Die autoritären Pokerspieler
Die autoritären Pokerspieler
16. Juni 2017

Ein Kommentar von Nicholas Williams

Stellen wir uns vor, Ex-Premierminister David Cameron steht auf einer Bühne und fragt die Briten: „Wollt Ihr, dass wir aus der EU austreten?“ Laut schallte es ihm aus dem Volk entgegen: „Jein!“ Das war vor einem Jahr. Der Pokerspieler Cameron, der alles auf eine Karte, sein persönliches Machtstreben über alles andere setzte, ist Geschichte. Ein Jahr später tat es ihm seine Nachfolgerin gleich. May, durch keine Wahl demokratisch legitimiert, nutzte die Gunst der Stunde, als sie in Gefahr stand, durch laufende Ermittlungen zu irregulären Wahlkampfausgaben 2015 ihre Mehrheit zu verlieren. Die Umfragen waren gut wie nie, nun wollte sie auf einmal die Neuwahl, die sie zuvor kategorisch ausgeschlossen hatte. „Wollt Ihr mir eine starke und stabile Mehrheit geben, damit ich Großbritannien aus der EU führe?“ „Stark und stabil“, das mantrahaft wiederholte Motto der konservativen Rechtspopulisten, ging den Briten zuletzt jedoch so auf die Nerven, dass sie antworteten: „Nein, eigentlich nicht.“

Dabei sollte der Wahlkampf sich um andere Themen drehen als den Brexit, der bereits vom Parlament beschlossen und in Brüssel beantragt ist. Dann rächten sich aber gleich mehrere Gruppen an May: In jeder politischen Debatte, ob im Pub oder bei der Talksendung Newsnight, in der das Publikum oft zu Wort kommt, ist der Brexit Dauerthema. Noch kurz vor der Abstimmung letztes Jahr sagte das Brexit-Lager: Wenn es 48 zu 52 ausginge, sei die Sache nicht erledigt. Wie wahr.

Mays autoritärer Stil kommt nicht gut an. Ihre Weigerung, sich dem Herausforderer Corbyn in einer Fernsehdebatte zu stellen, wirkte nicht präsidial, sondern feige. So waren es vor allem junge Wähler, die May signalisierten: „So nicht!“ Die Opfer des sozialen Kahlschlags der letzten Jahre erblickten im politisch totgesagten Corbyn ihren Fürsprecher und sagten May: „So nicht!“ Zwar gelang es Labour nicht, May zu schlagen, die Konservativen regieren zunächst mit Hilfe des fanatischsten Teils der nordirischen Unionisten weiter. Labour jagt jedoch im tiefkonservativen Südengland nach und nach den Tories Sitze ab. Ob und welche Form des Brexits dieses Ergebnis nun bedeutet, das ist auf einmal wieder vollkommen offen.




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