NACHGEDACHT: Genug gegipfelt
NACHGEDACHT: Genug gegipfelt
11. August 2017

Nein, ich mache nicht mit beim derzeit beliebten Diesel-Bashing. Erstens hat das der alte Rudolf Diesel nicht verdient. Zweitens macht das sowieso jeder. Zumindest jeder zweite, glaubt man Umfragen, wonach etwa die Hälfte der Befragten für einen Ausstieg aus der Dieseltechnologie ist. Ausgerechnet jener Technologie, die eigentlich am wenigsten umweltbelastend sein könnte und uns auch so verkauft wurde. Auf den ersten Plätzen der Umweltliste des Verkehrsclubs Deutschland VCD lagen zuletzt Autos mit Hybrid-, Erdgas und eben Dieselantrieb. Das war einmal. Der VCD fühlt sich betrogen, und steht damit alles andere allein, denn „beim CO2 und Spritverbrauch deutet vieles darauf hin, dass die Hersteller allesamt mogeln.“ Oder betrügen, was festzustellen Sache von Gerichten ist.

Unabhängig davon hat der so genannte Diesel-Gipfel eindrucksvoll alle Fragen offen gelassen, deren Antworten möglicherweise geeignet gewesen wären, wenigstens das Fünkchen Restvertrauen zu bewahren, um vielleicht irgendwann einmal etwas zurückzugewinnen. Es fängt schon mit der Zusammensetzung an. In einer Forsa-Umfrage für die Verbraucherzentralen ahnten vor dem Gipfel bereits rund zwei Drittel, dass „die Politik eher die Belange der deutschen Autoindustrie vertritt“. Erwartung, dass die „Opfer“ dieser Machenschaften, Käufer oder Innenstadtbewohner, im Zentrum stehen könnten, gab es von vorneherein also kaum. Wie auch, wenn weder Verbraucher- noch Umweltschützer dabei sind. Oder etwa der Steuerzahlerbund, der sich zu direkten und indirekten Subventionen hätte äußern können. Was übrigens Sache der Politik gewesen wäre. Die scheint aber hauptsächlich darüber nachzudenken, wie man die „Schlüsselindustrie“ möglichst glimpflich davonkommen lässt. Das Wort von „systemrelevant“ hat man akribisch versucht, zu umschiffen, um Vergleiche mit den Bankenaffären möglichst erst gar nicht aufkommen zu lassen.

Belächelt werde ich, wenn ich naiverweise frage, warum in aller Welt hat man die entwickelte Technik nicht eingesetzt, um den Vorsprung des Diesel in Sachen geringerer Umweltbelastung mindestens zu erhalten, sogar auszubauen? Und schließlich: Was ist das für eine Konzernkultur, wenn offenkundig Mitarbeiter durchaus deutlich, aber erfolglos warnen?

Rudolf Diesel hat übrigens nicht nur die „Neue rationelle Wärmekraftmaschine“ entwickelt, er hat sich auch mit gesellschaftlicher Verantwortung der Wirtschaft auseinandergesetzt. Nachzulesen unter seinem Vorschlag des „Solidarismus“, einer Idee solidarischen Wirtschaftens, bei dem statt Gewinn eher die Bedürfnisbefriedigung im Mittelpunkt steht.

Von Oliver Hilt

Oliver Hilt beobachtet für FORUM die saarländische Politik.




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