Aus Liebe zu gutem Bier
Aus Liebe zu gutem Bier
17. März 2017

Katharina Kurz, Christian Laase, Michael Lembke und Koch Ben Pommer haben sich mit dem „Brło Brwhouse“ ein besonderes Konzept in einem außergewöhnlichen Ambiente einfallen lassen. Und das kommt bestens an. Ohne Reservierung geht hier am Wochenende gar nichts mehr.

Schwarze, geriffelte Metallwände, ein geradliniger Containerbau auf zwei Ebenen. In einem ästhetischeren Ambiente als im „Brło Brwhouse“ ein sehr gepflegtes Bierchen zu zischen, ist in Berlin wohl kaum möglich. Das Brauhaus der neuzeitlichen Art hat sich in 38 zusammengeschweißten, gebrauchten Überseecontainern niedergelassen. Im Innenleben geht’s mit dicken Holztischen, Metallstühlen und schmalen Lichtinstallationen geradlinig, aber dennoch wohnlich zu. Die vormaligen „Wander-Brauer“ von „Brło“ sind mitsamt 60 eigenen und „befreundeten“ Craft-Beer-Sorten und mit einer raffinierten, gemüsebetonten Küche von Küchenchef Ben Pommer direkt am U-Bahnhof Gleisdreieck sesshaft geworden. In den Containern teilen sich Restaurant, Brauerei und Küche gleichberechtigt den Raum.

Doch was wären die beste Standortwahl und die schickste Architektur ohne wohlschmeckendes und glücklich machendes Bier und Essen? Rein gar nichts.

Perfekt abgestimmte Häppchen zum Bier

Auf den Tellern ist das Gemüse der Star. Ben Pommer gibt Grünem und Buntem in kalter oder warmer Ausführung den Raum, den es braucht, um mit einer geschmacklichen Extra-Umdrehung die Biere zu ergänzen oder zu provozieren. Als Bier-Skeptikerin mit wenig solidem Wissen bin ich also die ideale Kandidatin für das „Brło Tasting Board“ mit fünf selbstgebrauten Bieren für acht Euro.

Berliner Weiße, Helles, Pale Ale, German IPA („Indian Pale Ale“) und Porter stehen, von hell nach dunkel, von leicht nach stark und von links nach rechts sortiert, in 0,15er-Gläschen griffig auf einem Holzbord. Das dunkle Baltic Porter, eine Kreuzung aus englischem Porter und russischem Imperial Stout, wie mir Kellner Alex erklärt, ist spontan mein Favorit – vollmundig karamellig, nur leicht bitter beim Antrinken und später warm, mild und malzig im Abgang. Ja, Weinpoesie à la „rund im Abgang“ passt auch zu Craft Beer! Geschmacksverstärker fürs Porter aus dem dazu gereichten „kleinen Food Pairing“ ist eine Zehe schwarzer Knoblauch, die das wohlige Mundgefühl mit einem Tick Süße verlängert. Für 2,50 Euro gibt’s passende Extra-Häppchen aus der Küche, die auf die Bier-Aromen abgestimmt sind – eine prima Möglichkeit, sich an die einzelnen Nuancen heranzutrinken und heranzuschmecken.

Genauso ausgesucht wie Weine werden die kaltgehopften Handwerksbiere von den Brauern kreativ und vielfältig entwickelt und gebraut. Zehn eigene, unfiltrierte Biere werden in kleinen Mengen aus ökologischen Malzen und unterschiedlichen Hopfensorten aus Deutschland, Australien und den USA hergestellt, erklärt uns Michael Lembke beim Rundgang durch die Brauerei. „Man achtet wieder auf die Bier- und Trinkkultur“, freut sich der Braumeister, dessen temporäre Kreationen wie ein mit Ahornspänen aromatisiertes „Maple Smoked Weizen Bock“ bei den Gästen nebenan gut ankommen. Gerade feilt er noch am Rezept für ein „Red Ale“, das im Mai in Flaschen gefüllt werden soll.

Im Sommer wird es ein mit frischen Erdbeeren angesetztes Sauerbier geben – Berliner Weiße mit Geschmack auf die feine Art und ohne Sirup. In orgelpfeifengleich aufgereihten Stahltanks mit 2.000, 4.000 und 8.000 Litern Fassungsvermögen warten die „Brło“-Biere aufs Abfüllen. Seit kurzem gibt es samstägliche Führungen durch die Brauerei. Manchmal übernehmen Freunde für einen Abend die Zapfhähne: Am 1. April wird es ab 17 Uhr zum „The White Hag Tap Takeover“ durch irische Craft-Beer-Brauer kommen. Am Vortag werden die Iren und die Deutschen in einem „Colab Brew“ gemeinsam ein neues Bier brauen, das später in Irland vorgestellt und ausgeschenkt wird.

Das Augenmerk liegt auf Gemüse

Liegt der Fokus mehr auf dem Essen, bleibe ich persönlich lieber bei einer Sorte Bier, die ab drei Euro im 0,3er- oder ab 4,50 Euro im 0,5er-Glas ausgeschenkt wird. Mir mundet das Pale Ale mit seinen mangoartigen und leicht pampelmusigen Noten zum Gemüse am besten. Es hat genau die Geländegängigkeit, die unaufdringlich die feinen Aromen unterstreicht. Das kräftigere, „unverdünnte“ German IPA schmeckt mir ebenso, verlangt aber mehr Aufmerksamkeit für sich. Letztlich ist alles eine Frage des persönlichen Geschmacks.

Mag mir der milde, im Smoker gegarte Sellerie mit Apfel-Sellerie-Glasur, Senfcreme und Walnuss-Crumble einmal zu sanft erscheinen, passt er ein anderes Mal als schlotziges Wohlfühlgemüse perfekt. Praktisch, dass die Gerichte aufs Kombinieren und Teilen ausgerichtet sind: Wer allein isst, bestellt in Größe „S“ jeweils einmal von den Gemüsen, Beilagen und „On Top“-Schälchen für 14,50 Euro. Für bis zu drei oder fünf Personen können mehr Komponenten in „M“ und „L“ für 38 oder 65 Euro kombiniert werden. Und wo bleibt das Fleisch? Es ist in vier Sorten und unterschiedlich großen Portionen stets als „Plus“ ab 6,50 Euro zusätzlich bestellbar.

„Wir wollen, dass Fleisch etwas Besonderes ist“, sagt Ben. Er legt Ribs vom Schwäbisch-Hällischen Freilandschwein, Dry Aged Schweinebauch vom Mangalitzaschwein, mit Apfel und Hickory-Holz geräucherte Beef Short Ribs und Rinderbrust in den Smoker und lässt sie bis zu 20 Stunden darin. „Nehmt die Beef Short Ribs, die sind heute besonders gelungen“, empfiehlt uns Alex. „Ach nee, ich mag nicht am Knochen nagen“, wende ich ein. „Kein Problem, der Koch kann euch das Fleisch abschneiden.“ Überzeugt! Von der Wahl, vom Service und vom Geschmack. Die Short Ribs sind gut gewürzt, rosa am Knochen, von schön brauner Kruste umrandet und butterweich.

Das Wort „Brło“ wird „Bärlo“ gesprochen

Ob bunte Bete mit geräuchertem Hüttenkäse und Miso, wilder Broccoli in allen Texturen und Ausführungen mit Schafskäse oder grüner Spargel mit Nussbutter, Paprika und Wildkräutern – die Gemüsegerichte lassen das Fleisch nicht vermissen. Allein schon die Chips aus Wirsing, Sellerie, Pilzen und Lauch sind eine knusprige Delikatesse. Eine Scheibe Ochsenherztomate schaut mich auffordernd an. Aufforderung angenommen: Sie wird unverzüglich und mit Wohlgefallen weggeknabbert. Die Begleitung ist ebenfalls angetan: „Hier kann ich mit meinem Sohn und meinem Vater zusammen hingehen.“ Der Jüngere ist Vegetarier, der Ältere liebt die traditionelle Küche, und das „Brło Brwhouse“ hält für alle etwas bereit.

Mein Favorit ist das gebratene und mit einer Tomaten-Dashi-Vinaigrette abgeschmeckte Kopfsalatherz. Gemüsechips knacken knusprig dazu und Malz, also gekeimtes und wieder getrocknetes Korn, sagt einmal extra Hallo zum Bier. Bald wird der Salat aus dem „ersten Growing Container Europas gleich nebenan“ kommen, berichtet Ben. Gerade wird noch an den letzten Feinheiten der optimalen Wachstumsumgebung für Blattsalate und Kräuter gearbeitet.

Der präzise, respekt- und liebevolle Umgang mit dem Gemüse ist Ben Pommer im Gespräch und in seinen Gerichten anzumerken. Die Arbeit bei Drei-Sterne-Koch Nils Henkel, einem der Pioniere der Gemüse-Haute-Cuisine in Deutschland, hat ihre Spuren hinterlassen. Den Sterne-Weg hat Ben nach einer längeren Reise bewusst verlassen: „Ich wollte nicht mehr nur für die 30.000 Gourmets kochen, die immer kommen.“ Die Brauhauskultur faszinierte ihn nicht minder. „Im Brauhaus teilt man sein Essen und kann es miteinander gut haben. Am Ende der Welt, auf den Fidschi-Inseln, gab es einen Tisch fürs ganze Dorf, und alle haben miteinander gegessen. So ein geselliges Essen schätze ich extrem.“ Auch die Freunde des 32-Jährigen können wieder unkomplizierter vorbeischauen: „Ich wollte etwas Entspanntes, auch preislich Entspanntes machen.“ Das ist ihm im „Brło Brwhouse“ aus dem Stand gelungen – eine Reservierung fürs Wochenende empfiehlt sich. Bald kommen zu den 170 Plätzen im Inneren 350 im Biergarten dazu. Dort werden dann „zwei, drei Gemüse-Geschichten, Rippchen und Sandwiches“ zum Bier und zu anderen Kaltgetränken durch zwei „Klappen“ an den Containerseiten ausgegeben.

Bleibt die Frage: Warum ein so komplizierter Name? Der sich zudem ganz anders als erwartet ausspricht: „Bärlo“. „Brło ist der alt-slawische Ursprung des Namens Berlin. Zusammen mit der Endung „in“ heißt es so viel wie „Sumpf“ oder „trockene Stelle in einem Feuchtgebiet“, erklärt „Brło“-Geschäftsführerin Katharina Kurz. „Das fanden wir ziemlich passend für eine Biermarke.“ Sie bildete gemeinsam mit Studienfreund Christian Laase und Braumeister Michael Lembke Ende 2014 das Ursprungstrio von „Brło“. Die drei wollten nach ihrer „Wanderschaft“ auf Festivals und Street-Food-Märkten schließlich „was Festes mit Bier machen“.

Ben Pommer hatte ähnliche Ideen und ebenfalls ein Auge auf das Areal am Gleisdreieck geworfen, so dass der Eigentümer des Geländes die vier zusammenbrachte. Für die nächsten „drei Jahre plus x“ sei der Standort des „Brwhouse“ gesichert, erzählt Katharina, später eine Bebauung mit Bürogebäuden geplant. Das Container-Gebäude ist also aus gutem Grund „zusammenfaltbar“ und transportabel. Bis es so weit kommt, gilt es, der Erde und den Genussmitteln den ihnen gebührenden Respekt zu erweisen, wie große Leuchtbuchstaben an einer Containerwand fordern: „Save the planet, it’s the only one with beer“.

Von Ute Schirmack

Ute Schirmack ist Journalistin, Autorin und Erforscherin großstädtischer Lebensräume. Diese Lebensräume sind unter anderem die Restaurants, Cafés und Bars in Berlin, die sie nun auch mit Stift und Papier genüsslich erkundet.


Info:

Brło Brwhouse

Schöneberger Straße 16

10963 Berlin-Kreuzberg

Telefon 030-55577606,

Reservierungen 0151-74374235

Öffnungszeiten: Di. bis Fr. ab 18 Uhr, Sa. bis So. ab 12 Uhr

www.brlo-brwhouse.de


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