Armut macht krank
Armut macht krank
21. April 2017

Die Lebenserwartung steigt. Und 65 Prozent der Bundes­bürger fühlen sich laut Statistischem Bundesamt fit. Alles gesund in Deutschland? Nicht ganz, denn gleichzeitig tut sich eine Schere auf: Bei den 15,7 Prozent, die an oder unter der Armutsgrenze leben, sieht es anders aus.

Viele Krankheiten und Gesundheitsbeschwerden treten in sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen verstärkt auf. Darauf weist das Robert-Koch-Institut (RKI) in einer aktuellen Studie hin: „Geringqualifizierte, prekär Beschäftige, Arbeitslose und zum Teil auch Alleinerziehende“ sind gesundheitlich schlechter dran als diejenigen, denen es finanziell besser geht. Bestätigt sich damit eine Tendenz, die den Gesundheitsexperten eigentlich schon seit vielen Jahrzehnten bekannt ist? Wer arm ist, stirbt früher, das wusste schon Rudolf Virchow, der sich in den 1880er- Jahren als Reichstagsabgeordneter für eine medizinische Grundversorgung für alle einsetzte. Virchow trat schon damals für mehr Krankenhäuser ein, forderte die flächendeckende Einführung von Krankenpflegeschulen und – das ging in Richtung Prävention – mehr Parks und Kinderspielplätze.

Doch immer noch gibt es in der Medizin offenbar zwei Klassen. Männer und Frauen unterhalb der Armutsrisikogrenze, stellt das RKI fest, haben im Vergleich zu den hohen Einkommensbeziehern eine um elf beziehungsweise acht Jahre geringere Lebenserwartung schon bei der Geburt. Das Risiko für chronische Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Diabetes ist um das Zwei- bis Dreifache erhöht. Depressionen und Angststörungen kommen doppelt so häufig vor. Kinder und Jugendliche aus Familien mit niedrigem sozialem Status sind zwei- bis dreimal häufiger übergewichtig und verhaltensauffällig. Sie treiben weniger Sport und ernähren sich ungesünder. Kinder aus ärmeren Familien werden häufiger nicht gestillt. Und dass sie während der Schwangerschaft geraucht haben, trifft auf 28 Prozent der Mütter mit niedrigem im Vergleich zu zwei Prozent der Mütter mit hohem Sozialstatus zu.

Der Berliner Hebammenverband hat überdies darauf hingewiesen, dass sich durch Armut und Versorgungsängste verursachter Stress in der Schwangerschaft negativ auf die Entwicklung des Fötus auswirkt. Solche Kinder seien stressempfindlicher und litten häufiger unter ADHS, Depressionen und Bluthochdruck. „In einer Zeit“, sagt die Vorsitzende des Verbands, Susanna Rinne-Wolf, „die von Vorfreude, Zukunftsplänen und Verlieben in das neue Familienmitglied geprägt sein sollte, erleben von Armut betroffene Eltern handfeste Existenzängste, große Hürden in der Inanspruchnahme von Hilfen und nicht selten soziale Isolation.“ Die „gefühlte Armut“ lasse viele Familien vor Angeboten, die zur frühen Förderung von Kindern empfohlen werden, zurückscheuen. So kämen sich sozial schlechter gestellte Frauen in Kursen unter lauter schicken Mittelklassefrauen in teurer Sportkleidung oft verloren und ausgegrenzt vor.

Gesundheitsvorsorge muss jeden erreichen

Tatsächlich nehmen Ärmere vorhandene Angebote der Prävention und Gesundheitsförderung wie zum Beispiel Krebsfrüherkennung und Schwangerenvorsorge seltener an, meldet das Robert-Koch-Institut. Die Fachleute vermuten Ursachen für die gesundheitlichen Unterschiede auch in der mangelnden sozialen Absicherung, den schlechteren Wohnverhältnissen und den hohen körperlichen und psychosozialen Belastungen der „niedrigen Statusgruppen“. Mangelnde Bewegung und falsche Ernährung tun ein Übriges. Zusammenfassend stellt das RKI fest, dass sich die sozialen Unterschiede in der Gesundheit und Lebenserwartung nicht verringert, sondern in einigen Bereichen sogar ausgeweitet haben.

Eigentlich müssten die Angebote der Krankenkassen zur Prävention und Gesundheitsvorsorge jeden erreichen. Denn Krankenversicherung ist Pflicht in Deutschland. In den gesetzlichen Kassen sind fast 90 Prozent der Bevölkerung versichert, 10,7 Prozent sind Privatpatienten, 80.000 Personen haben laut Statistischem Bundesamt gar keine Versicherung.

Da die Angebote aber offensichtlich nicht greifen, gibt es seit 2015 ein eigens geschaffenes Präventionsgesetz. Es hat nach den Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum Ziel, „einen Beitrag zur Verminderung sozial bedingter Ungleichheit von Gesundheitschancen“ zu leisten. Das Gesetz geht nicht von der einzelnen Person als losgelöstem Individuum aus, sondern von der jeweiligen Lebenswelt: Dort, wo die Menschen zusammenkommen, wo sie leben und arbeiten, ihre Kinder zur Schule gehen und wo die Alten ihre Zeit verbringen, soll sich ihre gesundheitliche Situation verbessern. Dort sollen sie sich ärztlichen Rat holen sowie Vorsorgemöglichkeiten und andere Gesundheitsangebote nutzen können. Über die Hälfte der vorgesehenen Präventionsmittel soll in diesen Ansatz fließen.

Volker Thomas







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