„Wie ein Staubsauger“
„Wie ein Staubsauger“
6. Januar 2017

Die Präsidentschaft von Donald Trump wird vielleicht nicht alles verändern, aber vieles. Was genau, darüber herrscht auf dem „alten Kontinent“ noch viel Rätselraten. Dr. Bruno von Lutz, Direktor des Deutsch-Amerikanischen Instituts in Saarbrücken, über die neue Rolle der USA, die Auswirkungen auf Europa und Deutschland und die Zukunft der Demokraten nach der Niederlage.

Herr von Lutz, sind die USA nach Obama ein anderes Amerika?

Ich glaube schon, dass es ein anderes Amerika sein wird. Es wird mit Sicherheit stärker dominiert werden von Leuten, die Politik eher als Geschäft sehen. Dementsprechend ist ja das neue Kabinett auch zusammengestellt, wie der neue Außenminister, der pikanterweise in Russland einige geschäftliche Verbindungen hat. Das kann schon schwierig werden. Wenn beispielsweise die Sanktionen gegen Russland aufgehoben würden, kann Exxon wunderbar weitermachen. Also da sind Interessenskonflikte. Und es fragt sich auch, ob solche Geschäftsleute in der Lage sind, europäische oder andere internationale Vorbehalte ernst zu nehmen.

Neben der Wirtschaft ist aber auch das Militär stark in der Mannschaft von Präsident Trump repräsentiert. Wie ist das einzuordnen, wo Trump doch die Rolle der USA als Weltpolizei abgelehnt hat?

Es stimmt, es sind zu viele Militärs im Kabinett. Das widerspricht eigentlich auch den Vorstellungen der amerikanischen Gründerväter, die sagten: Das Militär soll von Zivilisten geführt werden. Und jetzt übernimmt das Militär quasi Funktionen, die ihm so vielleicht nicht zustehen. Ein ziviler Verteidigungsminister hat mit Sicherheit einen anderen Blickwinkel auf die Welt und auf die Spannungen als ein General, der die Welt aus einer militärischen Sicht sieht. Die „New York Times“ hat den Begriff „velvet militarisation“, also samtweiche Militarisierung verwendet. Damit besteht natürlich die Gefahr, dass sich dieses Diktum vom „industriell-militärischen Komplex“ verhärtet.

Was heißt das für die neue Präsidentschaft?

Das einzige, was sicher ist, ist, dass nichts sicher ist, und dass Trump Trump bleibt. Das ist natürlich auch ein gefundenes Fressen für die internationalen Medien: Jeden Tag ist was Neues, auch ein neuer Widerspruch drin. Trump bleibt absolut unberechenbar. Trump ist ein Narzisst. Er ist sehr verletzlich, und das ist eine große Gefahr. Und Trump bringt genau die Leute in die Regierung, die durchaus mitverantwortlich sind für die Lage im mittleren Westen, für den Niedergang bis in die Mittelklasse hinein. Inwieweit sich da noch seine Wähler wiederfinden, ist mir nur schwer vorstellbar. Wenn zum Beispiel eine Milliardärin als Ministerin für das Schulwesen zuständig sein soll, die die ganzen Jahre über dafür gekämpft hat, dass die Privatschulen gestärkt werden, dann ist das genau etwas, was den mittleren Westen immer weiter zurückfallen lässt. Denn die Privatschulen sitzen natürlich genau dort, wo die Politiker sitzen, wo die Reichen und die Eliten sitzen, die „bi-coastal elites“ (Eliten an Ost- und Westküste). Da sieht man auch auf der Landkarte eine Spaltung der Gesellschaft, die Trump mit Sicherheit nicht überwinden kann.

Wie sind die Äußerungen zum internationalen Beziehungsgeflecht zu interpretieren, Stichworte Russland und China?

Es kann sein, dass sich das gesamte globale Verhältnis verschiebt. Ob sich das Machtgefüge verschiebt, weiß ich nicht. Aber wenn sich eine geradezu kumpaneihafte Annäherung von Trump und Putin ergibt, dann muss sich Europa warm anziehen. Es wird ja so oder so kommen, dass sich Europa stärker von Amerika lösen muss, im militärischen Sinn, dass sich das „burden sharing“ (Lastenteilung) stärker zu Ungunsten von Europa verschiebt. Man wird auch sehen, wie das weitergeht mit der „Ein-China“-Politik. Reagan hat das ja auch einmal angetastet. Der hat zu seiner Inaugurationsfeier eine Delegation aus Taiwan eingeladen, und das hat zu großen Verstimmungen geführt. Es könnte jetzt auch sein, dass Trump Taiwan als eine Art Verhandlungsmasse sieht. Ich glaube, der kann auch gar nicht anders als eingefleischter Geschäftsmann, die Welt als „deal making“ zu betrachten. Er könnte also durchaus Taiwan als Verhandlungs-Unterpfand betrachten.

Nun hat man ja nach der Wahl darauf gesetzt, dass Trump sozusagen eingefriedet wird durch die Apparate. Jetzt scheint es so, dass er sich davon überhaupt nicht beeindrucken lässt.

Ich habe eigentlich auch gedacht, dass er sich eine erfahrene Beratermannschaft an Land ziehen würde, also ein Kabinett mit erfahrenen Leuten, auf die er sich stützen kann, weil er selbst auch weiß, dass er keinerlei diplomatische Erfahrungen hat. Aber offensichtlich stört ihn das nicht im Geringsten. Er will wohl seinen Weg gehen, komme, was da wolle. Es ist natürlich auch ein Ideal in der amerikanischen Gesellschaft, dass man nach erfolgreichen Jahren in der Wirtschaft noch ein paar Jährchen dranhängt und sagt: Jetzt diene ich meinem Land. Das ist ja auch oft so bei Botschaftern. Das muss ja nichts schlechtes sein. Deshalb findet man in der amerikanischen Politik ja auch oft Quereinsteiger.

„Zu viele Militärs im Kabinett“

Aber das Kabinett macht eher den Eindruck, als müsse es Politik erst mal lernen.

Ja, da ist kaum einer dabei, der in irgendeiner Weise auf internationalem Parkett reüssiert oder auch nur über die eigenen Staatsgrenzen hinaus von sich reden gemacht hat. Die Militärs waren sicherlich überall in der Welt und haben ihre Kriege geführt, aber diplomatische Erfahrungen haben die keine. Und was die anderen betrifft: Da gibt es ja bei den Republikanern schon einige, die ernste Bedenken haben, weil sie sagen: Da gibt es zu enge wirtschaftliche Interessen, die für politische Entscheidungen im Hintergrund stehen könnten. Also da gibt es schon Kritik.

Trump hat ja einen Wahlkampf gegen das Establishment geführt. Wie geht es denn jetzt mit den Demokraten nach dieser Wahl­niederlage weiter?

Die Demokraten sind jetzt, etwas überspitzt gesagt, in einer ähnlichen Position wie die Republikaner vor acht Jahren: Man kann den Präsidenten nicht akzeptieren, geht gar nicht, und man weiß, dass man sich grundsätzlich neu ausrichten muss. Für Hillary Clinton war es die letzte Chance, da muss jetzt eine neue Führungsfigur her. In den USA geht es ja nur über Führungsfiguren. Das ist wie im Football der Quarterback. Und die Demokraten müssen versuchen, die Leute im Mittelwesten, die sie verloren haben, wieder zu gewinnen, das heißt, soziale Programme auflegen und die Mittelschicht stärken. Das hat Hillary Clinton zwar im Wahlprogramm drin gehabt, aber der ganze Wahlkampf war ja letztlich nur noch eine einzige Reaktion auf Trump. Der hat ja alles wie ein Staubsauger auf sich gezogen.

„Die Mittelschicht stärken“

Über die Rückwirkungen auf Europa kann man natürlich derzeit nur spekulieren. Trotzdem die Frage: Könnte diese Entwicklung in den USA nicht dazu beitragen, dass man sich in Europa wieder mehr zusammenrauft?

Manchmal hilft es ja, wenn man einen gemeinsamen Gegner hat. Trump bietet sich da ja auch an. Es ist eine Chance für Europa, sich zusammenzuraufen. Aber umgekehrt: Wenn bei den nächsten Wahlen in Frankreich Le Pen oder in den Niederlanden Wilders drankommt, dann wird Europa eher auseinanderfallen. Da hängt auch viel an Kanzlerin Angela Merkel. In den USA wird sie, von der „Washingthon Post“ bis zur „New York Times“, geradezu in den Himmel gehoben: „the last woman standing“ gegen den Populismus. Merkels Erklärung nach der Wahl war ja auch nicht schlecht: Wir haben gemeinsame Wertvorstellungen, und auf dieser Basis können wir zusammenarbeiten. Die Frage ist, ob Europa die Kraft hat, eine eigene Politik zu formulieren und sich auch ein wenig von den USA abzusetzen. Wenn Europa nicht zusammenhält, können wir es vergessen. Deutschland ist ja gerade mal halb so groß wie Texas, und allein die Wirtschaftsmacht Kaliforniens ist die achtgrößte in der Welt.

Was bedeutet denn jetzt der Wahlausgang für Ihre Arbeit, für die Arbeit des DAI?

Ich hatte schon die Befürchtung, dass es eine Austrittswelle geben könnte. Das ist nicht eingetreten. Also wenn man für’s DAI arbeitet, hat man natürlich eine gewisse Affinität, aber die Freundschaft zu Amerika wird schon auf eine harte Probe gestellt.

Man kann versuchen aufzuklären. Dabei geht es nicht um ein „comprendre c’est tout pardonner“ (Verstehen heißt Vergeben). Aber man kann versuchen, aufzuklären, warum es etwa dazu kommen konnte, dass Clinton als „Wahlsiegerin“ nicht Präsidentin wird. Sie hat die Wahl ja mit fast drei Millionen Stimmen gewonnen, aber sie hat die „falschen Staaten“ gewonnen. In der Geschichte gab es übrigens mehr als 700 Versuche, dieses Wahlsystem abzuschaffen oder zu verändern, aber immer umsonst. Es ist ja eigentlich pervers, aber: dank Donald Trump bleiben wir im Geschäft. Die Anfragen zu Veranstaltungen oder Schulworkshops gehen weiter, nehmen sogar zu, nach dem Motto: „Erklären Sie mir mal Amerika.“

Interview:  Oliver Hilt



Zur Person:

Dr. Bruno von Lutz, geboren 1949 in Bozen, lebt seit 1953 im Saarland und ist seit 1982 Dozent für englische und amerikanische Literatur und Kultur an der Universität des Saarlandes. Seit Oktober 2014 ist er Direktor des Deutsch-Amerikanischen Instituts.




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