Ohrfeigen haben schon  vielen geschadet
Ohrfeigen haben schon vielen geschadet
18. September 2015

Die Backpfeife, Watsche oder Ohrfeige verletzt und demütigt nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder. Außerdem kann sie bleibende Schäden am Hirn oder Gehör hinterlassen. Leider gilt sie noch viel zu oft als Kavaliersdelikt in der Erziehung – obwohl sie seit 15 Jahren aus gesetzlicher Sicht „unzulässig“ ist.

Die Frage, ob Ohrfeigen wirklich „noch niemandem geschadet“ haben, sollte am besten Tuğçe Albayrak beantworten – nur ist sie leider tot. Die Lehramtsstudentin war im November 2014 vor einem Schnellrestaurant in Offenbach von einem 18-Jährigen geohrfeigt worden. Dadurch fiel sie zu Boden und schlug mit dem Kopf auf. Aus ihrem Koma, verursacht durch eine Hirnblutung, erwachte sie nicht mehr; am 26. November, elf Tage nach dem Vorfall, stellten die Ärzte ihren Hirntod fest. Weitere zwei Tage später, an Tuğçes 23. Geburtstag, ließen ihre Eltern die lebenserhaltenden Maschinen ausschalten. Auch jener 84-jährige Rentner, der im Mai 2013 in Rostock starb, nachdem er von einem Radfahrer geohrfeigt worden und zu Boden gestürzt war, würde Ohrfeigen wohl als eher schädlich bezeichnen – wenn er es noch könnte. Nach einer repräsentativen Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2011 zum Thema „Gewalt in der Erziehung“ verabreichten damals etwa zehn Prozent der Eltern in Deutschland gelegentlich Ohrfeigen, um ihr Kind zu strafen; vier Jahre zuvor waren es mit elf Prozent ähnlich viele.

Gesetzliches Recht auf gewaltfreie Erziehung

Das mag man wenig finden, und in der Tat wurde in den Jahrzehnten davor – von früheren Jahrhunderten ganz zu schweigen – deutlich mehr geohrfeigt und geschlagen. Doch der Zehn-Prozent-Anteil ohrfeigender Eltern würde immer noch bedeuten, dass Millionen Väter und Mütter hierzulande ungesetzlich handeln. Minderjährige haben nämlich heutzutage ein Recht darauf, frei von seelischer und körperlicher Gewalt erzogen zu werden. Unmissverständlich heißt es dazu seit dem Jahr 2000 im Bürgerlichen Gesetzbuch: „Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“

Dafür gibt es gute Gründe. Denn Ohrfeigen, vor allem heftige gegen kleinere Kinder, sind für die Opfer riskant. Zwar sind Hirnschäden durch eine durchschnittliche Backpfeife in aller Regel nicht zu befürchten, urteilt Helmut Hollmann, Chefarzt des Kinderneurologischen Zentrums der LVR-Klinik Bonn. Schon „rein mechanisch betrachtet“ seien derart gravierende Folgen einer „einzelnen, klassischen Ohrfeige“ sehr unwahrscheinlich – es sei denn, das geohrfeigte Kind stürzt durch den Schlag unglücklich zu Boden.

Etwas völlig anderes seien aber „wiederholte, mit brutaler Gewalt verabreichte Hiebe an die Kopfseite eines Kindes, also klare Akte von Kindesmisshandlung“. Womit der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin die typischen Ohrfeigen nicht verharmlosen möchte: Grundsätzlich sei es das „Ziel, eine gewaltfreie Erziehung für Kinder zu erreichen“.

Schalldruck kann Trommelfell schädigen

Beträchtlich schaden können Ohrfeigen dem Gehör – bei Kindern wie bei Erwachsenen. Denn beim Auftreffen der Hand aufs Ohr kann der entstehende übergroße Schalldruck das Trommelfell schlimmstenfalls einreißen lassen; in anderen Fällen überaus lästigen Tinnitus, also Ohrklingeln oder -pfeifen, auslösen. Roland Laszig, leitender HNO-Mediziner am Uniklinikum Freiburg, hat mit beidem schon öfter zu tun gehabt. „Bemerkenswert ist, dass sich die meisten Trommelfellverletzungen auf der linken Seite abspielen.“ Das sei „leicht zu erklären, da die meisten Menschen Rechtshänder sind, also mit der rechten Hand auf das linke Ohr schlagen“, merkt Laszig an. „Wenn das zum Beispiel im Rahmen von häuslicher Gewalt der Fall gewesen ist, gibt es die abenteuerlichsten Ausreden, die selbst soweit gehen, dass man beim Fahrradfahren durch den Wald einen Ast ins Ohr bekommen hat oder so etwas Ähnliches.“ Jedenfalls seien Ohrfeigen schon aus HNO-ärztlicher Sicht „sicherlich kein adäquates Erziehungsinstrument“.

Fachleute wie Kathrin Yen wissen, dass Ohrfeigen „recht häufig mit Kindesmisshandlungen verbunden“ sind. Die Direktorin des Instituts für Rechtsmedizin und Verkehrsmedizin der Uniklinik Heidelberg steht auch der dort angesiedelten Gewaltambulanz vor, die körperliche Folgen häuslicher Gewalt begutachtet und gerichtsverwertbar dokumentiert. „Am Kopf suchen wir nach Schwellungen und Blutungen und anderen auffälligen Befunden, wobei beim Verdacht auf Ohrfeigen die seitliche Wangenregion, der Stirnbereich, die Ohren und die Region hinter den Ohren ganz wichtig sind“, beschreibt die Rechtsmedizinerin das Vorgehen. „Auch am Hals finden sich oft Befunde. Und natürlich fragen wir das Kind auch nach Schmerzen oder achten auf Schmerzäußerungen beim Berühren auffälliger Stellen.“

Yen betont, dass Menschen unterschiedlich viel aushalten. „Das Risiko schwerer oder bleibender Verletzungen durch eine Ohrfeige ist normalerweise gering. Säuglinge und kleine Kinder wie auch alte Menschen sind aber generell weniger gut geschützt und damit bei entsprechender Heftigkeit des Schlages gefährdeter.“

Hirnblutungen durch die Ohrfeige seien zwar unwahrscheinlich, drohten aber dann, „wenn das Kind nicht mit der flachen Hand, sondern mit der Faust geschlagen wird“. Denn dadurch werde „eine größere Wucht als bei Ohrfeigen erzielt“. Zudem könne auch die Halswirbelsäule unter einer festen Ohrfeige leiden, „wenn der Kopf frei, also ungebremst schwingen kann“. Äußerst übel kann die Backpfeife allerdings enden, wenn Hirngefäße vorgeschädigt sind. „In einem Fall hatte der Betroffene ein Aneurysma an einer Arterie des Gehirns, und diese sackförmige Erweiterung des Blutgefäßes ist dann durch die Wucht der Ohrfeige gerissen.“ Das Fazit der Österreicherin: „Auch wenn Ohrfeigen heute noch gelegentlich als vertretbar angesehen werden, fallen sie auch im rechtlichen Sinne ganz klar unter Kindesmisshandlung.“ Im Übrigen gehe es nicht nur um die körperlichen Folgen, sondern auch um die psychischen.

Walter Schmidt


INFO

Ungebremste Wucht:
Warum Ohrfeigen kleine Kinder am stärksten gefährden
Der menschliche Schädel als knöcherne Hülle soll das Gehirn  schützen. Das gelingt jedoch auch dann nur begrenzt, wenn ihn Schläge treffen. „Die Energie, die nicht durch den Knochen absorbiert wird, wirkt auf das Gehirn, beschleunigt die relativ weiche, verformbare Hirnmasse und löst darin eine Art Welle aus, die Nerven und Gefäßen zerreißen lassen kann“, sagt Eckhard Rickels, Chefarzt der Neurotraumatologie am Allgemeinen Krankenhaus Celle. „Diese Energiewelle wird am gegenüberliegenden Schädelknochen abgebremst.“ Hier komme es bei entsprechender Anfangswucht „zu deutlicheren Verletzungen“. Anschließend woge die Welle abgeschwächt zurück, ein verebbendes Hin und Her.
Wegen dieser Gefahr muss niemand Kinder in Watte packen. „Sie stoßen sich permanent den Kopf, in der Regel bleibt das ohne Folgen, wie eine Rauferei auch – das hat die Natur so eingeplant“, sagt der Spezialist für Schäden an Gehirn und Rückenmark durch äußere Kräfte. „Die mit voller Kraft ausgeführte Ohrfeige eines jungen Mannes gegen ein Kleinkind kann aber durchaus zur Gehirnerschütterung mit zumindest kurzfristigen neurologischen Ausfällen führen, aber auch zum Zerreißen von Hirngewebe.“ Dann gehen Hirnbereiche zugrunde, mit der Folge bleibender Schäden. Dies droht – außer bei geschwächten alten Menschen – bei Säuglingen und Kleinkindern. Bei ihnen ist der Kopfhalteapparat, also der Hals mit seiner Muskulatur, „noch nicht so kräftig, dass er Widerstand gegen einen Schlag leisten kann“, sagt Rickels. Treffen feste Ohrfeigen oder andere Hiebe gegen den Kopf von Kleinkindern, können diese ihre Halsmuskulatur „noch nicht so schnell schützend anspannen“. Bei ihnen richte sich letztlich die „volle Wucht des Schlages gegen den Schädel und die darin geborgene Hirnmasse“.



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