Die wiedergeborene Maria Callas
Die wiedergeborene Maria Callas
17. März 2017

20 Millionen Mal wurde das Video bisher schon angeklickt. Die Holländerin Amira Willighagen verblüffte vor vier Jahren die Jury und die Zuschauer der Sendung „Holland’s Got Talent“. Die damals gerade Neunjährige sang eine Opernarie fast wie ein Profi. Seitdem hat sich einiges getan.

Als das Mädchen die Bühne betritt, bemerkt man von Unsicherheit nicht die kleinste Spur. Amira, die gerade leichtfüßig vor die Jury spaziert, ist neun Jahre alt und steht nur wenige Sekunden vor ihrem ersten großen Auftritt bei „Holland’s Got Talent“, der niederländischen Version der Show „Das Supertalent“. Amira plaudert mit der berühmten Jury ganz locker wie mit alten Freunden und antwortet schließlich auf die typische Frage  „Und was wirst du uns heute vorstellen?“ mit: „Ich werde ein Lied singen.“
Durch den bösen Kommentar des Jurymitglieds Gordon Heuckeroth, einer Art niederländischem Dieter Bohlen, ob er denn womöglich gleich Ohrenstöpsel brauche, lässt sie sich nur für einen Sekundenbruchteil aus dem Konzept bringen. Und dann fängt sie an zu singen. Was nun kommt, wird zu einem Phänomen. Das Youtube-Video von Amiras Auftritt wurde bis heute mehr als 20 Millionen Mal aufgerufen.

Gordon Heuckeroth hält es nicht mehr auf seinem Platz. Der Juror springt auf, auch das Publikum ist begeistert. Die Überraschung ist groß. Denn Amira hat sich nicht etwa für ein gängiges Radiolied oder einen Popsong entschieden, wie man es von einer Neunjährigen vielleicht erwarten könnte. Stattdessen hat sie einen der Opernklassiker schlechthin gewählt, weil ihr Popmusik eigentlich gar nicht gefällt, wie sie später in einem Interview verrät. Bereits die ersten Töne von „O mio babbino caro“, an dem sich selbst gestandene Sängerinnen abarbeiten, singt Amira mit einer Leichtigkeit und einer inneren Überzeugung, die Profiniveau haben. Der Rest ist Kür.

Wenn man es nicht besser wüsste, man könnte für einen Augenblick meinen, hier singe eine erwachsene Frau. Dass da ein neunjähriges Mädchen auf der Bühne steht, ist das wirklich Faszinierende bei diesem Auftritt. Faszinierend, weil man sich nicht vorstellen kann, wo ein Kind diese Töne, diese Klangfarbe, diese Intonation und diesen Ausdruck so einfach herholen kann. Das Singen von Opernarien – und vor allem das Singen von Opernarien auf diesem Niveau – gehört nicht unbedingt zu den gängigen Hobbys eines neunjährigen Mädchens.

Die erste Frage, die sich jeder stellt, der sie zum ersten Mal singen hört, musste Amira seit ihrem Auftritt mehr als einmal beantworten. Wie sie denn überhaupt dazu gekommen sei, Opernlieder zu singen, und wie sie es geschafft habe, gesanglich so gut zu sein. Amiras Antwort ist in zahlreichen Interviews verblüffend einfach: Mit der Hilfe ihres älteren Bruders habe sie bei Youtube Aufnahmen von Opernliedern gefunden, die hätten ihr gefallen und die habe sie dann einfach nachgesungen.

Dass Amira aus einer Familie kommt, in der Musik eine Rolle spielt, war dabei sicher förderlich. Während der Vater Orgel und ihr Bruder Geige spielen, hat Amira sich dem Gesang gewidmet. Erst im Chor und dann, nach ihrer Youtube-Recherche, auch solistisch. Schon nach ihrem ersten Auftritt bei „Holland’s Got Talent“ bekommt sie ein Direktticket für das Halbfinale und gewinnt am Ende mit „Ave Maria“ und „Nessun Dorma“ das Finale der Show. Das war im Jahr 2013.

Jede Talentshow im Fernsehen hat von Zeit zu Zeit einen dieser Gänsehautmomente, der hitverdächtige Einschaltquoten hervorbringt. Immer stehen in solchen Situationen Menschen im Mittelpunkt, von denen man nicht gedacht hätte, dass sie genau das können, was sie gerade unter Beweis gestellt haben. Eine tollpatschig wirkende Susan Boyle legt plötzlich ungeahnte Musical-Gesangsqualitäten an den Tag. Paul Potts, der Verkäufer mit den schiefen Zähnen, schmettert einen Opernhit und lässt alle sprachlos zurück.

Und dann Amira. Bei Erfolgen dieser Art liegt die Befürchtung nahe, dass die Gewinner der Sendung schnell in eine Maschinerie geraten, die sie überrollt. Zahlreiche Promo-Auftritte, Interviews, CD-Produktionen und Konzerttourneen zerren an den Nerven der Leute, die gestern als Hausfrauen oder Verkäufer noch so weit entfernt vom Glamour der Stars waren, wie man es nur sein kann.

Deshalb überrascht es nicht, dass Amiras Erfolg neben zahlreichen Anhängern der wiedergeborenen Maria Callas, wie Amira von ihren Fans oft genannt wird, auch Kritiker auf den Plan ruft. Besonders deshalb, weil Amira noch ein Kind ist, das dem Druck der Medienwelt noch weniger gewachsen sein dürfte. „Millionen Menschen sehen sie als Engel. Fast schon als Erlöser“, schreibt die Sängerin Stella Scott nach Amiras Sieg über das Problem der Kinderstars, und sie führt weiter aus: „Im Laufe der Zeit gab es viele Kinderstars. Für einige lief es gut. Für andere war es ein Desaster.“ Kritisiert wird dabei nicht nur der Druck, dem das Kind ausgesetzt ist, sondern auch die Tatsache, dass Amira sich für klassischen Gesang entschieden hat und stimmlich schnell an ihre Grenzen stoßen dürfte.

Dass Amira keine erwachsene Frau ist, sieht und hört man natürlich. Sie singt ihre Lieder meist mit Mikrofon. Eigentlich ein Tabu beim klassischen Gesang. Und auch Amira muss sich beim Singen manchmal bemühen, nicht immer sitzt jeder Ton. Das weiß sie selbst. „Meine Technik ist nicht die beste. Ich singe nach Gefühl“, erzählt sie 2016 in einer Dokumentation des niederländischen Regionalsenders Omroep Gelderland.

Bei einem Mädchen in Amiras Alter ist natürlich die Stimmentwicklung noch nicht abgeschlossen. So informiert etwa die Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP) darüber, dass sich die Anatomie des Kehlkopfs ungefähr ab dem zwölften Lebensjahr verändert. Obwohl der Stimmwechsel hauptsächlich als Stimmbruch bei Jungen bekannt ist, gibt es ihn auch bei Mädchen. Der Kehlkopf wächst, die Stimmlippen verändern sich, die Stimme wird tiefer. Bei Kindern mit erhöhter stimmlicher Belastung, wie etwa jungen Sängerinnen und Sängern, so die DGPP, „ist insbesondere während des Stimmwechsels eine Betreuung durch einen Gesangspädagogen und Stimmarzt erforderlich, um Stimmstörungen zu vermeiden, die durch eine Überbelastung während der Wachstumsphase des Kehlkopfes entstehen können“.

Amira wird mittlerweile von einer Gesangslehrerin unterrichtet, die sie in dieser Phase begleiten soll. Dass es allerdings auch andere Meinungen gibt, davon erzählt Amira in der Dokumentation des niederländischen Fernsehsenders: „Ich hatte vorher schon Gesangsunterricht, aber die Frau sagte, Oper sei zu anstrengend für meine Stimmbänder, und dass ich etwas anderes singen solle.“ Amiras Eltern scheinen den Spagat zwischen Fördern, Fordern und Schützen ihres Kindes zu schaffen. Und dabei ist die oft gestellte Frage, ob Amira sich in der Klassik etablieren kann, ob ihre Gesangskarriere weitergeht und ob sie erfolgreich wird, vom aktuellen Standpunkt aus ohnehin eher fehl am Platze. Die Frage ist vielmehr, ob man ein Mädchen überhaupt mit erwachsenen, ausgebildeten klassischen Sängerinnen vergleichen muss oder ihren Erfolg und ihre Freude am Gesang einfach als das sehen kann, was sie sind: der Stoff, aus dem sich eine schöne Geschichte erzählen lässt. Als Manager tritt Amiras Vater auf, der immer wieder darauf hinweist, dass Amira eben das tut, was ihr im Moment gefällt, und der darauf achtet, das Kind nicht zu überfordern. Nach dem Sieg bei „Holland’s Got Talent“ hat Amira 2014 ein Album veröffentlicht, das in den Niederlanden sofort auf Platz eins in die Charts eingestiegen ist. Ein Nachfolgealbum mit Weihnachtsliedern erwies sich hingegen als weniger erfolgreich. In den folgenden Jahren absolvierte Amira einige Auftritte in Fernsehsendungen, etwa als Gast von André Rieu, bei Galas und als Gastsängerin bei Konzerten.

Ihr erstes abendfüllendes Konzert gab sie 2015. Aktuell finden sich auf ihrer Homepage Fotos, Videos und Berichte von Reisen nach Island, Japan, Malta oder in die Vereinigten Staaten. Und die Videos ihrer Auftritte, Reisen und Interviews zeigen, dass hier kein dressierter Kinderstar in die Kamera strahlt, sondern ein Kind mit einem besonderen Talent, das die Chance hat, gemeinsam mit seiner Familie etwas zu erleben, Leute zu unterhalten und nebenbei auch Gutes zu tun. So rief Amira die Stiftung Gelukskinders, ins Deutsche übersetzt Glückskinder, ins Leben und finanziert mit einem Teil ihrer Einnahmen und mit Hilfe gesammelter Spenden verschiedene Projekte für benachteiligte Kinder und Jugendliche in Südafrika. Im August vorigen Jahres eröffnete sie dort bereits den zweiten Spielplatz. Verbunden sind Amira und ihre Familie mit Südafrika durch ihre Mutter, die von dort stammt.

Dass hinter vielem Amiras Eltern als Management stehen, dürfte offensichtlich sein. Nach einer übermäßigen Vermarktung sieht das alles aber nicht aus. Dass Amira bei all ihren Aktivitäten nicht mehr als zehn Schultage verpasst, sei vorgeschrieben, erzählt sie 2015 in einem Interview mit dem „Kurier“. Überhaupt wirkt sie in Interviews weder aufgedreht noch besonders aufgesetzt, noch hat man den Eindruck, dass sie sich unwohl in ihrer Haut fühlt. Amira ist keine Selbstdarstellerin, ihre Antworten klingen nie einstudiert, vielmehr wie die eines Mädchens, das trotz seines Alters weiß, was es will. Dass es ein Leben neben der Musik gibt, betont Amira häufig. Andere Hobbys wie Sport, genau genommen Leichtathletik, kommen in ihrem Alltag nicht zu kurz.

Dass Amira natürlich eine Ausnahme in der Reihe der Gleichaltrigen darstellt, steht außer Frage. Heute, drei Jahre nach ihrem Sieg, ist sie nach wie vor gesanglich aktiv, ihre Stimme hat nichts an Faszination eingebüßt, aber vornehmlich darf Amira wohl auch das sein, was man mit fast 13 Jahren normalerweise ist: ein Kind oder eben mittlerweile fast ein Teenager. Wie es weitergeht, wird sich zeigen. Aber auch hier argumentiert Amira auf Anfrage von Interviewpartnern realistisch: Sie wolle so lange singen, wie es ihr Spaß mache, und so lange, wie sie erfolgreich damit sein kann. Wenn das nicht klappt, gibt es genügend andere Optionen. Und bis dahin hat Amira Zeit, erwachsen zu werden und dabei eine Menge Erfahrungen zu sammeln, die ihr niemand nehmen kann.

Von Rebekka Thiel




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