„Die Kassen drücken sich lieber“
„Die Kassen drücken sich lieber“
21. April 2017

Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohl­fahrtsverbands, findet den „Lebenswelt-Ansatz“ des Präventionsgesetzes gut. Allerdings funktioniert dieses Konzept nicht so, wie es gedacht war: Nach wie vor bestimmt das Einkommen den Gesundheitszustand.

Herr Rosenbrock, wie beurteilen Sie den Stand der Umsetzung dieses Präventionsgesetzes?
Arme oder von Armut bedrohte Menschen finden sich gehäuft in bestimmten Stadtteilen, Schulen und auch Kitas. Soll der Sinn des Präventionsgesetzes erfüllt werden, sollten die Lebenswelten zur Intervention nach diesem Kriterium ausgesucht werden. Davon ist bei der bisherigen Umsetzung wenig zu spüren. In den meisten bisher geschlossenen Vereinbarungen zur Umsetzung bleibt es letztlich der einzelnen Krankenkasse vorbehalten, wie sie damit umgeht.

Was müsste also getan werden?
Das Gesetz sieht vor, dass die Betroffenen selbst, in einer Kita, in einer Freizeitstätte oder in einer Altenhilfeeinrichtung, sich zusammensetzen und darüber entscheiden, was passieren könnte, damit sie sich in ihrer Umgebung wohler fühlen, damit mehr für ihre Gesundheit getan wird. Dazu gehört, dass sie auch entscheiden, wer was machen muss, welche Mittel gebraucht und wie sie verteilt werden, damit sie ihre Ziele erreichen. Das ist eine ziemlich aufwendige Sache. Die Kassen drücken sich lieber darum. Für sie ist es viel einfacher, Methodenkoffer für Kitas oder Schulen mit schönen Grafiken und Flipcharts zu entwickeln und einen Moderator loszuschicken, der das alles präsentiert.

Werben um finanziell Bessergestellte

Woran liegt das?
Den Kassen ist ihre Marketingstrategie wichtiger. Zwar sind sie nach dem Gesetz verpflichtet, kassenübergreifend zu handeln, aber dann verlieren sie die Möglichkeit, für sich selbst Marketing zu machen. Im Zweifel sucht eine Kasse dann doch lieber die Mittelschicht-Kita aus, wo die interessanteren Versicherten wohnen und die finanziell besser gestellten Neumitglieder.

Also blanker Wettbewerb…
Seit die Kassen in den ökonomischen Wettbewerb getreten sind, sind sie nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten geleitete Unternehmen. Die Selbstverwaltung aus Arbeitgebern und Arbeitnehmern zieht da mit. Es kann zwar sein, dass in den entsprechenden Fachabteilungen wirklich gute Spezialisten für Prävention und Gesundheitsvorsorge arbeiten, die auch gerne mehr machen würden. Aber wenn die Anweisungen von oben kriegen, geht das eben nicht.

Je ärmer, desto kränker – hat sich da seit 100 Jahren nichts geändert?
Seit die Einkommensunterschiede wieder größer geworden sind, ist das Problem sichtbarer geworden, dass es den schlechter gestellten Bevölkerungsschichten auch gesundheitlich schlechter geht. Eigentlich steht eine gute gesundheitliche Versorgung der gesamten Bevölkerung in Widerspruch zu den ökonomischen Großinteressen. In den 70er-Jahren haben Studien im Großraum London gezeigt, dass es beim Gesundheitszustand nicht nur die Spreizung zwischen ganz arm und ganz reich gibt, sondern dass bei jedem Einkommensgrad abwärts die Gesundheit der Untersuchten schlechter wird. Gesundheitsvorsorge würde also letztlich bedeuten, die Einkommensunterschiede zu verringern. Rudolf Virchow hat es so ausgedrückt: „Gesundheit ist Bildung mit ihren Töchtern Wohlstand und Freiheit.“

Interview: Volker Thomas





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