Tierretter aus Leidenschaft
Tierretter aus Leidenschaft
16. Juni 2017

Die Natur hilft sich selbst, denken viele, wenn es um das Schicksal von verletzten oder verlassenen Wildtieren geht. Igel, Dachs und Co. haben häufig nicht die Lobby, die Haustiere genießen. Der Verein Gnadenhof & Wildtierrettung Notkleintiere kümmert sich um beide – Haus- und Wildtiere.

Ruth Schnitzler, Vorsitzende des Vereins, erinnert sich an die ersten Jahre. „Wir hatten viele Höhen und Tiefen, bevor wir am heutigen Standort ankamen“, beschreibt sie die Entwicklung des Vereins seit 2004. „Immer wieder kamen Menschen mit Fundtieren zu mir und baten mich, mich um sie zu kümmern.“ Es werden immer mehr, der erste Gnadenhof entsteht in Lehnitz. Menschen und Tiere müssen 2014 jedoch das Gelände verlassen. Mehrere Versuche, einen neuen Hof zu finden, scheitern am Widerstand der zuständigen Behörden. Schließlich der Erfolg − im Oktober 2015 kann der Verein einen ehemaligen Bauern- und Reiterhof kaufen. Sandra Giese, selbst Tierheilpraktikerin, und ihr Mann Steven mieten den Hof im Oranienburger Ortsteil Wensickendorf vom Verein und sind zusammen mit den anderen Mitarbeitern die guten Geister der Tiere. Auf 4.000 Quadratmetern, einer Koppel und einer Scheune mit Pferdeställen leben etwa 60 Tiere. Haustiere, die kein Zuhause mehr haben. Weil sie alt, krank und nicht mehr gewollt sind. Oder Wildtiere, die nicht mehr ausgewildert werden können. Dazu kommen Gehege für Kaninchen und Meerschweinchen sowie eine große Vogelvoliere. Zurzeit wartet der Verein auf eine Behördengenehmigung für eine sichere Umzäunung.

24-Stunden-Notrufnummer

Wie Bulldogge Baby. Sie kam schon als Welpe aus einem Tierheim. Ein Hundehändler hatte sie gesundheitlich vernachlässigt und die Papiere des Hundes gefälscht. Epilepsie und Asthma sind die Folgen, mit denen sie jetzt auf dem Gnadenhof lebt. Oder die Schildkröte R2D2, die ihren Namen nach dem gleichnamigen Roboter des Science-Fiction-Films „Krieg der Sterne“ erhielt. Ein Defekt am Panzer ist ihr Handicap, deshalb lebt sie auf dem Gnadenhof in Eintracht mit dem Minischwein Schnitzel, mit dem sie sogar nachts den Stall teilt. „Die Vorbesitzer hatten den Begriff ‚Mini‘ wohl etwas zu wörtlich genommen, denn ein Minischwein kann bis zu 100 Kilo Gewicht haben“, erzählt Steven Giese mit Augenzwinkern. Dachswelpen tummeln sich in einem eigens angelegten Gehege.

Förster, die Polizei oder Privatleute melden kranke, verletzte oder verlassene Wildtiere. Dafür hat der Verein zwei Notrufnummern, die 24 Stunden angewählt werden können. In einer WhatsApp-Gruppe koordinieren die Tierretter die bevorstehende Aktion. Dann machen sich einer oder mehrere der etwa 25 Tier- und Wildtierretter auf. „Das können auch schon mal 150 bis 200 Kilometer Entfernung sein“, sagt Ruth Schnitzler. Das gefundene Tier wird bei Verdacht auf Verletzungen sofort zum Tierarzt gebracht. Unversehrte Tiere nimmt eine der zehn Pflegestellen auf. Zuweilen weiten sich die Rettungsaktionen zu wahren Großeinsätzen aus. „Für die Rettung eines verletzten Storches standen wir acht Stunden in der brütenden Hitze. Mit Kescher und Netzpistole konnten wir ihn schließlich einfangen“, erzählt die Vereinsvorsitzende. Dabei sind die manchmal langen Wege, die die Tierretter nach der Rettungsaktion zurücklegen müssen, für die Tiere nicht ungefährlich, denn „Rehe sind extrem stressanfällig und können während des Transports in Lebensgefahr geraten.“

Besonders bei Wildtieren zählt die Erfahrung, um eventuelle Krankheiten schnell zu erkennen. Heimtückisch ist zum Beispiel die Staupe, eine Krankheit, die auch bei Hundehaltern gefürchtet ist. Nicht umsonst gehört die Impfung seit Jahren zum Standardschutz bei Tierärzten. Die Wildtierretter führen deshalb an Ort und Stelle einen Schnelltest durch. Desinfektionsmittel, das eigene T-Shirt des Vereins und Handschuhe gehören bei jedem Einsatz zur Grundausstattung. „Denn die Chancen des Tieres sind bei dieser Krankheit sehr schlecht. Häufig kann der Tierarzt das Tier nur noch einschläfern.“ Bestätigt sich der Verdacht nicht, päppeln die Pflegestellen das Jungtier auf. Mit Frischfleisch, das für die Tiere aber nicht so einfach zu finden ist: „Wir verstecken die Nahrung immer mal, um den Beutetrieb der Tiere zu entwickeln.“ Die einzelnen Tierarten haben ihre „Saison“, in der sie verstärkt Hilfe benötigen. Schnitzler: „März bis Juli ist die Hauptzeit für Schwäne, Eichhörnchen, Füchse und Waschbären. Im Sommer kommt die Mauerseglerschwemme auf uns zu, und Eulen brauchen unsere Hilfe.“

Tierärzte leisten Unterstützung

„Unsere Pflegestellen sind kleine Kompetenzcenter“, erklärt Ruth Schnitzler, „wir haben uns geballtes Wissen über die Pflege der Wildtiere über die Jahre angeeignet.“ Hilfreich ist dabei, dass jede Pflegestelle sich auf eine bestimmte Tierart spezialisiert hat. Bedürftige Füchse werden zum Beispiel in Nauen betreut. Das Ziel ist es immer, die Tiere wieder auszuwildern. Entweder in die Natur oder, bei gesundheitlichen Einschränkungen, in einen Wildpark, zum Beispiel der Wildpark Johannismühle in Baruth/Mark. Wildtiere können ab der siebten Lebenswoche dorthin ausgewildert werden. „Im vergangenen Jahr haben wir 841 Einsätze gefahren, in diesem Jahr dürften es kaum weniger sein“, sagt Schnitzler. Dazu gehört zum Beispiel auch die Rettung von Waschbären von Dachböden. Die dürfen inzwischen nicht mehr ausgewildert werden, denn sie gehören zusammen mit Grauhörnchen und 35 weiteren Tieren zu den „invasiv-fremden Arten gemäß einer Richtlinie der EU-Kommission. Diese beschränkt die Haltung und Zucht von Arten, die von anderen Kontinenten stammen und sich in Europa stark vermehrt haben. Stattdessen kommen die Waschbären dauerhaft auf eine Pflegestation nach Wandlitz.

Jungfüchse sind ein besonderes Problem, denn sie stecken sich sehr leicht mit Staupe an. „Deshalb wildern wir diese Tiere direkt im Revier von einzelnen Jägern aus, die dann die Aufsicht darüber führen können.“ Die Jungtiere streifen allerdings nicht einfach so im Gelände herum, sondern werden in ein umzäuntes Auswilderungsgehege gesetzt. Nachdem sie Sicherheit gewonnen haben, graben sie sich schließlich unter dem Zaun durch und beginnen ihr Leben in Freiheit. Schwierig zu fangen sind auch verlassene Dachswelpen, da sie sich nur innerhalb des Baus aufhalten.

Damit das gelingt, arbeitet die Nottierhilfe mit Tierärzten in der Region zusammen, die auch bei Notfällen zur Verfügung stehen. Nicht jeder Veterinär jedoch bringt sowohl Bereitschaft als auch Kenntnisse mit, um Wildtiere artspezifisch versorgen zu können. Ein verletzter Fuchs konnte deshalb erst nach fünf Stunden von seinen Leiden erlöst werden. Damit die Anwohner die Scheu vor Füchsen, Dachsen und Co. verlieren, setzt der Verein auch auf Aufklärung. „Zweimal pro Jahr laden wir Interessierte zu Wildtierseminaren ein, wo alle wichtigen Kenntnisse vermittelt werden, um Wildtieren zu helfen und eine Erstversorgung durchzuführen. Zum Beispiel: Wie ziehe ich Zecken korrekt aus der Haut heraus? Wie desinfiziere ich mich, wenn ich einen Fuchs berührt habe, der an Staupe erkrankt sein könnte?“ Der Verein setzt jedoch schon viel früher an, um ein Bewusstsein für Tiere bei jungen Menschen zu schaffen. Schulklassen, Kita-Gruppen und Behinderte sind regelmäßige Gäste auf dem Gnadenhof. Schnitzler: „Wir kommen in Kindergärten und Schulen und bringen Kindern die Wildtiere und deren Bedürfnisse näher. Und Behinderte sehen bei unseren ‚Rolli-Hunden‘, dass auch ein Leben mit Einschränkungen lebenswert sein kann.“

Über deren Bedürfnisse können auch diejenigen Jugendlichen etwas erfahren, die mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind. Der Verein bietet zusammen mit der Jugendgerichtshilfe Oranienburg die Möglichkeit an, Sozialstunden auf dem Gnadenhof und in den Pflegestellen abzuleisten. Zum Beispiel für notorische Schwarzfahrer. „Die meisten Jugendlichen arbeiten bei uns sehr engagiert und gewissenhaft“, beschreibt Schnitzler ihre Erfahrungen.

Unterwegs mit Infrarotkameras und Drohnen

Das alles kostet viel Geld. Der Verein mit etwa 50 Aktiven finanziert sich aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen. Seit Februar 2015 ist er als gemeinnützig und spendenabzugsfähig anerkannt. „Flohmarktverkäufe sind eine weitere wichtige Einnahmequelle von uns“, ergänzt Ruth Schnitzler. Das ist auch dringend nötig, denn die Benzinkosten bei den Einsätzen tragen die Pflegestellen selbst. Dazu kommt die technische Ausstattung: Mit Infrarotkameras, einer zehn Meter langen Drehleiter und sogar Drohnen sind die Tierretter bestens ausgerüstet, um Tierkinder im Dunkeln aufzuspüren, verängstigte Katzen vom Baum zu holen oder verlassene Wildtierkinder wie Rehkitze im Wald aus der Luft aufzuspüren. Mit einer Kreuzkastenfalle können vier Tiere auf einmal gefangen werden, das ist für das einzelne Tier mit weniger Stress verbunden als Einzelfallen, bekräftigt Ruth Schnitzler. Der Köder liegt dabei in der Mitte der Falle. Darüber hinaus sinkt das Verletzungsrisiko deutlich. Der Verein darf notleidende Wildtiere laut Jagdgesetz auch in befriedeten Gebieten – Wohnsiedlungen, Grünanlagen, Friedhöfe und Gärten – einfangen.

Und mittlerweile findet auf dem Gnadenhof schon wieder ein „Gästewechsel“ statt: Die vier Dachswelpen werden in einem Wildpark bei Kiel ausgewildert. Dafür ziehen Hängebauchschwein Lotte sowie ein weiteres Tier – eine Mischung aus Wild- und Hausschwein − in Wensickendorf ein.

Von Frank Müller



Info:

Kontakt:

Gnadenhof & Wildtierrettung Notkleintiere e.V.

Familie Giese
Gärtnerweg 15
16515 Oranienburg-Wensickendorf
Telefon 01623-177177
info@notkleintiere.de
www.notkleintiere.de

Spendenkonto:

Kontoinhaber: Gnadenhof und Wildtierrettung Notkleintiere e.V.
IBAN: DE07830654080004863500
BIC: GENODEF1SLR
Deutsche Skatbank

oder PayPal-Zahlung an:
spenden@notkleintiere.de

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