Überflüssig oder nötiger denn je?
Überflüssig oder nötiger denn je?
14. Juli 2017

Im Saarland sind die Grünen gescheitert, in Nordrhein-Westfalen abgewählt worden, im Bund schwächelt die Partei bei sieben bis acht Prozent. Eine (nicht repräsentative) Zufallsbefragung zeigt: grüne Themen bleiben wichtig, der Partei mangelt es aber an Überzeugungskraft.

Lea Grass (29), Saarbrücken:
Ich glaube, Sympathie oder Antipathie hängt oft mit Personen zusammen, die im Parteivorstand sind. Im Saarland tragen die Grünen zum Beispiel noch die Altlast der „Jamaika-Koalition“. Zudem fühlen sie sich hier mehr zur CDU zugehörig als zur SPD, die schon mal eine rot-grüne Bundesregierung durchgesetzt hat. Außerdem gibt es meiner Meinung nach vor allem auf der Bundesebene sehr viele öko-angehauchte Konservative. Ein weiteres Problem sind die parteiinternen Meinungsunterschiede: Es ist schwierig ein rot-grünes oder linkes Bündnis zu führen, wenn das Bundesvorstands-Duo geteilt ist. Die Themen, die sie vertreten, sind im Großen und Ganzen natürlich wichtig. Was mir allerdings fehlt ist der soziale Aspekte. Was ist mit den Menschen, die es sich nicht leisten können, im Biomarkt einzukaufen? Es scheint, als würden sie gar nicht im Fokus der grünen Politik stehen. Ob die Grünen ihre Themen an andere Parteien verlieren ist nicht eindeutig. Die CDU ist zum Beispiel sehr konservativ, somit werden sie natürlich auch nicht alle Kernthemen übernehmen. Auch die SPD wird sich nicht alles abschauen, weil sie eben durch den sozialen Gedanken geprägt ist.

Soheil Hemmatin (21), Frankfurt:

Mich persönlich haben die Grünen krass enttäuscht. Bis Ende der 80er hatten sie noch eine ziemlich linke Ausrichtung, doch seitdem sind sie mit dem Establishment in der Mitte der Gesellschaft angekommen, Stichwort Grüner Marsch durch die Institutionen. Deswegen würde ich auch nicht die Grünen wählen, obwohl ich das Thema Ökologie wichtig finde. Zudem denke ich, dass nachhaltige Politik in einem kapitalistischen System nicht möglich ist. Die Grünen müssen noch viel lernen. Vor allem in Bezug auf soziale Gerechtigkeit. Sie ist einfach unabdingbar, das kann man nicht auseinander dividieren. Parallel werden zum Teil auch viele grüne Themen von anderen Parteien übernommen, wie zum Beispiel „Eheschließungen zwischen Homosexuellen“. Das war zum Beispiel so ein grünes Thema, welches von anderen Parteien aufgegriffen wurde. Meiner Meinung nach müssen sie sich in so einer Situation mehr profilieren. Aber im Moment sieht es für sie düster aus.

Max Karbach (24), Saarbrücken:

Die grünen Ziele und die grüne Politik sind meiner Meinung nach sehr wichtig, allerdings sollten sich die Grünen auf ihre Kernpolitik beschränken und nicht versuchen, Politik der SPD und der Linkspartei abzufrühstücken und gleichzeitig auch den starken konservativen Anstrich, den sie vor allem in Baden-Württemberg haben, wieder abstreifen: Studiengebühren für ausländische Studierende sind eine absolute Frechheit. Das erwarte ich auch nicht von einer grünen Partei, damit machen sich die Grünen nur unglaubwürdig. Stattdessen sollten sie sich lieber mehr auf ihre Wurzeln besinnen. Also auf die klassische Bewegung, aus der sie entstanden sind, wie Umweltschutz und Anti-AKW-Demos. Sie sollten viel mehr in diese Richtung arbeiten und nicht versuchen, alles abzudecken und sowohl rechte Wähler als auch linke Wähler anzusprechen. Das funktioniert natürlich nicht. Lieber wieder mit Turnschuhen in den Bundestag gehen. Damit kommen sie besser an.

(Anmerkung der Redaktion: Baden-Württemberg hat unter dem grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann kürzlich Studiengebühren für Personen aus Nicht-EU-Ländern eingeführt.)

Lukas Redemann (23), Saarbrücken:

Das ist eine spannende Frage. Ich habe auch schon oft mit meinen Freunden darüber diskutiert, ob die Grünen überhaupt noch relevant sind. Meiner Meinung nach sind die grünen Themen im Moment wichtiger denn je. Gerade in der Zeit, in der plötzlich Klimaskeptiker auftauchen, wie Donald Trump aus den USA, der sich aus dem Pariser Klimaschutzabkommen zurückziehen will. Wir haben es immer noch nicht geschafft, die Idee des Automausstieges europaweit, geschweige denn weltweit durchzusetzen. Somit sind gerade jetzt die grünen Kernthemen super wichtig. Umso trauriger ist es, dass die Grünen es nicht schaffen, ihre Themen so zu transportieren, dass sie auch ankommen. Das ist besonders schade. Ein möglicher Weg, sich neu zu positionieren, ist meiner Meinung nach, mit dem Alten zu brechen. Abgegriffene Slogans müssen weg. Zudem muss das Programm konkreter werden und auf die aktuellen Problematiken hinweisen, wie zum Beispiel die Skepsis um den Klimawandel. Leider schaffen sie es nicht, dieses Problem als eine massive Bedrohung, was es tatsächlich ist für unsere Welt, darzustellen. Ein weiterer Fehler ist, dass die Grünen überhaupt keine neuen Gesichter in die Politik reinbringen. Ich persönlich mag Cem Özdemir, aber jemand Neues mit mehr Power würde den Grünen gut tun.

„Partei der stillen Weltverbesserer“

Nadia Sabehat (27), Rostock:
Die Grünen sind meiner Meinung nach keineswegs überflüssig. Allein schon der Name spricht für sich: Sie vertreten etwas, was SPD oder CDU so nicht vertreten. Und auch wenn sie die Kernthemen der Grünen übernehmen, glaubt das Volk nicht, dass sie diese auch umsetzen werden. Schließlich haben die Grünen als erste solche Themenfelder wie Ökologie und Nachhaltigkeit angesprochen. Ich denke auch, dass sie noch mehr in petto haben, als das, was andere Parteien abkupfern. Bei den anderen Parteien steht auch Kapitalismus an erster Stelle. Bei den Grünen dagegen nicht. Deswegen hoffe ich auch, dass sie sich bald fangen werden und Willensstärke zeigen, damit sie uns auch weiterhin vertreten und für Nachhaltigkeit einstehen können.

Moritz Talkenberg (40), Saarbrücken:
Ich bin ein klassischer Europäer: Natürlich habe ich Umweltbewusstsein, meinen Müll trenne ich aber trotzdem nicht. Aber jetzt Spaß beiseite: Umweltschutz ist natürlich wichtig und könnte sogar noch wichtiger sein. Deswegen haben vermutlich auch andere Parteien diese grünen Themen aufgegriffen, weil sie gemerkt haben, wie erfolgreich sie damit bei der Bevölkerung ankommen. Die Grünen machen sich meiner Meinung nach selbst überflüssig. Dadurch, dass sie keine neuen Themen entwickeln können oder wollen. Seit 20 Jahren sind sie eine Partei der stillen Weltverbesserer. Sie merken nicht mal, dass das, was sie verbessern möchten, sich schon längst in eine andere Richtung entwickelt hat. Ob es jetzt besser geworden ist, ist eine andere Frage. Sie dagegen haben sich in ihrem grünen Rentierwohlfühlpullover eingesperrt und stellen jetzt fest, dass es relativ eng und warm geworden ist. Wenn sie so wie bisher weiter machen, werden sie überflüssig sein. Ein möglicher Ausweg wäre meiner Meinung nach eine Orientierung: Man könnte ja versuchen, nicht die gleichen alten Gesichter immer wieder neu aufzufrischen, sondern sich trauen, auch einen radikalen Schnitt zu machen um einen neuen Ideenkatalog zu entwickeln. Und vielleicht sollte man ja auch nicht im Wahljahr „Sex für Behinderte“ und einen „Veganer-Tag“ einfordern. Dadurch kann man sie nicht richtig ernstnehmen, das ist das Problem. Ihre Zeit als große Gesellschaftscamper ist schon längst vorbei.

Umfrage: Julia Indenbaum





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