Das Leben ein Kampf
Das Leben ein Kampf
10. Juni 2016

Warum Muhammad Ali zum Mythos wurde

Selten haben Sportereignisse
die Menschen derart elektrisiert wie die Boxkämpfe von Muhammad Ali. Vor allem die Siege des Ausnahme-Athleten gegen George Foreman 1974 („Rumble in the Jungle“) und Joe Frazier 1975 („Thrilla in Manila“) waren Jahrhundert-Duelle. Selbst Zeitgenossen, die keinen blassen Schimmer vom Boxen hatten, schauten sich die Spektakel im Fernsehen an.

Alis Faszination lag zum einen darin, dass er anders war als alle, die bislang mit den Fäusten ihr Geld verdienten. Er gab den schillernden Show-Man ebenso wie das bis zur Schmerzgrenze gehende Großmaul, den Anwalt für die Rechte der unterdrückten Schwarzen ebenso wie den Provokateur, der selbst vor der eigenen Regierung nicht in die Knie ging.

Auch Alis Boxstil passte in kein Schema. Anstatt aus einer sicheren Deckung anzugreifen, ließ er die Fäuste hängen, was seine Trainer oft zur Weißglut brachte. Er tänzelte wild herum und lockte seine Gegner zu verfrühten Schlägen, die er oft durch seine Schnelligkeit umging. Das verschaffte den anderen eine Scheinüberlegenheit, machte sie aber leichtsinnig, bis Ali zur Gegenattacke ausholte.

So prügelte der Weltmeister George Foreman 1974 sieben Runden lang auf Ali ein, bis ihn die Kräfte verließen. In der achten Runde ging der Herausforderer zum Angriff über und schickte Foreman mit elf Hieben zu Boden. „Schwebe wie ein Schmetterling und stich wie eine Biene“, lautete die Devise des neuen Stars.

Cassius Clay, der sich später Muhammad Ali nannte, testete Grenzen aus und überschritt sie. Er trat alle Anstandsregeln mit Füßen. Er reizte seine Gegner bereits vor den Kämpfen bis aufs Blut, demütigte sie. Er war das Gegenteil des britischen Fair Play, das dem sportlichen Gegenspieler bei aller Härte des Wettbewerbs Würde und Respekt entgegenbringt.

Das Publikum liebte dieses Grenzgänger - und Grenzverletzertum. Immer wieder ging es um die Frage: Würde Ali dieses Mal verlieren und für sein Maulheldentum bestraft werden? Oder würde ein Sieg sein Triumphgeheul noch lauter anschwellen lassen? Die Zuschauer waren vernarrt in diesen Nervenkitzel.

All dies kann die Anziehungskraft des legendären Boxers jedoch nur zum Teil erklären. Im Mittelpunkt steht die Idee des Kampfes, die weit über die sportliche Dimension hinausreicht. Der Sport ist generell nicht nur Spiel und Unterhaltung, er ist auch eine Verdichtung des Lebens. Er spiegelt elementare Muster im Drama des Seins wider: Sieg und Niederlage, Hartnäckigkeit und Kapitulation, Aufbäumen und Schicksalsergebenheit.

In Alis Biografie ist der Kampf Sinnbild schlechthin. Als Cassius Marcellus Clay wuchs er in Louisville im US-Bundesstaat Kentucky auf – im Süden galt die Rassentrennung. Schwarze wie er erlebten täglich Diskriminierungen. Ali wurde zum Sprachrohr der unterdrückten Afroamerikaner und trat 1964 der Sekte „Nation of Islam“ bei. Für viele Weiße ein Affront. Ali ließ sich davon nicht beirren, im Gegenteil. Der Bürgerrechtler Jesse Jackson, der sich seit vielen Jahren für die Gleichberechtigung von Schwarz und Weiß einsetzt, schrieb: „Wenn Champions siegen, werden sie auf den Schultern von Menschen getragen. Wenn Muhammad Ali siegte, wurden WIR auf SEINEN Schultern getragen.“

Auf dem Höhepunkt des Vietnamkrieges bot Ali der Staatsmacht die Stirn. Als er 1967 zum Militärdienst eingezogen wurde, schleuderte er den Generälen entgegen: „Nein, ich werde nicht 10.000 Meilen von zu Hause entfernt helfen, eine andere arme Nation zu ermorden und niederzubrennen, nur um die Vorherrschaft weißer Sklavenherren über die dunkleren Völker der Welt sichern zu helfen.“ Die Aberkennung des Weltmeistertitels und drei Jahre Sperre waren die Strafe.

Andere hätten aufgegeben oder sich angepasst, um die eigene Karriere nicht zu gefährden. Nicht so Ali. Er blieb hart, schluckte allen Frust herunter und kämpfte sich zurück. Insgesamt drei Mal holte er die Box-Krone. Bis heute ist das unerreicht.

Auch den Schicksalsschlag der frühen Parkinson-Krankheit meisterte Ali in der für ihn typischen Art bis zu seinem Tod – offensiv und offen. Alis Weg rührt die Menschen an, weil hier die großen Herausforderungen des Lebens aufscheinen: Sieg, Niederlage, Rückschläge, Ungerechtigkeit, Weitermachen, den Kampf bis zu Ende kämpfen. Daher wurde er zum Mythos.

Michael Backfisch

Michael Backfisch war Vize-Chefredakteur der Saarbrücker Zeitung, arbeitete als Washingtoner Bürochef des Handelsblatts, später als Nahost-Korrespondent für die Financial Times Deutschland in Dubai. Heute ist er Leitender Redakteur Politik in der Berliner Zentralredaktion der Funke-Mediengruppe.




 

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