Chefarzttermin am Ostermontag
Chefarzttermin am Ostermontag
21. April 2017

Es ist tatsächlich so, dass Privatpatienten keine Probleme haben, an einen Arzttermin zu kommen. Aber wer nicht will, dass sich die Kostenspirale in schwindelnde Höhen dreht, nutzt das besser nicht aus. Sondern greift lieber zu Heilmitteln aus Hildegard von Bingens Kräuterapotheke.

Vorab will ich gleich das große Geheimnis lüften – Wartezeiten kenne ich von der Supermarktkasse und am Fahrkartenschalter der Bahn, aber nicht beim Arzt. Bei der Terminvereinbarung bin ich in dringenden Fällen schon binnen weniger Stunden nach Anruf behandelt worden. Wenn es nicht so wichtig war, konnte ich mir einen Termin in den kommenden Tagen aussuchen. In der Arztpraxis selber betrug meine Wartezeit nie länger als zehn Minuten. Wenn die nicht ohnehin damit ausgefüllt waren, bei der Sprechstundenhilfe meine Daten zu aktualisieren, habe ich sie im Séparée für Privatversicherte verbracht. Das ist das kleine Wartezimmer hinter der verschlossenen Tür, direkt neben dem Sprechzimmer. Wobei ich die bereitliegenden Zeitungen nicht mal zum Angucken aussuchen konnte, geschweige denn, dass ich den gereichten Tee in Ruhe hätte trinken können. Das klingt doch schon mal gut.

Noch besser wird es im Krankenhaus, da geht es in der Notaufnahme gleich mal direkt an allen vorbei. Denn ich bin von vornherein ein ganz dringender Fall. Und beim stationären Aufenthalt erwartet mich logischerweise ausschließlich der Chefarzt in meinem Einbettzimmer, und der kommt dann auch am Samstag oder Sonntag. Oder sogar am Ostermontag.

Und noch einen Vorteil habe ich als Privatpatient: Ich habe, ohne es anfangs zu merken, ein kleines Studium der medizinischen Heilkunde absolviert. Ich bin nämlich ein NK1-Patient, das ist ein Privatpatient mit beschränkter Haftung, sprich: mit Eigenbeteiligung. Egal, was ich bei der medizinischen Versorgung anstelle – die ersten 2.000 Euro im Jahr muss ich aus der eigenen Tasche zahlen, erst danach springt meine Krankenversicherung ein. Und damit hört sich mein monatlicher Beitrag von unglaublich niedrigen 220 Euro plötzlich ganz anders an: Denn würde ich die Leistungen in Anspruch nehmen, wäre ich schlagartig umgerechnet bei 450 Euro Monatsbeitrag. Das geht dann genau ein Jahr gut, danach wird es noch teurer. Wie ich den geringen Beitrag dennoch halte? Ich habe diese private Krankenversicherung in fast 30 Jahren noch nie in Anspruch genommen. Noch nicht ein einziges Mal.

Arztbesuch kostet immer erst mal Geld

Ein Umstand, für den ich dem lieben Gott sehr dankbar bin. Aber unterm Strich kann es nicht Sinn und Zweck einer Krankenversicherung sein, dass sich der monatliche Beitrag in dem Augenblick quasi verdoppelt, in dem man Leistungen tatsächlich in Anspruch nimmt. Dazu kommt: Hätte ich meine private Versicherung regelmäßig in Anspruch genommen, wäre ich heute, mit 52 Jahren, bei vermutlich 800 Euro im Monat. Und ich gehöre wahrlich nicht zu den Besserverdienern.

Auch weiterhin will ich nicht die drohenden 800 Euro zahlen – deswegen das schon genannte „kleine Medizin-Studium“: Wenn man weiß, dass jeder Arztbesuch zu allererst einmal Geld kostet, dann überlegt man sich ganz genau, ob die Erkältung tatsächlich mehr ist als nur eine Erkältung. Und irgendwann entdeckt man dann vielleicht auch Alternativen zum Arztbesuch wie die Kräuter-Geheimnisse der Hildegard von Bingen, die oftmals genauso gut helfen wie irgendein Zucker-Hustensaft. Mal davon abgesehen, bereitet man sich auf einen eventuell doch anstehenden Arztbesuch sehr viel besser vor.

Denn schon allein aus finanziellem Interesse will man selbst vorher ganz konkret wissen, wie sich das Unwohlsein ausdrückt und was die möglichen Ursachen sein könnten. Sonst muss der Arzt das alles für seine Behandlung herausfinden – womöglich auch über Umwege und weitere Untersuchungen. Und die kosten dann. Schließlich ist ein Arzt auch nur ein Mensch – und an einem Privatpatienten verdient er nun einfach mal besser als an seinem Kassenklientel.

Ich will hier nun keinem habilitierten Studienabsolventen der gewerblichen Heilkunde zu nahe treten, aber auch in dieser Branche gibt es schwarze Schafe, die mit unsinnigen Untersuchungen oder Diagnosen Geld abziehen wollen. Und da eignen sich Privatpatienten einfach ideal, weil die privaten Kassen schlicht jeden Unfug mitmachen. Und schon dreht sich die Spirale wieder einmal weiter: Je öfter die Leistungen der privaten Krankenversicherung in Anspruch genommen werden, desto teurer wird der Monatsbeitrag.

Dennoch, eine gute Sache bleibt auf alle Fälle: Ich muss nie auf einen Termin beim Arzt warten.

Sven Bargel




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