Einsatz für charmante Langohren
Einsatz für charmante Langohren
16. Juni 2017

Neben den großen Tierschutzorganisationen gibt es quer durch die Republik auch viele kleine Vereine, die Zeit, Herzblut und Geld investieren, um Tieren zu helfen. Wie zum Beispiel der Verein Eselfreunde im Havelland. Christine Möller gründete ihn. Es ist zweifelsohne ein Vollzeitjob, aber eine Herzensangelegenheit.

Ein heißer Frühsommernachmittag im havelländischen Paaren im Glien, eine gute halbe Autostunde von Berlin entfernt. Auf einer Koppel kurz hinter dem Ortsausgang zupfen rund ein Dutzend Esel Halm für Halm aus Heunetzen, lassen sich die Sonne aufs strubbelige Fell scheinen. Mittendrin: Christine Möller, die kontrolliert, ob es für alle ihrer „Mädels“ genügend Futter und Wasser gibt und ob es den Tieren gesundheitlich gut geht. Das nämlich ist bei den Eseldamen hier nicht ganz selbstverständlich, schließlich haben viele von den Tieren eine schwierige Vorgeschichte.

Christine Möller seufzt. 2012 gründete die 57-jährige Frührentnerin den Verein Eselfreunde im Havelland, der sich unter anderem um sogenannte Problemesel kümmert. Und davon gäbe es nicht nur in der Region Berlin-Brandenburg, sondern in ganz Deutschland eine ganze Menge, sagt die Eselliebhaberin. Von Eseln, denen Fehlhaltungen und Risiken für einige Krankheiten angezüchtet würden zugunsten bestimmter optischer Eigenschaften bis hin zu schlicht unsachgemäß gehaltenen Tieren, die dadurch krank würden oder verkümmerten.

„Esel sind soziale Tiere, können es nicht ertragen, ohne Artgenossen auf einer Koppel zu stehen“, sagt Möller. Viele aber wüssten das nicht, ließen sich vom „Esel-Trend“ anstecken und schafften sich für knapp 1.000 Euro einen Esel an, der dann einsam auf der Wiese hinter dem Haus stehe. Darüber kann sich Tierfreundin Möller gar nicht genug ärgern: Über Menschen, die sich Tiere zulegten, ohne über deren spezielle Bedürfnisse Bescheid zu wissen. Eselhaltung in Brandenburg, überhaupt in Mitteleuropa, sei nämlich nicht ganz ohne, sagt sie.

Denn die langohrigen Huftiere stammten ursprünglich einmal aus Steppen- und Wüstenregionen, seien also an ein wesentlich trockeneres Klima und kargere Böden angepasst. Die saftigen Wiesen bei uns sorgten für eine viel zu eiweiß- und zuckerreiche Nahrung – die Folge seien oft Stoffwechselkrankheiten. Habe ein Esel aber erst einmal eine kompliziert zu behandelnde Krankheit, dann gäbe es nur allzu viele Besitzer, die die „kostspieligen Tiere“ schnell loswerden wollten.

Im günstigen Fall landen sie dann bei Christine Möller und ihren Mitstreitern von den „Eselfreunden“. So wie zum Beispiel Bonny und Ikarus, die über eine Aktion von Tierschützerin letztlich nach Paaren kamen.

Parasitenbefall, verfaulte Zähne, vollkommen verwachsene Hufe, auf denen die Tiere kaum mehr laufen können, Christine Möller hat im Laufe der Jahre so einige „Kummeresel“ aufgenommen. Zusammen mit ihren Mitstreitern hat sie sie liebevoll aufgepäppelt und dafür gesorgt, dass die teilweise menschenscheu gewordenen Tiere wieder Zutrauen zu Zweibeinern fassen.

Mittlerweile betreuen die „Eselfreunde“ 24 Esel und ein Pferd, die auf verschiedene Flächen rund um den kleinen Ort Paaren verteilt sind. Und zwischen denen Christine Möller, begleitet von ihrem Cockerspaniel, quasi den ganzen Tag hin- und herpendelt.

An der Eselinnen-Koppel gibt es eine überdachte Sitzgruppe, einen umfunktionierten Bauwagen, einen Schuppen – quasi eine Art kleines Basislager für diverse Aktivitäten, die von den Eselfreunden organisiert werden. Denn auch wenn Christine Möller das „Gesicht des Vereins“ ist, gibt es insgesamt über 40 Mitstreiter aus der näheren und weiteren Umgebung, die sich auf unterschiedliche Weise für die Tiere engagieren.

Die Zahl der festen Vereinsmitglieder ist zwar um einiges niedriger, zu großen Veranstaltungen jedoch im benachbarten MAFZ (Märkisches Ausstellungs- und Freizeitzentrum) können immer genügend Helfer aktiviert werden. Dann nämlich, wie kürzlich bei der „BraLa“, der Brandenburgischen Landwirtschaftsausstellung, ist Großeinsatz angesagt. Hier können die Eselfreunde über ihre Angebote vom „Eselführerschein“ bis hin zum Vermieten von Tieren für Filmaufnahmen informieren. Alles Aktivitäten, die dem Verein zusätzliche Einnahmen für den Unterhalt der Tiere sichern.

Esel sind sehr sensibel – von wegen stur oder bockig

Und gleichzeitig mit Vorurteilen, die es immer noch zu den Eseln gibt, aufräumen. Sture, bockige, störrische Tiere, die nicht auf ihre Besitzer reagierten? Christine Möller kann da nur schmunzeln. Kommunikation sei wirklich alles beim Umgang mit den eigentlich sehr sensiblen und aufmerksamen Langohren. „Wenn sich ein Pferd einer gefährlichen Situation gegenübersieht, ergreift es in der Regel die Flucht. Esel aber reagieren unterschiedlich – sie fliehen oder stellen sich dem Kampf. Oder aber sie ziehen sich innerlich zurück, in der Hoffnung,  nicht bemerkt zu werden, und warten so die Gefahr ab.“

Ein Mensch, der das nicht wisse, so die Eselexpertin, könne das Tier für störrisch halten, wenn es eben nur verunsichert sei und eine „klare Ansage“ benötige. Die werde durch Körperhaltung und -ausdruck und natürlich über die Stimme kommuniziert. Aber klar, räumt sie ein, müsse das erst einmal gelernt und geübt werden. Zum Beispiel beim sogenannten Eselführerschein – einer Art Crashkurs im Umgang mit den Grautieren, für alle, die sich auf eine Wanderung mit Eseln begeben wollen. Einer von vielen Programmpunkten, die die Eselfreunde das Jahr über auf die Beine stellen.

Denn es gibt fast keinen Bereich, in dem Christine Möller nicht mit ihren Tieren aktiv wäre. Esel seien so vielseitig, sagt sie begeistert, und so kommen zu ihr Kitagruppen oder aber sie selbst besucht Senioren mit einem der Tiere in einer Pflegeeinrichtung. Erst kürzlich habe sie da berührende Momente erlebt, als sich eine alte demenzerkrankte Dame beim Streicheln des Esels plötzlich „an früher“ erinnerte.

„Esel können so einiges“, plädiert die Tierschützerin für die oft falsch verstandenen und unterschätzten Tiere. Ein Pferd sei für viele schon einschüchternd, an einen Esel traue man sich heran. Auch Menschen, die gehandicapt seien, Schwierigkeiten im Umgang mit anderen hätten. Christine Möllers Esel sind so auch vierbeinige Therapeuten, die Eselfreunde kooperieren hierbei mit anderen Vereinen, beispielsweise den „Wegpiraten“, einem erlebnispädagogischen Verein.

„Esel sind so vielseitig“

Wie aufgeschlossen Esel auf Menschen zugehen, sich „ihren Menschen“ aussuchten, demonstriert uns Eseldame Lola wenig später. Die knapp 300 Kilo schwere graubraune Eselin stellt sich uns quer in den Weg. Kraulen ist angesagt –und zwar am Bauch und auf der Nase. Zwei- und Vierbeiner fällt es schwer, sich nach der ausgiebigen „Kuscheleinheit“ wieder voneinander zu trennen. Und Christine Möller freut sich, dass sie wieder einen Menschen davon überzeugt hat, dass der „störrische Esel“ in Wirklichkeit ein äußerst liebenswerter ist.

Von Sabine Loeprick


Info:

Eselfreunde im Havelland e.V.

Christine Möller
Gartenstraße 9
14621 Schönwalde-Paaren/Glien
Mobil 0176-34927611
christine.moeller@esel-freunde.de
www.esel-freunde.de





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