Regionale Küche am Bahnsteig
Regionale Küche am Bahnsteig
21. April 2017

Die „Platform 11 ¾“ in Völklingen bietet ein außergewöhnliches Ambiente. Das Gebäude verbindet den Charme des späten 19. Jahrhunderts mit dem der Moderne. Seit drei Jahren schwingt Stefanie Bauer in dem historischen Haus das Zepter.

Der Alte Bahnhof in Völklingen stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. 1894 wurde die unter Denkmalschutz stehende Empfangshalle eröffnet, die heute ein Teil des gesamten Anwesens ist. Errichtet wurde das Gebäude auf großzügigen Sandsteinsockeln, an den Wänden hängen alte Bilder der qualmenden und fauchenden Hütte. Ich kenne das Restaurant seit mehr als 20 Jahren, habe Pächter kommen und gehen sehen. Es ist kein einfaches gastronomisches Objekt, da es ziemlich groß ist und die Anforderungen an den Betreiber sehr vielfältig sind.

Seit drei Jahren betreibt Stefanie Bauer das Restaurant „Platform 11 ¾“, und seither läuft es wieder sehr gut hier. In diesem Haus vereinigen sich Kunst und Kulinarik. Denn neben dem Restaurantbetrieb gibt es in dem Anwesen einen kleinen Theatersaal unter der Leitung von Jürgen Reitz und im wundervoll hergerichteten Eingangsbereich immer wieder Musikveranstaltungen. Sehr beliebt bei den Fans groovender Musik sind auch jeden ersten Freitag im Monat die Veranstaltungen „Piano und Saxofon“.

Stefanie Bauer entschloss sich bereits früh, den Weg in die Gastronomie zu nehmen. Mit zwölf Jahren, im Urlaub auf Mallorca, entdeckte sie ihre Leidenschaft für das Gastgewerbe. Ihr gefiel schon damals, dass man in diesem Beruf die ganze Welt kennenlernen kann. Ein paar Jahre später machte sie zunächst ein Praktikum im Hotel am Triller in Saarbrücken, danach begann sie dort ihre Ausbildung. Da sie ja die Welt kennenlernen wollte, stimmte sie einem Austausch mit einem Pariser Hotel zu. Anschließend ging es zu Steigenberger nach Dresden und zu Victor’s am Deutsch-Französischen Garten in Saarbrücken.

Kunst und Kulinarik sind im Alten Bahnhof vereint

Irgendwann später arbeitete sie dann als Angestellte im Alten Bahnhof in Völklingen. Doch eigentlich wollte sie immer selbstständig arbeiten und machte deshalb in Saarbrücken ihren Restaurantmeister. Ihr erstes Restaurant eröffnete sie dann in Heusweiler, vor drei Jahren übernahm sie dann den Alten Bahnhof in Völklingen.

Wie gesagt, es ist ein relativ großes Restaurant mit 150 Sitzplätzen. Viele Kunden nehmen diese Räumlichkeiten an, um ihre Feierlichkeiten dort zu buchen – von Hochzeiten bis hin zu Firmenfeiern. Deshalb gehört es auch zu den Aufgaben der Küche, Banketts und Buffets herzurichten. Jeden Mittag gibt es unter dem Begriff „Ruckzuck-Mittagspause“ Angebote für das tägliche Stammessen. Stefanie Bauer hat festgestellt, dass auch ihr Angebot zum Brunch hier bestens angenommen wird. Dieses Angebot gab es in der Vergangenheit nur sonntags und feiertags, ab sofort bietet sie es auch samstags an.


Wer nicht reserviert, hat trotz der 150 Sitzplätze übrigens ganz schlechte Karten. Fast immer sind diese Events nämlich ausgebucht.


In der Küche sorgen Sebastian Rother und sein Team dafür, dass die vielfältigen Aufgaben mit Bravour gelöst werden. Überhaupt legt die Chefin Wert auf gutes Personal, und dieses scheint die Arbeit zu mögen. Anke Hellbrück ist bereits seit sieben Jahre im Team, ebenso Bauers rechte Hand Jennifer Feix. Stefanie Bauer legt auch großen Wert auf Ausbildung, hat immer Azubis mit in ihrem Team. Sie will den Nachwuchskräften den Spaß an ihrer Arbeit weitergeben. „Das ist enorm wichtig“, erzählt sie.

Die Speisekarte in der „Platform 11 ¾“hat eine klare Handschrift. Die Köche kochen frisch, mediterran, bodenständig und mit regionalen Auszügen. Die Chefin bestand darauf, dass auch die Rezepte ihrer Oma in ihrem Haus gekocht werden. Gleichzeitig aber liebt sie die Küche des Mittelmeers, die sich auch auf der Speisekarte wiederfindet. Beispiele dafür sind etwa die Pastakarte mit mediterranem Einschlag, gebackener Ziegenkäse, Garnelen im Kartoffelnest oder Fischgerichte. Im regionalen Teil der Speisekarte finden sich Hoorische in mehreren Variationen, Dibbelabbes oder Schnittlauch-Eier-Salat. Neu auf der Karte hat sie italienisches Eis. Der Sohn  des Inhabers der Eisdiele Capri in Saarbrücken hat sich in Heusweiler selbstständig gemacht mit der Eisdiele Da Ren und produziert für den Alten Bahnhof Eisspezialitäten nach italienischer Tradition. Nur wenige Sorten und in kleinen Mengen. Ich habe sie probiert, und sie haben mir sehr gut geschmeckt.

Regionales bedeutet für Stefanie Bauer aber weitaus mehr: „Die Völklinger Meeresfischzucht liegt mir sehr am Herzen. Dort beziehen wir unsere ganz frischen Fische her, in Topqualität. Wir bieten auch Führungen durch die Meeresfischanlage an. Da kann sich dann jeder selbst ein Bild davon machen, welch’ ein hervorragendes Produkt hier aus Völklingen kommt. Nach der Führung gibt es bei uns dann ein Fischessen, etwa Dorade aus Völklingen“.

An meinem Besuchstag kam übrigens frischer Spargel aus der Pfalz. Ich erfreute mich an einem schmackhaften Spargelsüppchen sowie an Spargel mit Kartoffeln und einer hausgemachten Sauce hollandaise. Meine Begleitung nahm Fisch aus Völklingen. Auch sehr delikat, wie ich feststellen durfte.

Die Weinkarte ist ein Mix aus regionalen und internationalen Kreszenzen. Bauers Weinberater ist ein Völklinger, Frank Röder aus dem Hause VIF – ein Name mit weltweiter Strahlkraft. Gäste finden  hier, je nach den eigenen Preisvorstellungen, alles – von einem besonderen Saar-Riesling bis zu einem ganz großen Gevry-Chambertin aus Burgund. Dabei steht Stefanie Bauer allem Neuen offen gegenüber. Während unseres Gesprächs kommt eine Weinlieferung von Emil Bauer aus Landau. Der macht mit seinen Weinen auf „St. Pauli-Style“. Dieser ist seit geraumer Zeit angesagt in Deutschland. So heißen seine Weine etwa: „Make Müller great again“, „No Sex, Drugs and Rock‘n‘ Roll“ „Just Riesling“ oder „Pinot gris Bullshit trink Grauburgunder“.

Zum Abschluss erzählt Stefanie Bauer, wie erstaunt viele Gäste sind, wenn sie den Alten Bahnhof zum ersten Mal betreten: „Von außen sehen sie ja die etwas unspektakuläre geklinkerte Fassade. Doch dann kommen sie durch einen riesengroßen, samtenen Vorhang in die Eingangshalle. Früher war das mal der Durchgang zu den Gleisen. Da, wo es einst zu den Gleisen ging, steht heute eine tolle Bühne. Durch eine große Glastür betritt man dann den ,Brasserie-Wagon‘, der etwas rustikaler gehalten ist mit einer sehr hohen Deckenhöhe und einer handgeschnitzten Decke. Unfassbar schön! Links eine gut bestückte riesige Theke. Ein sonnendurchfluteter Raum, es ist urgemütlich hier.“

Rezepte der Oma
und Mediterranes ergänzen sich prima

Geht man weiter nach hinten, kommt man am Kellneroffice vorbei zum „Speisewagen“. Da ist alles etwas dezenter, auch von den Farben. Hier befindet sich auch die Showküche, die für die Bankettveranstaltungen zum Einsatz kommt. „Dort gibt bei unserm Brunch die frisch zubereiteten Eierspeisen unserer Köche. Weiter nach hinten kommt man in den ,Glaspalast‘, wo wir unser Büfett aufbauen bei unseren Veranstaltungen. Nebenan gibt es die kleine Terrasse, durch den ,Speisewagen‘, geht es zur großen Terrasse mit Blick auf das Weltkulturerbe Völklinger Hütte. Dort sitzen die Gäste gerne lange, abgetrennt durch eine Glasbalustrade, weil es Südlage ist und die Sonne hier lange scheint. Nach vorne, Richtung Straße, kommt das ,Bistrot‘, ein Raum für 60 Personen. Darin befindet sich eine alte Schiefertafel, auf der früher die Abfahrtszeiten der Züge notiert waren.“

Ich setze mich zum Espresso auf die große Terrasse, den ehemaligen Bahnsteig. Züge fahren vorbei, ich sitze gemütlich in der Sonne, blicke auf die Völklinger Hütte. So etwas gibt es nur hier…


Rolf Klöckner ist Ehrenmitglied des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften. Entscheidend für die Ernennung waren seine langjährigen und erfolgreichen Bemühungen, Kindern das Kochen als grundlegende Kulturtechnik zu vermitteln.

 

 

INFO:
Platform 11 ¾
im Alten Bahnhof Völklingen
Rathausstraße 57
66333 Völklingen
Telefon 06898-850020
www.alter-bahnhof-vk.de
Ruhetag: Montag

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