Krank durch frühen Ruhm
Krank durch frühen Ruhm
17. Februar 2017

Tobias Bialuschewski ist Kinder- und Jugend­lichen­­-Psychotherapeut. An der Berliner Aka­demie für Psycho­therapie bietet er zu­sammen mit Verena Heidenreich Fort­bildungen zum Thema „Digitales Selbst und Auswirkungen auf die Entwicklung der Identität“ an. Im Interview erklärt er, was mit Kindern passiert, die früh auf Erfolg getrimmt werden und im Showgeschäft Karriere machen.

Herr Bialuschewski, zahlreiche Kinder machen beim Casting für Werbeagenturen, für Filmrollen oder bei „Deutschland sucht den Superstar Kids“ mit. Was ist mit den Eltern von heute los?

Eltern, die mit ihrem Nachwuchs unentwegt von einem Casting zum nächsten rennen, sind zum Glück nicht die Regel. Die meisten Väter und Mütter, die ich kenne, sind nicht übertrieben ehrgeizig. Ihnen geht es hauptsächlich darum, dass das Kind sich ausprobieren und kreative Potenziale entwickeln kann. Hat das Kind aber plötzlich „Erfolg“, kann das Ganze schnell eine Eigendynamik entwickeln. Durch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit können die Kinder unter Druck geraten und Versagensängste entwickeln. Manche wollen sehr viel leisten und übernehmen sich.

Und manche Eltern meinen es besonders „gut“ mit ihren Kindern?

Eltern, die die „Karriere“ ihrer Kinder forcieren, sollten wissen, dass sich diese möglicherweise zu narzisstischen Persönlichkeiten entwickeln. Wenn Kinder nur Anerkennung bekommen, weil sie in einer Show erfolgreich sind, ist das bedenklich. Plötzlich liegt ein starker Fokus auf einem ganz kleinen Ausschnitt ihrer Entwicklung und der Rest wird nur reduziert wahrgenommen. In der Psychoanalyse sprechen wir da vom wahren und vom falschen Selbst. Statt ein Gefühl für die eigenen Bedürfnisse zu entwickeln, dreht sich bei diesen Kindern alles um die Erwartung der Öffentlichkeit oder der Eltern. Manchmal ist es auch problematisch, wenn Kinder nach Dreharbeiten zurück in ihre Klasse gehen und auf einmal berühmt sind. Es kann passieren, dass sie das Gefühl haben, nicht mehr ihrer selbst wegen anerkannt zu sein oder sie glauben, sie müssten ständig etwas produzieren. Auch werden sie mit Neid konfrontiert. Einige Kinder entwickeln auch ein Fremdheitsempfinden gegenüber ihrer vorherigen Lebenseinrahmung. Das kann zu einem Gefühl der Isolierung und zu einer narzisstischen Panzerung führen. Um dem entgegenzuwirken, sollten die Eltern darauf achten, dass das Kind alte Freundschaften gut pflegt. Auch braucht es Unterstützung bei der Klärung der eigenen Rolle.

Was macht das mit dem Kind, wenn es zu Castingshows geschleppt wird?

Ich frage mich immer, warum machen Eltern das? Wofür setzen sie das Kind ein? Wie sieht ihr eigenes Leben aus? Warum ist für sie der Erfolg des Kindes so wichtig? Ist das Kind nicht vielmehr nur das Objekt der Eltern, um ihnen Bestätigung zu geben? Ich denke mit Unbehagen an Misswahlen in den USA, bei denen wie kleine Puppen ausstaffierte Kinder jede Geste einstudiert haben, bis hin zum maskenhaft wirkenden Gesichtsausdruck. Ich versuche, mit den Augen der Kinder zu sehen, was das mit ihnen macht. Wie wir alle suchen sie im Gegenüber eine Spiegelung, um ihre Identität weiter entwickeln zu können. Wenn die Umgebung ihnen spiegelt, das ist ja großartig, was du tust, dann sagen sie sich: Prima, das mache ich weiter, auch wenn ich dabei mich selbst verliere. Diese Kinder haben wenig Schutzraum für die Selbstentwicklung.

Und wenn der Erfolg ausbleibt, ist die Enttäuschung groß?

Bei den Kindern unterstützt man eine depressive Entwicklung. Manche entwickeln Versagensgefühle, andere Größenfantasien. Die Kinder strengen sich unheimlich an. Sie wollen gut sein. Manche bekommen aus seelischer Überforderung psychosomatische Beschwerden, wie Kopf- oder Bauchschmerzen. In der Behandlung frage ich die Kinder: Was macht diese öffentliche Aufmerksamkeit mit dir? Gefällt es dir, wahrgenommen zu werden von Menschen, die dich gar nicht kennen?

Gerade in den sozialen Netzwerken, bei Facebook oder Twitter erfahren die Kinder übrigens nicht nur positive Resonanz, sondern werden bisweilen mit hasserfüllten oder entwertenden Kommentaren konfrontiert. Sie können sich davon schwer abgrenzen. Dadurch kann es passieren, dass plötzlich ihr Körperbild eine viel zu große Wichtigkeit einnimmt. Dass die Kinder sich aus dem Gefühl, den anderen und sich selbst nicht mehr genügen zu können, sich zu dick oder nicht schön genug finden.

Und wenn das Kind „Erfolg“ hat ist es noch schlimmer?

Eltern sollten sehr wachsam sein, mit den Kindern intensiv sprechen und einfühlsam gegenüber nonverbalen Signalen der Kinder sein. Wenn Kinder in ganz Deutschland in Konzerthallen spielen und vielleicht Teil der Öffentlichkeit sind, muss ihre Privatheit geschützt werden. Schwierig wird es immer, wenn die spielerische Ebene verlassen wird. Manchmal sagen die Kinder noch, es mache ihnen Spaß, sind aber schon längst überfordert. Problematisch wird es auch, wenn das Kind etwas leisten muss, damit es geliebt wird. Wenn es nur schön singt, um gemocht zu werden. Anders kann die Situation bei Künstlerfamilien aussehen. Da können die Kinder häufig über die Familientradition spielerischer ihre kreativen Talente entfalten und der Umgang mit der Abgrenzung und Rollenklärung im Kontakt mit der Öffentlichkeit ist dort häufig schon ein altes Arbeitsthema.

Manche ehemalige Kinderstars fallen später nur noch durch Negativschlagzeilen auf.

Es gibt leider viele solcher traurigen Schicksale. Es ist ein menschliches Grundbedürfnis, ein liebevolles Gegenüber haben zu wollen. Für manche ist dieses Gegenüber die Öffentlichkeit. Wenn die mediale Aufmerksamkeit plötzlich wegfällt, entsteht ein Gefühl der Leere. Das ist für manche so unerträglich, dass sie sich sogar über negative Aufmerksamkeit freuen. Wir kennen das auch von Kindern, die durch störendes Verhalten versuchen, Aufmerksamkeit und Resonanz zu erreichen. Und so funktioniert auch die Vermarktungsstrategie. Schlechte Nachrichten sorgen auch für Öffentlichkeit. Aber das öffentliche Selbst ist eben nicht das private. In der Öffentlichkeit spielt man nur eine Rolle.

Viele haben später Probleme mit Alkohol und Drogen. Wie lässt sich das verhindern?

Die familiäre Einbettung ist sehr wichtig. Sie hat eine schützende Funktion. Wird der Einzelne so akzeptiert, wie er ist? Oder muss er im Außen ganz viel leisten, um seinen Selbstwert und die Beziehung zu seiner Familie zu stabilisieren? Da spielt die Familie eine wichtige Rolle. Sie kann viel ausbalancieren, indem die Kinder wertschätzend behandelt werden und ihr Ich gestärkt wird. Störanfällig sind manchmal auch besonders begabte Kinder mit hoher Sensibilität. Die ist Segen und Fluch gleichzeitig. Sie ist eine große Ressource, macht aber auch verletzlich. Wer eine große Empathiefähigkeit hat oder ein tolles Gefühl für Musik oder Poesie, ist auch anderweitig sensibler. Diese begabten Kinder sollten sich immer fragen können: Für wen übe ich diese Rolle? Mache ich das wirklich für mich? Es ist eine Frage der eigenen Identität. Dem Kind sollte klar sein: Wenn ich nur meinen Eltern zuliebe ein Star bin, fällt ein Schatten auf mich selbst.

Was bedeutet es, wenn ein Kind in einer künstlichen Welt groß wird, statt auf dem Spielplatz oder im Kinderzimmer?

Die Welt des Showbusiness oder das virtuelle Universum haben wenig mit der Realität zu tun. Da müssen die Eltern den Kindern auf einfühlsame Weise helfen, zu erkennen, was real und was nur künstlich ist. Kinder brauchen gesunde Grenzen. Es kann sonst zur Reizüberflutung kommen. Die Kinder müssen seelisch verdauen können, womit sie konfrontiert werden.

Müssen heute Kinder nicht ohnehin viel zu viel leisten? Sie sollen etwa gut in der Schule sein oder Wettbewerbe gewinnen.

Heutzutage wird großer Wert auf Kompetenzentwicklung gelegt und weniger darauf, dass die Kinder Fähigkeiten entwickeln, die ihnen Spaß machen. Wenn die Impulse aus ihnen selbst kommen, dann vollzieht sich ihre Entwicklung spielerischer und mit weniger Druck. Letzterer entsteht, wenn den Kindern vermittelt wird: Es reicht nicht, du musst dich noch mehr anstrengen. Die Eltern sollten immer hinterfragen, wie groß die Belastung ist, unter der die Kinder stehen, was fördernd und was vielleicht schon überfordernd ist und im Blick haben, dass sich auch über Freude und Begeisterung Großartiges erreichen lässt. Und deshalb häufiger den eigenen Entwicklungsimpulsen der Kinder folgen.

Was halten Sie von super ehr­geizigen Eltern?

Die meisten wollen das Beste für ihr Kind und ihm alles ermöglichen. Manchmal ist das auch zu viel des Guten. Nicht wenige sind verängstigt, was die Zukunft ihres Kindes betrifft und wollen ihm alle Möglichkeiten offen halten. Einige Eltern definieren über die Erfolge der Kinder auch ihren eigenen Wert. Die meisten aber wollen alles richtig machen und „gute“ Eltern sein. Darüber vergessen sie, was Kinder wirklich brauchen. Kinder wollen Zeit mit ihren Eltern erleben und von ihnen als das gesehen werden, was sie wirklich sind und nicht als Fernsehstar. Die Dinge, die sie glücklich machen, sind viel banaler. Zum Beispiel mit den Eltern etwas in Ruhe unternehmen oder einfach nur Quatsch machen.

Was sind das für Menschen, die sich in ihren Kindern verwirklichen wollen? Sie wollten früher Karriere als Pianist machen und das Kind soll nun ihren Lebenstraum wahr machen?

Viele Eltern denken: Mein Kind soll es besser haben als ich. Sie sind manchmal selbst im Mangel groß geworden, nun soll ihr Kind stellvertretend für sie selbst etwas verwirklichen. Diesen Eltern mache ich klar, dass weniger oft mehr ist. Und dass eine Pflanze nicht schneller wächst, indem man an ihr zieht. Im Gegenteil, man macht ihre Wurzeln kaputt. Ich fordere diese Eltern auf, nach ihren eigenen Wünschen zu suchen und frage sie, was sie sich als Kind eigentlich gewünscht und wirklich gebraucht hätten.

Welche psychologischen Folgen kann früher Ruhm haben, wenn die Kinder nicht angemessen begleitet werden?

Alkohol- und Drogensucht, Essstörungen, narzisstische Pathologien. Die Kinder fahren emotional Achterbahn. Immer zwischen Selbstüberschätzung und dem Gefühl, nicht gut genug zu sein. Es ist sehr wichtig, die Kinder aufmerksam zu beobachten und zu respektieren, was sie wirklich wollen.

Interview: Daniela Noack




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