Anti-Blogger –  Eine Spezies für sich
Anti-Blogger – Eine Spezies für sich
11. August 2017

Interessante Themen für Blogger gibt es viele, doch die erzeugen längst nicht so viel Aufmerksamkeit wie kritische Bemerkungen, bewusste Provokationen oder billige Lästereien – am besten drapiert mit einem Schuss schwarzem Humor.

Zuckermädchen“ veröffentlichte vor einiger Zeit auf ihrem Blog einen Beitrag mit dem Titel „10 Tipps, um ein echter Shit-Blogger zu werden“. Damit präsentierte die Autorin Trends im virtuellen Blogger-Universum, die sich aus ihrer Sicht kaum ernst nehmen lassen. Häufiges Liken von Beiträgen fällt dabei ebenso durch das Punkteraster wie Schleichwerbung, unnötige Kommentare wie „voll toll“, auf die sich einfach nichts erwidern lässt, und das regelmäßige Posten von Links zum eigenen Blog – ob passend oder nicht. Schließlich wollen neue Follower ja auch wissen, wo es als nächstes hingeht. Das Ziel ist bekannt, der eigene Blog braucht Leser, denn die bedeuten Ansehen, Freude, Geld. Wenn es mit guten Worten nicht mehr klappt, dann empfiehlt das „Zuckermädchen“: „Meckere über simple Themen“ und „Gönn’ anderen den Erfolg nicht, dann kommt er auch zu dir“.

Einige blödeln, andere kritisieren

Einige nehmen diese humorvoll gemeinten Ratschläge allerdings beim Wort und haben sich darauf verlegt, durch freche Sprüche, harsche Kritik und böse Kommentare zu den unterschiedlichsten Themen die Leser oder Zuschauer an sich zu binden. Das geschieht zum Beispiel in Form eines ganzen Blogs, in dem über unnütze Modetrends, hässliche Körpermerkmale von Hollywoodstars oder ekliges Essen gelästert wird. Ganz Mutige belassen es nicht beim Schreiben, sie stellen sich vor die Videokamera und philosophieren in durchschnittlich acht bis zwölf Minuten samt eingebauter Werbung über alles, was gerade aktuell in den Medien umhergeht und Interesse wecken könnte.

Bekannte Beispiele solcher Läster-Vlogger sind zum Beispiel Juliensblog, FreshTorge oder auch LeFloid. Während Letzterer in kurzen Einspielsequenzen durchaus offen und kritisch mit aktuellen Geschehnissen umgeht und sogar schon Bundeskanzlerin Angela Merkel interviewen durfte, verlegen sich Juliensblog und FreshTorge eher auf humorvolle Überspitzungen von Themen oder Personen. Bekannt ist FreshTorge für seine Parodien von Laiendarstellern aus der TV-Welt wie „Teenie-Mütter“ oder lustigen TV-Gesichtern aus „Frauentausch“. Mit dieser Sparte hat es Torge sogar bis ins Kino geschafft – mit einem für ihn klassischen Filmtitel „Kartoffelsalat“. Trotz herber Kritik durfte der Film sich über so viele Zuschauer freuen, dass demnächst „Kartoffelsalat 2“ an den Kinokassen anläuft. Dabei nahm der Filmemacher selbst seinen Ausflug in diese neue Sparte – wie erwartet – mit Humor.

Das einfache Konzept scheint anzukommen, denn bei solchen Kunstwerken erwarten echte Filmkenner keine Meisterleistung in Sachen Drehbuch, Regie oder Schauspielerei, und genau das gibt es auf der Leinwand auch nicht zu sehen. Stattdessen tummeln sich in „Kartoffelsalat“ bekannte Youtube-Größen auf der Leinwand, dazwischen blödelt Otto in einer billigen Kulisse umher und versucht sich durch die karge Handlung zu retten. Fertig ist der Film. Der Kindergärtner aus Norddeutschland weiß, wo sein Können liegt, und das ist die Unterhaltung auf bewusst „niedrigem Niveau“, um damit Lacher zu ernten und sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Ein Format, das bereits mehr als 2,1 Millionen regelmäßige Zuschauer zum Youtube-Kanal lockt.
Dabei braucht Torge noch nicht einmal Clickbaits. Das ist die englische Bezeichnung für spezielle Videotitel, die extra so ausgewählt sind, dass sie Zuschauer locken, auch wenn sich hinter dem Titel dann am Ende gar nicht der erwartete Inhalt verbirgt. Verboten ist das nicht, lästig aber schon.

Ein wahrer Experte auf diesem Gebiet ist Simon Desue. Der Deutsche mit Neu-Wohnsitz im sonnigen Miami liebt es, seine Zuschauer aufs Glatteis zu führen – und nicht nur die. Erst kürzlich legte er seine Model-Freundin rein und schenkte ihr zum Geburtstag einen geliehenen Porsche. Was folgte, waren Videos zu ihrer gekränkten Reaktion und eine vermeintliche Trennung. Natürlich alles Quatsch! Die beiden Turteltauben sind nach wie vor zusammen. Gebracht hat es Simon trotzdem viel Aufmerksamkeit, da sind auch böse Kommentare leicht zu verschmerzen. Hauptsache, die Klickzahlen stimmen, denn die sichern ja das Einkommen. In diesem Fall die schicke Luxuswohnung in Florida.

Weniger bekannte Videoblogger verlassen sich nicht auf Clickbait-Titel allein. Sie plaudern lieber aus dem sprichwörtlich bekannten Nähkästchen der unbeliebten Themen, als da wären „Darmreinigung“, „absurde Diäten“, „Konsumverweigerung“ oder auch die „No Poo Challenge“. Bei Letzterer ist es nicht erlaubt, die Haare mit Shampoo zu waschen. Das soll sie gesünder machen, sieht aber schon nach wenigen Tagen fettig aus. Vom unangenehmen Geruch ganz zu schweigen. Trotzdem bauen Vlogger wie Hannah Dette auf Themen wie diesen ihre gesamte Existenz auf. Hannah redet übers Nacktsein, Barfußlaufen, Pilztrips sowie Schulverweigerung für ihren Sohn Osmo und nimmt es dabei offensichtlich sehr bewusst in Kauf, Hater anzulocken. Hater wiederum machen sich dann daran, die Themen aufzugreifen und daraus ihrerseits Videos zu basteln, die zeigen sollen, wie verquer Hannahs Ansichten sind. Ein gut funktionierender Negativ-Kreislauf, von dem scheinbar alle was haben.

Doch warum ist es so schwer, einfach Videos oder Blogbeiträge mit schönen Inhalten zu produzieren, die den Fan erfreuen und eine positive Stimmung verbreiten? Die Antwort darauf formuliert ein bekennender Anti-Blogger wie folgt: „Ich distanziere mich. Entwickle mich. Zieh mein eigenes Ding durch“ (https://besenstil.at/tag/anti-blogger/). Mainstream zu lesen oder zu sehen, sorgt nicht mehr für die gewünschte Aufmerksamkeit, da müssen andere Lösungen her, um nicht in der Masse unterzugehen. Anti-Blogger trauen sich raus, provozieren bewusst und brauchen eine harte Schale, um dranzubleiben, allen Hatern zum Trotz.

Sabrina Teske





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