„Die Kluft ist größer geworden“
„Die Kluft ist größer geworden“
21. April 2017

Gesundheits- und Sozialpolitiker Armin Lang (SPD) ist Vorsitzender des VdK-Landes­verbands Saar und Berater im Gesundheits­wesen. Er spricht über soziale Verwerfungen in der Medizin – und wie man sie bekämpfen könnte.

Herr Lang, das Thema Zweiklassenmedizin ist ein Dauerbrenner. Seit alters her gilt: Wer arm ist, wird früher krank, muss früher sterben. Sie sind schon ein paar Jahrzehnte in der Gesundheitspolik – hat sich bis heute etwas verbessert?
Wir haben heute mehr Gesundheit in den unteren sozialen Schichten. Aber in den oberen Schichten haben wir noch mehr Gesundheit. Das heißt, die Kluft ist größer geworden. Das ist zwar allgemein bekannt, aber es fehlt eine konzeptionell durchdachte Reaktion darauf in der Gesellschaft.

Es gibt massive Verbesserungen beim betrieblichen Arbeitsschutz. Dadurch haben wir weniger arbeitsbedingte Erkrankungen, etwa durch Asbest, auch viel weniger Arbeitsunfälle. Dennoch haben wir mehr Frühverrentungen durch beruflich verursachte Krankheiten. Es sind andere Krankheiten, mehr psychische Erkrankungen. Dies hat viel mit Überforderung zu tun. In den unteren sozialen Schichten ist die Quote der psychisch Kranken deutlich höher. Die Menschen, die unter ständigem Alltagsdruck stehen, flüchten eher in Alkohol, Zigaretten, übermäßiges Essen. Sie haben auch weniger Möglichkeiten, dem Stress zu entgehen, zu regenerieren, auch fehlen die Ressourcen, um Krankheiten nachhaltig zu heilen oder ihnen sogar vorzubeugen.
Ich sehe auch eine ganz neue Kluft: zwischen den Beschäftigten in Großunternehmen und in kleinen Betrieben. Bei den Großen gibt es hochprofessionelle Gesundheitsabteilungen, die sich um das gesundheitliche Wohl ihrer Beschäftigten kümmern.

Betriebliches Gesundheits­management, kurz BGM …
… ja, und betriebliches Eingliederungsmanagement, um Mitarbeiter mit Handicap zu integrieren und damit zu stabilisieren. Diese Unternehmen wissen: Nur gesunde Arbeitnehmer sind produktive Arbeitnehmer. Die Großunternehmen legen viel Wert auf gesunde Arbeit und Gesundheitsförderung im Betrieb. Die kleinen und mittleren Unternehmen schaffen dies alleine nicht. Wer dort arbeitet, hat deshalb ein wesentlich höheres Krankheitsrisiko.

Die neuen digitalen Möglichkeiten wie Telemedizin, Gesundheits-Apps und Internet-Recherche –  können sie die Spaltung ausgleichen oder eher verstärken?
Menschen mit höherer Bildung haben auch hier einen Vorteil. Es gibt eine neue Studie zur Gesundheitskompetenz in Europa. Danach schneidet Deutschland im Vergleich mit Österreich und der Schweiz schlecht ab. Was sind die Ursachen dieser Kompetenzlücken, und wie können sie geschlossen werden? Dies wird ein Top-Thema auf unserem Gesundheitskongress nächstes Jahr in Saarbrücken.

Gesundheitsminister Hermann Gröhe verabschiedet ein Gesetz nach dem anderen. Sehen Sie eine Tendenz, die Ungleichkeit auszugleichen? Zum Beispiel durch das neue Präventionsgesetz?
Die Ansätze sind gut, aber die Umsetzung wird keine wesentlichen Effekte bringen.

Warum?
Weil es keine eindeutige Zuständigkeit gibt und keine solidarische Finanzierung. Was die Krankenkassen bisher im Bereich Gesundheitsförderung machen, ist überwiegend Marketing und weniger gezielte Gesundheitsvorsorge in den sozialen Schichten, wo sie besonders gebraucht wird. Die größte Schwäche des Gesetzes ist, dass die Kassen, die im Wettbewerb zueinanderstehen, eine koordinierende Funktion wahrnehmen sollen. Sie einigen sich natürlich nicht auf nachhaltig wirkende Gesundheitsförderstrategien. Zumal auch sie alles alleine bezahlen müssen. Es sind die Verhältnisse, die krankmachen, im Wohnumfeld, im Betrieb, in der Schule. Für die notwendige Abhilfe kann die Krankenkasse doch nicht alleine zuständig sein. Für die krankmachenden Faktoren und die Beseitigung derselben gibt es weiterhin keine gesetzlich definierte Verantwortlichkeit.

Was könnte man tun?
Eine wichtige Präventionsaufgabe ist zum Beispiel, das Entstehen von Pflegebedürftigkeit und chronischen Krankheiten zu verhindern. Eine Möglichkeit bietet der „präventive Hausbesuch“, den es in den nordischen Staaten seit Jahrzehnten gibt. Eine zugehende Hilfe, die Menschen ab einem bestimmten Alter in Gesundheitsfragen berät und begleitet, um zum Beispiel Sturzgefahren in der eigenen Wohnung zu verringern oder um die Verschlimmerung chronischer Erkrankungen zu vermeiden. Um auf Ihre Frage von vorhin zurückzukommen, ist es auf jeden Fall ein weiterer Aspekt der Ungleichheit, dass gebildete Menschen neue Möglichkeiten, wie Gesundheits-Apps und Informationen im Internet, um den eigenen Gesundheitszustand und Krankheitsentwicklungen zu überwachen, nutzen können. Das kann aber nicht jeder. Manche brauchen eine persönliche Beratung und Begleitung, sogenanntes Case Management. Es sind hochqualifizierte Experten, die beraten und begleiten, um die Versorgung zu verbessern und Verschlimmerungen zu vermeiden. Die Krankenhäuser sind zum Versorgungsmanagement verpflichtet, der Kranke hat ein Recht darauf. Nur wenige Kliniken kümmern sich wirklich professionell und nachhaltig darum. Wenn wir das untere Drittel der Gesellschaft besser und nachhaltiger gesundheitlich versorgen wollen, brauchen wir mehr professionelle Begleitung und Anleitung. Dies rechnet sich unterm Strich.

„Wir brauchen ein Gesundheits-Pisa“

Wie findet man heraus, was sich rechnet und was nicht?
Die Auftaktveranstaltung des diesjährigen Gesundheitskongresses in Saarbrücken steht unter dem Motto „Von Bildung lernen – mit Gesundheits-Pisa mehr Gesundheit für alle“. Wir brauchen mehr Transparenz: Was macht krank? Und was kann helfen? Wenn wir den gesundheitlichen Status und die Krankheitsrisiken so untersuchen wie „Pisa“ in den Schulen und Regionen den Bildungsstatus unter der Lupe hat, provozieren wir eine interessante Diskussion über notwendige Maßnahmen. Es gibt eine Parallele zu dieser Debatte, die Einführung der Umweltverträglichkeitsprüfungen. Als diese damals gesetzlich vorgegeben wurden, ging ein Aufschrei durchs Land, dies sei der Niedergang des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Heute wird’s vielfach gemacht, und der Wirtschaftsstandort Deutschland boomt. Weil Investitionen in die Umwelt produktivitäts- und wachstumsfördernd sind. Die Konsequenz fürs Gesundheitssystem: Wir brauchen endlich gesetzlich vorgeschriebene Gesundheitsverträglichkeitsprüfungen! Wir müssen prüfen, was krank macht und was nachhaltig Gesundheit fördert. Professor Ilona Kickbusch, eine deutsche Gesundheitsexpertin mit Weltruf, die die WHO berät, fordert seit Jahren: Nach der Industriegesellschaft, der Wissensgesellschaft, der Informationsgesellschaft muss jetzt die Gesundheitsgesellschaft folgen. Ihre Botschaft: Länder und Regionen, die bewusst in mehr Gesundheit investieren und so die Gesundheitsgesellschaft befördern, werden die Gewinner bei Lebensqualität, Produktivität und sozialer Stabilität sein. Der G8-Gipfel in München hat sich zum ersten Mal mit Gesundheit als Flucht-ursache beschäftigt. Die Menschen fliehen auch deswegen aus Afrika und Asien, weil sie keine Chance sehen, dass ihre Kinder gesund werden beziehungsweise gesund aufwachsen können. Im Umkehrschluss sichert eine nachhaltige Gesundheitsversorgung nicht nur wirtschaftliches Wachstum, sondern auch gesellschaftliche Stabilität –
national und international.

Sind die Versicherer in der Lage, privat oder gesetzlich, eine Gesundheitsgesellschaft herbeizuführen?
Jein. Wenn wir das gesamte Finanzvolumen von mehr als 400 Milliarden Euro, welches von der Kranken-, Unfall-, Rentenversicherung beziehungsweise den privaten Haushalten jährlich für Gesundheit aufgebracht wird, ergebnisorientierter einsetzen würden, wäre sehr viel mehr Gesundheit möglich. Doch dazu müssten wir vieles verändern. Zum Beispiel, diesen unsäglichen Wettbewerb zwischen den gesetzlichen und den privaten Versicherungen. Dass die einen jeden versichern müssen und die andern sich die Rosinen herauspicken, führt zu erheblichen Verwerfungen. Bei den Gesetzlichen muss man steuern und begrenzen, die Privaten können aus dem Vollen schöpfen – noch! Allerdings gehen die Ausgaben gerade dort eklatant hoch. Leistungen, die bei Kassenpatienten gedeckelt sind, holen sich die Ärzte bei den Privatpatienten. Dadurch ist der Privat-Versicherungsbereich in naher Zukunft das eigentliche Risiko unserer Gesundheitsversorgung! Das heißt: Privatversicherte im höheren Lebensalter, in dem das Krankheitsrisiko steigt, können häufig ihre Versicherungsprämien nicht mehr bezahlen.

Dann wird das Phänomen der Zweiklassenmedizin noch weiter verstärkt?
Ja. Warum muss ein gesetzlich Versicherter viel länger auf den Facharzttermin warten? Weil der Privatversicherte dem Doktor eben mehr bringt. Er hat auch unmittelbaren Zugang zu Spezialisten in der Klinik. Mir liegt fern, die Ärzte zu diskreditieren. Sie folgen in ihrem Verhalten den Regeln eines verführerischen Systems. Das System setzt die falschen Anreize.

„Das System setzt die falschen Anreize“

Wie könnte eine Lösung aussehen? Abschaffung von privaten Kassen?
Nein. Wir brauchen zunächst und schnellstens ein einheitliches Vergütungssystem für medizinische Leistungen. Die unterschiedlichen Vergütungstarife sind der Kern für die Verwerfungen, für Begünstigungen und Benachteiligungen. Ganz wichtig: Ich will das, was die Versicherer derzeit für die Vergütung von Ärzten aufwenden, im einheitlichen Vergütungssystem nicht reduzieren. Das Honorarvolumen muss bleiben, es wird sich aber anders verteilen. Der Arzt, der in einem sozial schwachen Stadtviertel oder in einer ländlichen Region arbeitet und mehr gesetzlich versicherte Patienten behandelt, wird dann etwas mehr verdienen. Wer im besseren Viertel mehr Privatpatienten behandelt und alle Behandlungsmöglichkeiten ausschöpft, wird etwas weniger verdienen als heute. Die neue Honorarverteilung würde dann eher dem tatsächlichen medizinischen Bedarf entsprechen und die Versorgung verbessern.

Wie sind Sie eigentlich versichert? Gesetzlich oder privat?
Ich bin schon immer gesetzlich versichert. Eine private Versicherung würde mich jetzt auch nicht mehr aufnehmen – zu alt, zu hohe gesundheitliche Risiken. Das zeigt den Unterschied.

Ist die Aufteilung in private und gesetzliche Versicherungen noch zeitgemäß?
Das private Versicherungssystem als Vollversicherung ist auslaufend. Der Zuwachs stagniert. Die Zahl der Beamten ist rückläufig, die ja in die Private müssen. Dies ist eigentlich eine Benachteiligung. Wenn sie chronisch krank sind, werden sie von privaten Versicherungen häufig gar nicht aufgenommen und müssen dann in die gesetzliche Versicherung, aber ohne Arbeitgeberzuschuss zum Krankenversicherungsbeitrag. Bei Selbstständigen haben wir andere Probleme. Wenn sie älter werden, gibt es Fälle, bei denen Selbstständige 1.400 Euro Rente haben und 800 Euro in die Krankenversicherung zahlen müssen. Je mehr dies bekannt wird, desto mehr bremst es das private System aus. Ich finde: Die privaten Versicherungen sollten sich auf Zusatzversicherungen konzentrieren. Der Rest, die normale Standardversorgung, sollte es aus einer gemeinsamen Versicherung, aber durchaus von unterschiedlichen Anbietern geben.

Ihre Partei, die SPD, hat sich das Thema soziale Gerechtigkeit nochmal besonders dick auf die Fahnen geschrieben. Wäre mehr Gesundheit für alle der Schlüssel dazu?
Die Folgen der wachsenden Ungleichheit als Risiken für wirtschaftliche Prosperität und demokratische Stabilität sind in Politik und Wirtschaft angekommen. Es gibt bereits große Kongresse der Wirtschaft, die das Thema Ungleichheit und ihre Risiken diskutieren.

Wird das Ganze nicht zu teuer?
Die Krise der gesetzlichen Krankenkassen war ja nie ihr Ausgabenproblem. Das war immer ihr Einnahmenproblem. Wir haben heute zwar mehr Beschäftigte, aber nicht mehr Arbeitsvolumen. Die Arbeit ist nur anders verteilt. Es gibt mehr Teilzeit, Mini-Jobs, prekäre Beschäftigung, mehr schlecht bezahlte Selbstständigkeit und auch mehr unterbezahlte Scheinselbstständigkeit. All diese Menschen zahlen keine bedarfsadäquaten Sozialversicherungsbeiträge. Wir haben heute auch mehr Menschen, die von ihren Kapitaleinkünften leben. Von den Kapitalerträgen gibt’s jedoch keine Krankenversicherungsbeiträge. Alle diese Menschen nehmen gesundheitliche Leistungen in Anspruch ohne adäquate Gegenfinanzierung.

Wie dem Einhalt gebieten?
Wir müssen von allen Menschen und von all ihren Einkünften Sozialversicherungsbeiträge erheben. Diese sollen dann auch für alle Menschen Leistungen bezahlen. Von allen, von allem, für alle – das ist die Botschaft. Dann haben wir nicht nur mehr Geld für die gesundheitliche Versorgung, sondern auch eine gerechtere Finanzierung. Dann sinken die Beiträge der Handwerker, dafür steigen möglicherweise die Beiträge derer, die in der oberen Etage der deutschen Bank arbeiten. Was macht’s? Was passiert dann? Mehr Gerechtigkeit ist keine Bedrohung. Jeder sollte nach seiner Leistungsfähigkeit zu den Kosten der Sozialsysteme beitragen. Natürlich will das die SPD. Dies können wir dann auch „Bürgerversicherung“ nennen. Auch aus der Union gibt es Signale, die soziale Absicherung im Krankheitsfall auf eine breitere Basis zu stellen. Jeder, der ein bisschen Verstand hat, nimmt die genannten Verwerfungen wahr.

„Beiträge: Von allen, von allem, für alle“

Sie sehen da einen breiten Konsens?
Ja, in allen Parteien. Die SPD kämpft seit Jahrzehnten für eine solidarische Bürgerversicherung, die Grünen haben ihr Konzept schon vor Jahren verabschiedet, mit kleinen Abweichungen. Auch die Linken berufen sich darauf, und die CDU fängt an, sich zu bewegen. Das Grundprinzip: Von allen, von allem, für alle – das ist zunehmend unstrittig. Wie auch immer man diese Versicherung dann auch nennt.

Fassen wir zusammen: Sie fordern, dass Gesundheitsleistungen einheitlich vergütet werden und dass alle Menschen solidarisch Beiträge zahlen.
Und ich fordere eine verlässliche und verstehbare Qualitätskontrolle sowie einen sparsamen und verantwortlichen Umgang mit den Beiträgen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Ich bin sehr für ein solidarisches Versicherungssystem. Dies beinhaltet aber die große Pflicht für alle, mit dem Geld der Beitrags- und Steuerzahler äußerst sorgfältig umzugehen. Deshalb brauchen wir ein „Pisa“-Kontrollsystem auch für Gesundheit. Ich will wissen, wofür das Geld ausgegeben wird, was hilfreich ist, was gesund macht, aber auch, was Schund ist und wo Geld verbrannt wird.

Viele Menschen ziehen komplementärmedizinische Therapien vor, wie Homöopathie oder Traditionelle Chinesische Medizin (TCM). Könnten diese Alternativen dann nicht unter die Räder geraten?
Das bezweifle ich. Nehmen wir die TCM, tausend Jahre älter als unsere westlichen medizinisch-therapeutischen Verfahren. Wieso soll die chinesische Medizin schlecht und falsch sein? Wir müssen naturnahen Formen der Medizin endlich die gleiche wissenschaftliche Aufmerksamkeit widmen wie der etablierten Medizin. Auch in der Schulmedizin, welche die Krankenkassen bezahlen, gibt es viele Behandlungsverfahren, die keine wissenschaftlich begründete Evidenz haben. Wir brauchen mehr Versorgungsforschung, um vielleicht festzustellen: Homöopathie wirkt auch, nur eben individuell sehr verschieden. Grundsätzlich bin ich gegen Geldverschwendung. Mehr Geld in die Medizin? Gerne, aber nur zur Versorgung, Verbesserung und ordentlichen Vergütung einer hochqualifizierten und verantwortlichen Medizin.

Interview: Peter Böhnel



Zur Person

Armin Lang (SPD) war von 1985 bis 2009 Mitglied des Saarländischen Landtags. Heute ist er Vorsitzender des VdK-Landesverbands Saar und freier Berater. Lang veranstaltet regelmäßig den Gesundheitskongress „Salut!“ in Saarbrücken, dieses Jahr am 17. und 18. Mai, mit Publikumsmesse am 20. und 21. Mai: www.salut-gesundheit.de.





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