfang oft ein ungutes Gefühl. „Leider habe ich viel zu früh den Film ‚Der weiße Hai‘ gesehen“, erinnert er sich. „Wenn ich schnorcheln war und den Grund nicht mehr gesehen habe, hatte ich immer die Angst. Okay, jetzt kommt gleich ein großer weißer Hai und frisst mich.“ Diese Angst aber kultiviert er nicht, sondern schüttelt sie aktiv ab. Als er bei einem Tauchkurs auf den Malediven seinem ersten Hai begegnet, obsiegt die Faszination. Es ist ein Schwarzspitzenriffhai, eine kleinere Haiart, allemal eindrucksvoll, die er unter Wasser entdeckt. Flormann erzählt von dem ungefähr einen Meter großen Tier, das er damals klein genug findet, um sich etwas näher heranzuwagen. Erstaunt bemerkt er, wie der Hai Reißaus nimmt. „Das war für mich ein Aha-Erlebnis.“ Er stellt fest, dass der Hai kein wirkliches Interesse daran zu haben scheint, ihn „mit Haut und Haaren zu fressen“. Das macht ihn neugierig. Er will mehr über das Verhalten der Haie herausfinden. Und Daniel Flormann wäre nicht der, der er ist, wenn ihm für seine Studien dieser kleine Hai gereicht hätte. Deshalb keimt in ihm schnell die Frage: Wie reagieren eigentlich größere Haie?

Schon als Kind
geschnorchelt

„Mit 19 Jahren waren wir dann das erste Mal in Südafrika zum Käfigtauchen mit den weißen Haien“, erzählt er weiter. Käfigtauchen hat sich in den vergangenen Jahren in Südafrika zu einer Touristenattraktion entwickelt. So können Taucher den Weißen Hai, den König der Meere, aus nächster Nähe vom sicheren Metallgehäuse aus beobachten und ihren Adrenalinspiegel trotzdem in die Höhe treiben. Flormann ist damit nicht zufrieden. „Damals war es schon so, dass ich den Käfig gerne losgeworden wäre“, erinnert er sich. Dass ihn der Käfig stört, hat nicht unbedingt etwas mit Abenteuerlust zu tun.

Flormann, der dank seines Physikstudiums viele Phänomene wissenschaftlich erklären kann, sieht eher ein anderes Problem. „Bei der Sache ohne Käfig geht es nicht darum, dass es spektakulär ist, sondern dass der Käfig das Verhalten der Haie ändert.“ Flormann weiß, dass Haie auf elektromagnetische Felder reagieren und deshalb in den Käfig beißen, obwohl das „natürlich Blödsinn ist“, weil es ihrem natürlichen Verhalten nicht entspricht. Dann merkt er noch an: „Das vermittelt natürlich auch dem Käfig-Touristen ein völlig falsches Bild.“ Der nächste Schritt lässt deshalb nicht lange auf sich warten. Zwei Jahre später taucht er, ebenfalls in Südafrika, mit Tigerhaien. Einen schützenden Käfig gibt es dieses Mal nicht mehr. Zwischen Mensch und Tier ist nur das Wasser. Tigerhaie werden mehr als fünf Meter lang, sind größenmäßig also mit dem Weißen Hai vergleichbar und stehen in der Nahrungskette ganz oben. Das alles schreckt Flormann weniger ab, als dass es ihn fasziniert. Im aktiven Umgang mit den Tieren stellt er interessante Dinge fest. Etwa, dass auch Haie ihren Charakter haben. So gibt es schüchterne Haie, es gibt aufgeschlossenere, und es gibt sogenannte Player, die sich nah herantrauen und mitspielen. Nicht nur im Hinblick auf interessante Fotos sind die Player seine Lieblingshaie. Dabei steht die Sicherheit natürlich immer an erster Stelle. Die oberste Regel lautet: sich nicht wie ein Beutetier verhalten, nicht wegschwimmen, wenn der Hai kommt. „Wenn man da bleibt, wo man ist, kann er damit nichts anfangen“, erklärt Flormann. „Von daher wecken wir dann natürlich ein gewisses Interesse.“ Stellt der Hai fest, dass es sich nicht um Beute handelt, geht von ihm keine Gefahr aus. Das erste Interesse nutzt Flormann bewusst, um dem Hai nahezukommen. Das ist mit ein Grund dafür, dass seine außergewöhnlichen Fotografien gelingen. Der Blitz seiner Kamera reicht unter Wasser nämlich nicht weiter als vier Meter, aus der Ferne könnte ein Hai also gar nicht fotografiert werden.

Das Fotografieren unter Wasser ist für Flormann die logische Konsequenz aus seinen Begegnungen mit den Haien. „Ich hatte super Situationen, aber eben nur eine relativ kleine Kamera. Und das geht einem dann eben schon auf den Keks.“ Mittlerweile geht er gar nicht mehr ohne Kamera ins Wasser. Seine Ausrüstung hütet er, so gut es geht. Deshalb reist diese im Flugzeug immer im Handgepäck mit. Die Sorge, dass diese zwischen anderen Koffern Schaden nimmt, ist zu groß. „Es ist immer Übergepäck“, erzählt Flormann lachend. „Ich darf fünf Kilo Handgepäck dabeihaben und habe meistens 20 bis 25 Kilo.“

Der Fotograf möchte über Haie aufklären

Flormann lässt sich nicht von den populären Ängsten leiten, die den Hai zum erklärten Feind des Menschen machen. Im Laufe der Zeit hat er sich viel Wissen angeeignet. Moderne Verhaltensforscher widersprechen immer vehementer dem Bild des Hais als gefährlicher Fressmaschine, das noch im 20. Jahrhundert verbreitet wurde. Aufklärungsarbeit hält Flormann für definitiv nötig, auch wenn sich die Situation langsam in die richtige Richtung bewegt. „Aber da ist eben doch noch viel zu tun. Wir haben immer noch hundert Millionen Haie, die jedes Jahr durch Finning getötet werden.“ Beim Finning werden dem Hai die Flossen abgetrennt, damit aus ihnen Suppe gekocht werden kann. Oft wird er danach einfach wieder lebendig zurück ins Meer geworfen. Dort sinkt er ohne Flossen zu Boden, wo er erstickt, vom Wasserdruck zerquetscht oder von anderen Tieren gefressen wird. Unzählige Haie verenden zudem in kilometerlangen Fischernetzen.

Eines der eindrucksvollsten Bilder in Flormanns Ausstellung mag auf Anhieb nicht so spektakulär sein. Es zeigt keinen Hai, der gerade nach Beute schnappt, und auch kein Krokodil mit aufgerissenem Maul, wie manche der übrigen Fotografien. Aber es hat ein verstecktes Detail. Das Foto zeigt eine schwarze Haisilhouette. Flormann musste für dieses Bild unter dem Hai hindurchtauchen und nach oben fotografieren. Der Umriss des Hais, die typische Form, zeichnet sich auf diese Weise vor der Sonne ab, die von oben auf die Wasseroberfläche scheint. Erst beim zweiten Hinsehen fällt auf, dass da noch etwas anderes ist. An der Seite des Hais schlängelt sich eine Schnur entlang, aus seinem Maul ragt ein Fischerhaken. Den Kontakt mit dem Menschen hat der Schwarzspitzenhai zwar überlebt, gezeichnet ist er trotzdem.

Wie seine eigene Zukunft aussieht, das lässt Flormann noch offen. Seine Stelle als Post-Doktorand an der Universität des Saarlandes läuft noch zwei Jahre. Vor einiger Zeit hat er zudem das Unternehmen „Sea More Expeditions“ gegründet, das Reisen rund um Haie, Wale und Krokodile organisiert. Damit will er „kein Geld scheffeln“, wie er sagt. Für Abenteuer in seinem Leben ist jedenfalls gesorgt. Und falls es irgendwann doch mal ruhiger werden sollte, hat er noch ein anderes Hobby, wie er lachend erzählt: „Manchmal spiele ich auch Schach.“


Rebekka Thiel

 

 

INFO:
Galerie am Staden
Ausstellung „Wenn die Ozeane sterben, sterben wir mit ihnen“
Werke von Daniel Flormann
Noch bis zum 6. Mai
Öffnungszeiten:
Di., Mi. und Fr. von 15 bis 19 Uhr
Do. und Sa. von 9 bis 13 Uhr
Bismarckstraße 62
66121 Saarbrücken
Telefon 0681-9067099

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