„Ohne das Wir vereinsamt das Ich“
„Ohne das Wir vereinsamt das Ich“
21. April 2017

Der Wissenschaftler und Publizist Prof. Dr. Michael Wolffsohn, emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr München, wurde vom deutschen Hochschulverband DHV als „Hochschullehrer des Jahres 2017“ ausgezeichnet.

Handschuhe und Schutzbrille sind dem Mädchen eigentlich zu groß. Verbissen versucht es mit beiden Händen, die Säge durch die Sperrholzplatte zu ziehen, rutscht aber immer wieder ab. Vor Anstrengung sind die Wangen schon ganz rot, aber die Kleine macht weiter. Sie besucht mit anderen Kindern einmal in der Woche die Lernwerkstatt „Zauberhafte Physik“. Die kleinen Besucher von drei bis zwölf Jahren werden dort spielerisch an Naturwissenschaften herangeführt, können mit Alltagsgegenständen selbst experimentieren und herausfinden, wie beispielsweise das „aerodynamische Paradoxon“ funktioniert, wenn man auf zwei Papierbögen pustet. Nebenbei werden auch soziale Kompetenzen vermittelt und die Sprachfähigkeit gefördert. Das ist wichtig, denn die Kinder kommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Zu den Förderern dieser und fünf weiteren Lernwerkstätten gehört neben anderen Sponsoren auch die gemeinnützige Lichtburg-Stiftung. Professor Dr. Michael Wolffsohn hat sie 2001 mit seiner Frau Thea gegründet, konzipiert und organisiert Kultur-, Bildungs- und Integrationsprojekte. Finanziert wird das Ganze durch öffentliche und private Mittel. „Wir erreichen mit unseren Lernwerkstätten für Musik, Physik, Kunst, Neue Medien, Natur, Literatur, Theater und bald auch Kochen pro Jahr rund 50.000 Kinder und Jugendliche“, erklärt Wolffsohn. „Eigentlich müsste das der Staat anbieten. Als Privatleute sind wir damit dauerhaft überfordert. Deshalb verhandeln wir derzeit mit Bund, Land und Bezirk über deren stärkere finanzielle Einbindung.“

Auch Angebote
für Senioren

Inzwischen gibt es auch für Senioren Angebote in der Literatur- und Kunstwerkstatt. Sie befindet sich wie die anderen Werkstätten in der Gartenstadt Atlantic, einer denkmalgeschützten Wohnanlage am Gesundbrunnen im Stadtbezirk Mitte. Sie umfasst 49 Häuser mit rund 500 Wohn- und 25 Gewerbeeinheiten. Errichtet wurde sie in den 20er-Jahren durch den Verleger Karl Wolffsohn, den Großvater von Michael Wolffsohn, nach Entwürfen des Architekten Rudolf Fränkel. Die Gartenstadt war ein wichtiges Beispiel für den „Reform-Wohnungsbau“ in Berlin – helle Wohnungen mit großflächigen Innenhöfen statt dunkler und enger Mietskasernen. Mittelpunkt des Ensembles war die Lichtburg, damals mit 2.000 Sitzplätzen Europas größtes Kino. Nach Krieg und Mauerbau kam der Niedergang des Viertels. Die Lichtburg wurde 1970 abgerissen, der verbleibende Gebäudekomplex 1995 unter Denkmalschutz gestellt. Von den Nationalsozialisten enteignet, musste die Familie Wolffsohn jahrelang kämpfen, bis sie im Jahr 2000 ihr Erbe zurückbekam. Es war ein ziemliches Wagnis und ein hohes finanzielles Risiko, aber Michael Wolffsohn ließ die Gebäude sanieren, „mit viel Herzblut“, wie er selbst sagt.

„Was die Cheopspyramide für Ägypten und das Weltkulturerbe ist die Gartenstadt Atlantic für meine Familie und mich“, betont Wolffsohn. „So ein Kulturjuwel verramscht man nicht, es muss einfach wiederhergestellt werden. Das kann man nicht, wie es der Berliner Denkmalschutz gerne macht, im Sinne einer Strichliste erledigen: Alles muss genau wieder werden, wie es war. Damit tötet man ein Denkmal. Es muss aus dem Geist seiner Gründer wiederbelebt werden. Wenn man in die Verantwortung geschleudert wird, muss man sie übernehmen. Ein Ich-bin-ich-und-der- Rest-ist-mir-egal, entsprach nie meiner Lebensauffassung. Ohne das Wir vereinsamt das Ich und ist verloren.“

2016 feierte die Siedlung ihr 100-jähriges Bestehen. Damals wie heute gilt der Grundsatz: Humanes Wohnen in bezahlbaren Wohnungen mit sozialen und kulturellen Angeboten, die die Integration fördern und den Menschen ein Wir-Gefühl vermitteln. Und „auch etwas für Herz und Seele“, das ist für Michael Wolffsohn wichtig. Die Vielfalt Berlins sollte sich in dem Mikrokosmos Gartenstadt Atlantic widerspiegeln – ein gelungenes Miteinander der unterschiedlichen Kulturen und Religionen, denn viele der Bewohner haben nichtdeutsche Wurzeln.

Nicht alle Ideen haben funktioniert. Das Konzept des Lichtburg-Forums mit Konzerten, Lesungen, Shows und Talkrunden ging nicht auf. „Irren ist bekanntlich menschlich“, bekennt der Professor. „Wir haben uns geirrt, als wir meinten, wir könnten über unsere diversen Aktivitäten in der Gartenstadt Atlantic hinaus am Gesundbrunnen auch ein ehrgeiziges Kulturzentrum aufbauen. Berlin ist mit Top-Kultur gesegnet. Mit der Philharmonie zu konkurrieren, ergibt keinen Sinn. Also bietet jetzt das Klingende Museum im Lichtburg-Forum Kindern den zauberhaften Zugang zur Musikwelt.“ 2007 wurde die Einrichtung im Wettbewerb „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“ für ihr innovatives Projekt geehrt.

Michael Wolffsohn ist 1947 in Tel-Aviv in Israel geboren und lebt seit 1954 in Deutschland. Von 1981 bis 2012 war er Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr München. 1991 gründete er dort die Forschungsstelle Deutsch-Jüdische Zeitgeschichte. Obwohl München sein Lebensmittelpunkt ist, verbindet ihn noch so einiges mit Berlin. Er hat dort mehr als einen Koffer. „Viel schöne Vergangenheit, noch mehr schöne Gegenwart und nicht zuletzt die denkmalgeschützte Wohnanlage Gartenstadt Atlantic, die meine Familie und ich wieder zum Blühen brachten. Im Gegensatz zu John F. Kennedy war, bin und bleibe ich, wenngleich zu ungefähr 60 Prozent in München lebend, ein Berliner.“

„Ich gelte manchen als Querkopf“

Michael Wolffsohn hat sich einen Namen gemacht als Historiker und Publizist, ist einer der führenden Experten für deutsch-jüdische Beziehungen auf den verschiedensten Ebenen. Seine Analysen der internationalen Politik werden viel beachtet, seine Stellungnahmen zu weltpolitischen Themen sind gefragt, und er trägt sie selbstbewusst und manchmal streitbar vor. „Ich bin nicht der stromlinienförmige Professor und gelte manchen als Querkopf“, so seine Selbsteinschätzung, und er wundert sich sogleich,  „dass der Hochschulverband einen Querdenker wie mich auszeichnet“. Dabei wurde seine „Querköpfigkeit“ schon vielfach gewürdigt: 1988 mit dem Bundesverdienstkreuz, 1993 mit dem Deutschen Schulbuchpreis und 2011 mit der Verdienstmedaille des Collegium Europeum Jenense der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Seine Einstellung „gegen jegliche Formen von Antisemitismus, Rassenhass und daraus resultierendem Terrorismus”, aber auch sein soziales Engagement für das Integrationsprojekt Gartenstadt Atlantic wurde 2012 mit den Ehrenpreis der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Aachen e. V. ausgezeichnet.

Und nun ist er Hochschullehrer des Jahres 2017. „Herr Kollege Wolffsohn ist ein herausragender Wissenschaftler, Publizist und Querdenker, der den Beruf des Professors stets von seinem lateinischem Wortstamm ‚profiteri’ her, dem Verb für ‚bekennen’, verstanden hat“, erklärte der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Professor Dr. Bernhard Kempen. „Wolffsohn findet klare Worte, auch wenn die Gefahr besteht, sich unbeliebt zu machen. Auf die kulturelle Diskussion in Deutschland übt er durch sein Auftreten in der Öffentlichkeit großen Einfluss aus.“


Das wird er auch weiterhin tun. Auf die Frage, was er die nächsten Jahre vorhat, antwortet er: „Ich werde 70 Jahre, fühle mich frisch wie eh und je und bleibe aktiv. Konkret heißt das, ich entwickle mit meiner Frau die Gartenstadt Atlantic weiter, forsche und schreibe Bücher ebenso wie Artikel. Warum sollen sich nur andere einmischen?“ Sein neuestes Buch „Deutschjüdische Glückskinder – Eine Weltgeschichte meiner Familie“ erscheint im Mai im Deutschen Taschenbuchverlag (dtv). Es ist die Geschichte dreier Generationen einer weit verzweigten jüdischen, heute jüdisch-christlichen, Familie vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Wenn ein Historiker wie er die Geschichte seiner Familie erzählt, darf man sich auf Überraschungen gefasst machen, verspricht der Verlag.


Regina Friedrich

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