Tigers letzte Zuflucht
Tigers letzte Zuflucht
16. Juni 2017

Ohne die zahllosen ehrenamtlichen Tierschützer würde es für viele Tiere hierzulande schlecht aussehen. Der Verein Tierart beispielsweise kümmert sich um hilfs­be­dürftige Wildtiere wie Waschbären, Füchse – und Tiger.

Varvara hatte Glück. Zehn Quadratmeter und ein bisschen Sägemehl mussten der Tigerin zwölf Jahre lang zum Leben reichen. Aus ihrem Käfig kam sie nur für die wenigen Momente in der Manege. Durch ganz Europa reiste sie, schließlich gastierte der Zirkus in Bulgarien, als das Land die Wildtierhaltung in Zirkussen verbot. Varvara wurde überflüssig, als Dank für ihre Arbeit wartete der Tod. Die Tigerin sollte eingeschläfert werden.

Doch das Schicksal meinte es gut mit ihr. Die international tätige Tierschutzorganisation Vier Pfoten wurde auf Varvara aufmerksam und setzte sich für sie ein. Bei der Auffangstation Tierart e.V. im pfälzischen Maßweiler fand die heute 14-jährige Wildkatze schließlich ein neues, besseres Zuhause. „Hier ist sie zum ersten Mal auf Gras gelaufen, hat zum ersten Mal Wasser und Kratzbäume gesehen“, erzählt Eva Lindenschmidt, während sie Varvara dabei zusieht, wie sie mit geschmeidigen Bewegungen an der eisernen Umgrenzung ihres großen Geheges entlangläuft. Verwundert habe sich das Tier damals umgeschaut. „Sie ist dann überall rumgelaufen, hat alles beschnüffelt und untersucht.“ Eva Lindenschmidt ist Biologin, kommt aus einem Ort in der Nähe und arbeitet seit 2013 hauptberuflich beim Verein Tierart. Sie habe immer etwas mit Tieren machen und draußen arbeiten wollen, erzählt die sympathische 34-Jährige. Bei Tierart ist sie vor allem für die Pflege der Tiger, Verwaltungsaufgaben und die Führungen zuständig.

„Hier lief sie zum ersten Mal auf Gras“

Im Gehege neben Varvara lebt eine jüngere Tigerin. „Cara, komm“, ruft Eva Lindenschmidt. Die vierjährige Katze sei sehr menschenbezogen und komme meistens gerne. Doch heute ziert sich Cara, lässt die Besucher erst mal um das große Tigerhaus herumlaufen zur anderen Seite des Geheges. Als Eva Lindenschmidt näher an den Zaun geht, kommt die Tigerin dann schließlich doch und macht ein sanftes pustendes Geräusch. „Das bedeutet so viel, wie ‚Hallo, wie geht’s dir? Ich bin dir wohlgesonnen‘“, erklärt die Biologin. Streicheln würde sie Cara aber nicht, auch wenn die Tigerin sich oft in Schmusehaltung an die Eisengitter drückt. „Die sind blitzschnell und haben rasiermesserscharfe Krallen. Man soll nie vergessen, dass das ein Tiger ist.“ Cara kam aus Italien. Bei einer Razzia wurde sie von der Polizei in einem kleinen Betonschuppen ohne Fenster gefunden, da war sie wenige Monate alt. Im Gehege oberhalb von Cara baut sich Sharuk in voller Mannesgröße auf, den Kopf etwas nach oben und das Maul offen. „Er flehmt“, erklärt Eva Lindenschmidt. Heißt, Luft wird durch ein spezielles Riechorgan nahe dem Gaumen gezogen. So kann er Gerüche noch intensiver wahrnehmen, zum Beispiel, wenn paarungsbereite Weibchen in der Nähe sind. Als er die Besucher sieht, kommt der etwa 160 Kilo schwere Tiger langsam Richtung Gitter. Die Kraft des beeindruckenden Tieres ist in jeder Bewegung sichtbar. Sharuk lebt zusammen mit Bela. Ein Ausnahmefall, Tiger sind normalerweise strikte Einzelgänger. Sharuk und Bela sind Geschwister und von klein auf aneinander gewöhnt. Bela ist nicht zu sehen, die Katze hat sich zurückgezogen. Und das darf sie auch. „Wir sind kein Tierpark oder Zoo“, betont Lindenschmidt. Besucher sind hier sehr willkommen, es werden regelmäßig Führungen angeboten. Doch wenn ein Tier sich nicht zeigen will, dann wird das akzeptiert. Sharuk und Bela wurden in Baden-Württemberg geboren, ihre Eltern gehören Privatleuten, die die Tiere in einem 200 Quadratmeter großen Gehege halten. Für einen Tiger ein winziges Zuhause. „In freier Wildbahn durchstreift ein Tiger Hunderte Quadratkilometer“, erklärt Eva Lindenschmidt. Die unerklärlich laschen Gesetze hierzulande machen die private Haltung exotischer Tiere möglich. Bei diesen Tigern griff das Ordnungsamt erst dann ein, als der Besitzer anfing zu züchten. „Die Elterntiere leben immer noch in der Privathaltung auf den 200 Quadratmetern“, bedauert Eva Lindenschmidt und schüttelt verständnislos den Kopf.

In Maßweiler stehen jedem Tiger rund 1.000 Quadratmeter zur Verfügung, und die Betreuer sorgen ständig für Abwechslung mit verschiedenen „Spielzeugen“ wie Heu-Kisten, Kartons mit Schafwolle oder Schafmist sowie riesigen Spielbällen.

Tiger waren es auch, die den Ausschlag für die Entstehung von Tierart gaben. Die jetzige Vorsitzende Roswitha Bour gründete den Verein 1999 zur Rettung von vier Tigern aus dem ehemaligen DDR-Staatszirkus. Das verlassene riesige Militärgelände in Maßweiler bot sich an, eine Auffangstation zu bauen. Finanziert wurde das Ganze komplett durch Spenden. Nicht jeder war damals davon begeistert, erzählt Eva Lindenschmidt. „Einige Leute haben sich Gedanken darüber gemacht, dass mal einer abhaut.“ Mittlerweile gäbe es aber nur positive Rückmeldungen, die Kindergärten und Schulen der Umgebung würden regelmäßig vorbeischauen.

Waschbären haben schlechte Karten

Doch nicht nur die Tiger haben hier ein Zuhause gefunden. In dem kleinen, weißen Funktions-Haus werden drei Fuchswelpen wach und fangen an zu quäken. Sie haben Hunger. Gerade mal zwei bis vier Tage waren die Kleinen alt, als sie gefunden wurden. „In dem Alter sind sie normalerweise noch im Bau“, sagt Lindenschmidt. „Sie gehen erst raus, wenn sie drei, vier Wochen alt sind“. Dann kommt es auch öfter vor, dass sie zu den Mitarbeitern gebracht werden. „Die Leute sind im Wald unterwegs, sehen die Kleinen und denken dann, die sind alleine und verlassen.“ Was meist nicht der Fall ist. „Oft ist es so, dass die Mutter sich nur kurz mal etwas entfernt hat.“ Deshalb rät die Biologin, erst mal abzuwarten, wenn man einen jungen Fuchs sieht, und zu beobachten, was weiter passiert. Direkt eingreifen sollte man erst, „wenn das Tier schreit, abgemagert aussieht oder alleine auf einer Straße herumirrt“. Mittlerweile leben bei Tierart einige Füchse in verschiedenen Gehegen. Die meisten werden wieder ausgewildert, wenn sie kräftig und alt genug sind. Nur die Tiere, die zu menschenbezogen und nicht scheu genug sind, bleiben. Wie Frodo, der wunderschöne Pastellfuchs. Eine ausgefallene Rasse, die speziell für die Pelzindustrie gezüchtet wird. Frodo tauchte irgendwann abgemagert in einem Dorf auf. Das zutrauliche Tier war offenbar ausgesetzt worden. Auch die Babys von Wildkatzen landen regelmäßig in der Obhut des Vereins. „Sie werden nicht selten für Hauskatzen gehalten, gerade bei den Kleinen ist das schwer zu unterscheiden.“ In guter Absicht geben die Finder die Jungen dann meistens im Tierheim ab, was für die Wildtiere enormen Stress bedeutet. Tierart hat mittlerweile viele Wildkatzen aufgenommen, die wieder ausgewildert werden.

Die Tiere, die den stolzen Tigern fast die Show stehlen, leben auf einer kleinen Anhöhe. Es geht erst mal länger treppauf, auf dem Weg dorthin kommt eine Schafherde vorbei. Die Tiere kommen teils aus schlechter Haltung, teils wurden sie vor dem Schlachter gerettet. Sie laufen frei auf dem 14 Hektar großen Gelände und „mähen den Rasen“, wie Eva Lindenschmidt lachend erzählt.

Oben angekommen ist der Empfang mehr als putzig. In großzügigen Gehegen versorgt der Verein hier momentan 27 Waschbären. Die meisten der niedlichen Tiere kommen sofort neugierig angelaufen, klettern unglaublich geschickt an den Eisengittern hoch und beäugen interessiert die Besucher. Eva Lindenschmidt hat Futter dabei. Jetzt ist die Aufregung groß. Die Waschbären strecken ihre Vorderpfoten durchs Gitter und greifen wie mit kleinen Händen nach den Leckerchen. Dabei lassen sie sich auch bereitwillig streicheln. Die allermeisten sind Menschen gewöhnt, viele kamen als Babys, manche wurden als Flaschenkinder aufzogen. „Einen davon hatte ich zu Hause“, erzählt Biologin Lindenschmidt und lacht. So ein Baby-Waschbär braucht viel Zuwendung. „Wir hatten eine Mitgliederversammlung, und der Waschbär klammerte sich die ganze Zeit an mein Bein. Ich war Mamaersatz.“

Waschbären sind sehr sozial, leben gerne in kleinen Gruppen und sind Allesfresser, erklärt die Biologin. Ihren Namen verdanken sie einer bestimmten Art, mit Futter umzugehen. „Sie sitzen am Ufer eines Sees oder Flusses und machen dabei so eine Bewegung mit den Vorderpfoten, das sieht aus, als würden sie ihr Futter waschen“. Tatsächlich suchen sie im Wasser nach Essbarem, was sie durch einen sehr gut ausgeprägten Tastsinn prima hinbekommen. „Leider dürfen Waschbären in Deutschland nicht mehr ausgewildert werden“, bedauert Lindenschmidt. Die in den 20er-Jahren durch die Pelzindustrie nach Europa gebrachten Tiere stehen seit Kurzem auf der EU-Liste der invasiven Arten. Heißt, sie gelten als eine „eingeschleppte Art“, die der hiesigen heimischen Flora und Fauna mehr schadet als nützt.

Diese Regelung beschert den Waschbären eher schlechte Zukunftsaussichten. Tiere, die in Auffangstationen landen, müssen für den Rest ihres Lebens in Gefangenschaft bleiben. Die Vermittlung in andere Tierparks gestaltet sich auch schwierig. „Viele Tierparks wollen das nicht mehr, weil sie mit ihnen nicht mehr züchten dürfen. Jungtiere sind halt toll zum Anschauen für Besucher.“ Auch wird für die Waschbären in freier Wildbahn das Leben nicht einfacher, sie dürfen ohne Einschränkung gejagt werden. Der Verein rechnet bei den Waschbären mit noch mehr Fundtieren, deshalb steht unter anderem auch der Bau eines weiteren Geheges auf dem Plan. Das kostet Geld, genauso wie das tägliche Futter und die Tierarztkosten für die zurzeit rund 70 tierischen Bewohner, Reparatur- und Wartungsarbeiten und so weiter. Unterstützt wird der Verein dabei seit 2015 von „Vier Pfoten“ als Kooperationspartner und durch Spenden. Geld von der Kommune oder vom Land gibt es nicht. „Keiner gibt Geld aus, um ein Reh oder einen Fuchs aufzuziehen“, bedauert Eva Lindenschmidt. „Aber dann stehen die Leute da, haben das Reh auf dem Arm, das verletzt ist und es gibt keinen Stationen, wo die Tiere hinkönnen. Aber einem verletzten Tier sollte geholfen werden.“

Von Heike Sutor




Info:

Tierart e.V.

Konversionsfläche (früheres US-Depot)
66506 Maßweiler
Telefon 0176-84305545
wildtierauffangstation@tierart.de
www.tierart.de

Führungen:

Jeden Samstag und Sonntag sowie an Feiertagen, beginnend ab Karfreitag bis 30. November eines Jahres, bietet der Verein eine Führung über die Station an. Sie beginnt um 11 Uhr – Treffpunkt ist am Eingangstor. Hier befinden sich auch die Parkmöglichkeiten. Anmeldungen sind nicht erforderlich.

Der Aufenthalt inklusive Führung kostet 1,50 Euro für Kinder und 4,50 Euro für Erwachsene. Die Führung dauert etwa 1,5 Stunden, ist sehr lehrreich und sehr zu empfehlen! Außerhalb der genannten Zeiten sind Gruppenführungen oder Führungen für Kindergärten  und Schulkinder nach Vereinbarung möglich. Diese sind vorher abzustimmen unter:

wildtierauffangstation@tierart.de

Aufgrund freilaufender Tiere auf dem Gelände ist das Mitbringen von Hunden nicht gestattet.



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