Tapas  für jeden Geldbeutel
Tapas für jeden Geldbeutel
6. Mai 2016

Das „Clánndestino“ in Kreuzberg ist beliebter Treffpunkt für die Nachbarschaft und Stammgäste. Gorka Giribas und Küchenchefin Betti Czizikowski verwöhnen ihre Gäste mit spanischen Klassikern und vielem mehr.

Die Begrüßung von Küchenchefin Betti Czizikowski im „Clánndestino“ ist familiär: „Hallo, Frau Köchin! Wie geht’s, was gibt’s heute Abend?“ Hier ein Schwätzchen am frühen Abend, dort eine Rückfrage bei Inhaber Gorka Giribas. Die nach und nach eintrudelnden Gäste einer Geburtstagsgesellschaft in der Tapasbar müssen sich aber noch ein Weilchen gedulden. „Die Gastgeber haben ihre Kinder noch nicht im Bett“, richtet Gorka Giribas aus. Man kennt ein­ander in dem kleinen Lokal, das er im Februar 2015 mitten in Kreuzberg eröffnet hat. „Setzt euch schon mal und trinkt einen Secco.“

Es geht zwanglos und vertraut zu in der Waldemarstraße, nur zweimal ums Eck von der großen Touristenrennstrecke Oranienstraße. Heimelig wird es bald nicht nur im Inneren des 30-Plätze-Lokals sein, sondern auch draußen auf kleinster Fläche. Auf dem Bürgersteig erwarten ein Zweiertisch und eine Bierbank die Gäste, die sich ab Pfingsten mit einem Kaffee bereits nachmittags ab 16 Uhr niederlassen können. Direkt gegenüber vom „Clánndestino“ befindet sich ein baumbestandener Spielplatz; durch die fein gemachte Nachkriegsbaulücke fällt viel Licht auf die Sitzgelegenheiten. „Es ist schon eine besondere Straße“, sagt Betti. „Hier leben noch viele Kreuzberger, nur ab und an kommen Mauertouristen vorbei.“ Das Engelbecken ist nah und einer der Orte in Berlin, an dem sich entlang des Grünzugs der Verlauf der ehemaligen Grenze gut nachverfolgen lässt. Wie zum Beweis kehren italienisch parlierende Gäste ein, fliehen vor dem Aprilgewitter, das sich binnen kürzester Zeit mit Dunkelheit und Wolkenbruch zusammenbraut. Die drei nehmen im Schaufenster der ehemaligen Taxischule Platz, ordern eine Flasche Wein und lassen sich mit mediterranen und „Berliner Tapas“ von Küchenchefin Betti verwöhnen.

Reminiszenz an chilenische Heimat

Da stehen neben den rot-irdenen Töpfchen mit spanischen Klassikern wie „Ensaladilla rusa“, Mayonnaise-Kartoffelsalat mit Thunfisch, Kapern und Ei, mitteleuropäische Deftigkeiten wie Gulasch vom Rind mit Wurzelgemüse in Burgundersauce auf dem Tisch. Oder Bettis Eigenkreationen wie ein Tandoori-Chicken-Curry oder Chorizo mit Äpfeln und Zwiebeln, die die kulinarische Vielfalt Berlins auf der großen Platte illustrieren. Angenehm fallen die vielen vegetarischen Tapas auf: Karotten mit Mandeln und Rosinen kommen leicht karamellisiert und angesüßt ins Töpfchen. Gedünsteter Fenchel in Limetten-Honig-Senf-Sauce erfrischt mit Leichtigkeit. Ein großer, gemischter Teller mit sieben Tapas ist ein solider Weinbegleiter für zwei Personen, die es sich gut gehen lassen wollen. Die warmen Brotstreifen und Dips wie Aioli, Basilikumcreme und Schafskäse mit getrockneten Tomaten sind im Preis von 15,50 Euro inbegriffen. Für den kleineren Hunger oder zum Alleine-Picken gibt’s drei Tapas und einen Dip für 7,50 Euro. „Das warme Brot mit Dips ist typisch chilenisch“, weist Betti auf die Herkunft und kulinarische Tradition des Heimatlandes von Gorka Giribas hin.

Giribas kam 1974 als kleiner Junge mit seinen Eltern in die Stadt, die vor der Pinochet-Diktatur geflohen waren. Es ist eine dieser Berliner und Kreuzberger Geschichten mit Bewohnern von überallher. Giribas' Berufsweg führte ihn später teilweise zurück nach Chile. „Ich bin über den Korken zum Wein gekommen“, sagt der 43-Jährige. Zehn Jahre lang vertrat er die „Heinrich Gültig Korkwarenproduktion“ in Chile. „Die Winzer und Önologen haben mich mit ihrer Leidenschaft für Wein angesteckt.“ Passion führte zu Kennerschaft, Wissen zum eigenen Weinhandel, den er seit zwölf Jahren betreibt. Da ist es nur folgerichtig, dass der Cabernet Sauvignon „Valle Dorado“ von der chilenischen Viña Echeverria zu einem der roten Hausweine avancierte.

Wir nehmen einen Schluck vom saftigen Dunklen, der bestens zu unseren Tapas passt. Vor allem zu den wuchtigeren wie dem Gulasch oder zur Chorizo mit Kichererbsen. „Ich brauche einen persönlichen Link zum Land, zum Winzer, zu den Weinen“, sagt Gorka Giribas. Er ist eng verbunden mit Winzern in Deutschland, Frankreich und Chile, von denen 30 bis 40 Weine stets im Lokal und zum Außer-Haus-Verkauf vorhanden sind. Einen direkten Draht hat Giribas natürlich auch zur Playlist mit lateinamerikanischen Rhythmen: „Diese Musik gefällt mir einfach am besten.“

Sehr gute Weine
zu fairen Preisen

„Meine Gäste sollen sehr gute Weine zu einem sehr fairen Preis trinken können“, lautet das Motto des Weinexperten. So können wir uns den Cabernet Sauvignon im 0,1er-Glas für 2,50 Euro, im 0,2er für 4,30 Euro oder eine Flasche am Tisch für 15 Euro gönnen. Im Außer-Haus-Verkauf kommt der Rote auf sieben Euro. Die Geburtagsgesellschaft, die inzwischen komplett ist, hält sich an den Rosé-Secco vom Weingut Braun. Der Dornfelder aus der Pfalz begleitet die leichteren Tapas wie Lachs und Garnelen mit rosa Pfeffer perfekt und trinkt sich flattrig-leicht. Auch hier sind die Gäste mit drei Euro für das 0,1er-Glas fair dabei. Wer den Rosé nach Hause tragen will, erhält die Flasche ebenfalls für sieben Euro außer Haus und für 15 Euro im Lokal.

Das Gewitter hat sich wieder abgeregt, es dunkelt zu späterer Stunde ordnungsgemäß. Die Tür öffnet sich, ein Jack-Russell-Terrier flitzt durch den Gastraum und fühlt sich offensichtlich ganz zu Hause. Eine junge Frau lässt sich auf eine Tasse türkische Linsensuppe nieder – Bettis Tochter kommt auf eine Kleinigkeit vorbei. Auch wir probieren den Klassiker für 4,80 Euro, knacken auf geröstetem Sesam und frischem Lauch herum. Die Suppe bleibt fein im Hintergrund und wärmt innerlich. Bettis Tochter wirft einen Blick und ein paar Worte in die schmale Küche, in der ihre Mutter mit den Zutaten ballettös auf kleinstem Raum jongliert. So vielfältig die Tapas sind, eines gilt stets: „Vorsicht vor dem Zuviel!“ Starke Gewürze wie Rosmarin werden nur sparsam verwendet, und es gibt stets auch Knoblauchfreies. „Das Essen ist immer auf die Weine abgestimmt“, sagt Betti. Sie wollte nach vielen Jahren Selbstständigkeit wieder zurück auf die kreative Seite des Kochens: „Gorka und ich haben uns dann einfach gefunden, das passt.“ Hündin Ilona hält die Albondigas, Hackfleischbällchen in Tomatensauce, aufmerksam im Blick, unternimmt aber keinerlei Versuch zu betteln. Sardinen, Albondigas und gegrillte rote Paprika sind die „ewigen Favoriten“ auf der zweiseitigen Tapas-Karte.

Zum Abschluss Erdbeerpudding

Nach Lust und Angebot gibt’s wechselnde Kleinigkeiten dazu – bald beispielsweise wieder Ceviche. „Ein klassisches Sommergericht“, sagt Gorka Giribas, der sich ersichtlich selbst auf den typisch lateinamerikanischen, mit Limette marinierten und Koriander gewürzten Fisch freut. Angenehm im „Clánndestino“: Alle Tapas gibt es wirklich in Tapas-Größe, als Häppchen zum Kaltgetränk, so wie in Spanien erfunden. Die deutsche Eigenart, Tapas ausschließlich als große Portion zu verkaufen, wird nicht übergriffig und ohne Wahlmöglichkeit zelebriert. Alle Tapas sind für 2,20 bis 3 Euro zu haben, die nächstgrößeren „Raciones“ für vier bis 5,80 Euro. Gut für die Gäste aus dem Kiez, die durchaus nicht immer die Geldbeutel zu prall gefüllt haben, und für all diejenigen, die wirklich nur eine Kleinigkeit zum Wein wollen.

In hohen Dessertgläsern angerichtet wartet Bettis Erdbeerpudding auf den Verzehr. Ja, Erdbeerpudding. Fluffig-cremig und mit pürierten frischen Beeren. Ein bisschen alte Schule und charmant 60er-Jahre-mäßig in hohen Gläsern dargeboten, aber in seiner Bodenständigkeit ohne Mousse-, Crème- oder Schäumchen-Allüren bestens passend zu den bodenständigen Tapas. Die Energiebällchen aus der regulären Dessert-Abteilung und „Pasteles de Nata“, mit Vanille gefüllte Blätterteigtörtchen, werden gewiss ab Pfingsten ihren großen Auftritt im Nachmittagsgeschäft zum Mitnehm- oder Sitzenbleib-Kaffee haben.

Wir machen nach dem Pudding mit Kinderglück-Gefühlen unseren Platz frei für die nächsten Gäste. An Freitagabenden ist das mit dem Feierabend um 23 Uhr nämlich keineswegs zu ernst zu nehmen: „Ab 23 Uhr kommen die ganzen Tanzgruppen aus den Gewerbehöfen.“ Das „Clánndestino“ ist ein Treffpunkt für die Nachbarschaft und Stammgäste. Die wissen ganz genau, wann sie wo willkommen sind, Oliven und Käse, Wein und Bier, Tapas und Salat bekommen. Kreuzberg sportelt spät, geht spät aus und eben auch erst wieder sehr früh nach Hause.



Ute Schirmack ist Journalistin, Autorin und Erforscherin großstädtischer Lebensräume. Diese Lebensräume sind unter anderem die Restaurants, Cafés und Bars in Berlin, die sie nun auch mit Stift und Papier genüsslich erkundet.

 

INFO:
Clánndestino
Waldemarstraße 29
10999 Berlin-Kreuzberg
Telefon 0176-99520844
www.clanndestino.de
Öffnungszeiten:
Di. bis Sa. 18 bis 23 Uhr,
ab Mitte Mai ab 16 Uhr

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