Patientin zweiter Klasse
Patientin zweiter Klasse
21. April 2017

60 Minuten Sprechstunde für Kassenpatienten, einmal pro Woche, mit manchmal mehr als 20 Hilfesuchenden. Oder ein Termin nach „nur“ zwei Monaten und dann fünf Stunden Wartezimmer: Bittere, aber ganz normale Erfahrungen einer Kassenpatientin – die engagierte Ärzte deswegen umso mehr zu schätzen weiß.

Mein Sohn hat Akne. „No big deal“, dachte ich. Mit Hilfe eines Hautarztes würden wir das schnell in den Griff bekommen. Doch als ich versuchte, einen Termin zu vereinbaren, merkte ich, dass das weitaus komplizierter war, als ich es mir vorgestellt hatte. Der früheste Termin, den wir bekommen konnten, war in einem halben Jahr. Nein, wir leben nicht auf dem Land, wo die Ärzte knapp sind. Wir leben in der deutschen Hauptstadt, im angesagten Prenzlauer Berg mit gefühlt der höchsten Ärztedichte der Welt.

Zum Notdienst  wegen Akne

Ein halbes Jahr mit einem Jugendlichen, der Akne hat, auf einen Arzttermin zu warten, das erschien mir ein bisschen wie Körperverletzung. Doch der Arzt ließ sich nicht erweichen. „Gehen Sie doch zum Notdienst ins Krankenhaus“, riet er uns. Das wiederum fand ich ähnlich unmoralisch, wie wegen eines Kratzers die Feuerwehr zu rufen. Außerdem wollten wir zu einem Dermatologen und nicht zum Unfallarzt.

Was ist eigentlich das Problem? Warum können die vielen Ärzte im Prenzlauer Berg keine Patienten mehr aufnehmen? Sie können schon – aber sie wollen es nicht. Vier von fünf Ärzten, bei denen ich anrief, behandeln nur noch Privatpatienten. Da erinnerte ich mich an eine gute alte Bekannte, die als Hautärztin in einem weit entfernten Außenbezirk arbeitet. Weil sie uns persönlich kennt, bekamen wir sofort einen Termin. Sie gehört zu den wenigen, die auch noch Kassenpatienten behandeln und zwar immerhin eine volle Stunde pro Woche. 60 Minuten, in denen manchmal über 20 Patienten abgefertigt werden.

Ein bisschen besser ging es mir, als ich versuchte, einen Termin beim Augenarzt zu bekommen: nur zwei Monate Wartezeit. Andere warten sechs Monate. Vor dem Tag der Behandlung graut mir trotzdem jedes Mal. Da muss ich immer fünf Stunden im Wartezimmer sitzen. Mehr als einmal habe ich Patienten Türen knallend die Praxis verlassen sehen. Ein Freund mit privater Krankenversicherung dagegen ist immer schon nach einer halben Stunde fertig. Dafür wird er alle drei Monate zur Untersuchung einbestellt. Erst kürzlich fiel es ihm wie Schuppen von seinen eigentlich gesunden Augen. Die Fürsorge seines Arztes galt eher seiner großzügig zahlenden Krankenversicherung als seiner Gesundheit. Auch von anderen Ärzten wird er hofiert und mit Terminen und Angeboten bombardiert.

Einmal im Jahr zur Krebsvorsorge beim Frauenarzt ist für mich selbstverständlich. Aber schon vorher habe ich Bauchschmerzen. Welche Zusatzleistungen werde ich dieses Mal aus eigener Tasche bezahlen? Jedes Mal wird mir ein IGeL-Prospekt in die Hand gedrückt. Das klingt niedlich, ist aber heimtückisch. Hinter IGeL verbirgt sich der Begriff „Individuelle Gesundheitsleistungen“. Dazu gehört der „gute“ Krebsabstrich, mit dem sich viel besser bösartige Zellen entdecken lassen, als mit dem, den die Kasse zahlt. Den gibt es im „Sonderangebot“ für 50 Euro. Dazu kommen Ultraschalluntersuchungen von Brust, Gebärmutter und Eierstöcken, die Suche nach den gefährlichen HPV-Viren oder ein Urintest auf Blasenkrebs. Bald 300 Euro müsste ich aus eigener Tasche dazuzahlen, wenn mir meine Gesundheit etwas wert wäre. „Es ist Ihre Entscheidung“, schiebt mir die Ärztin lächelnd den schwarzen Peter zu. Ich sehe in ihren Augen Eurozeichen leuchten. Wer hier sparen will, zahlt mit einem schlechten Gewissen.

Zumindest manche Ärzte leisten mehr, als sie müssten

Aber nicht alle Ärzte sind so. Manche leisten weitaus mehr, als sie müssten. Mein Zahnarzt diskutiert viel länger als die ihm zur Verfügung stehenden drei Minuten mit mir darüber, wie es sich bewerkstelligen lässt, einen Zahn zu erhalten. Mein Hausarzt hat immer ein offenes Ohr, auch, wenn es mal nichts mit Krankheiten zu tun hat. Ich habe tolle, kompetente, engagierte und obendrein menschliche Ärzte, die mehr als ledlichglich ihren Dienst ganz strikt nach Vorschrift machen. Das hat aber weniger mit unserem Gesundheitssystem als viel mehr mit ihrem persönlichen Berufsethos zu tun. Finanziell belohnt werden sie nicht dafür, wenn sie Patienten wie mir, die in diesem Gesundheitssystem Menschen zweiter Klasse sind, trotzdem eine qualitativ hochwertige Behandlung angedeihen lassen. Das sehe ich ihren müden Augen an.

Daniela Noack



Info

Mehr Geld für mehr Psychotherapieangebote

Die langen Wartezeiten auf einen Termin bei einem Psychotherapeuten sollen abgebaut werden. Die Ausweitung des Angebotes kostet Geld. Schon streiten Ärzteschaft und Krankenkassen. Die Kassenärzte haben den Krankenkassen vorgeworfen, die Ausweitung der Angebote für psychisch kranke Menschen nicht angemessen zu honorieren. Es handle sich um echte Verbesserungen für die Patienten. „Doch die Krankenkassen haben die Interessen ihrer eigenen Versicherten torpediert. Sie weigern sich, den Mehraufwand für die Psychotherapeuten adäquat zu finanzieren“, kritisierte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen. „Die Krankenkassen leisten damit den Versicherten einen Bärendienst.“

Seit dem 1. April müssen Psychotherapeuten pro Woche mindestens zwei Stunden für Sprechstunden zur Verfügung stehen. Zudem müssen sie 200 Minuten in der Woche am Telefon erreichbar sein. In der Sprechstunde kann geklärt werden, ob in dringenden Fällen eine sogenannte Akutbehandlung erforderlich ist. Dabei könne ohne ein langes Antragsverfahren mit der Krankenkasse rasch eine Behandlung des Patienten begonnen werden. Darüber hinaus müssen die regionalen Kassenärztlichen Vereinigungen psychisch Kranken nötigenfalls Termine über ihre Terminservicestellen bei einem Psychotherapeuten vermitteln. Patienten benötigen dafür keine Überweisung. Die neuen Angebote sollen Patienten zeitnah einen leichteren Zugang ermöglichen und das Versorgungsangebot insgesamt flexibler machen.

Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) hielt dem KBV-Chef entgegen, die Vergütungen der Sprechstunden und der Akutbehandlungen sowie weitere Neuregelungen führten zu zusätzlichen Einnahmen der Psychotherapeuten von etwa 100 Millionen Euro. Bei durchschnittlich 23 gezählten Therapiestunden pro Psychotherapeut pro Woche sei noch Luft nach oben. „Es ist bedauerlich, dass die KBV reflexhaft über zu wenig Geld jammert, nur weil die Beitragszahler über ihr nicht das Füllhorn ausschütten“, erklärte der Sprecher des GKV-Spitzenverbandes, Florian Lanz.

KBV-Vize Stephan Hofmeister erklärte dagegen: „Die psychotherapeutischen Sprechstunden einzurichten, stellt einen hohen – nicht nur inhaltlichen, sondern auch administrativen –Mehraufwand dar, der zum Teil sogar mit der Einstellung von Praxispersonal verbunden ist. Das macht man nicht eben nebenbei, wie die Vertreter der Krankenkassen offenbar meinen.“

dpa

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