Neuerfindung der Sonnenblumenpartei
Neuerfindung der Sonnenblumenpartei
14. Juli 2017

Das Dilemma ist offensichtlich: „Grüne“ Themen wie Nachhaltigkeit und Klimaschutz stehen äußerst hoch im Kurs, aber die grüne Partei kann derzeit nicht davon profitieren. Die Umfragewerte sind weit unter den eigenen Ansprüchen, zwei von drei Landtagswahlen mit schmerzlichen Verlusten. Es ist nicht das erste Tief. Um heraus­zukommen, müssen sich die Grünen neu erfinden.

Männer, die ihre Strickutensilien bei Konferenzen auspacken, Frauen, die ihre Kinder mit zu Versammlungen bringen. Vereint im Kampf um eine bessere Welt, heftig zerstritten über den Weg dorthin. Die nostalgischen Bilder der ersten Grünen Parteiversammlungen markierten bereits den ersten großen Bruch. Es war der Schritt aus einer höchst bunten, brodelnden Ursuppe neuer sozialer Bewegungen und bürgerlicher Umweltschützer in den Kampf um einen Platz in der Parteienlandschaft. Später wird man den Schritt als die erste erfolgreiche Parteineugründung in der Geschichte der Bundesrepublik eintragen.

Vorausgegangen waren heftigste Dispute in der bunten Szene aus Hausbesetzern und Feministinnen, Kleinkünstlern und Bauernhauskommunen, erzkonservativen Umweltbewahrern und linken Friedensaktivisten. In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stand die Szene vor der Entscheidung zwischen außerparlamentarischem Widerstand, Rückzug in Nischen oder mit einer Partei im etablierten System für eine Veränderung des Systems zu kämpfen.

Selbstverwirklichung, Gleichberechtigung, Kritik an Wirtschaftswachstumsideologie, nicht selten gepaart mit einem Schuss Technikfeindlichkeit, kurzum der Wunsch nach einem post-materialistischen Wertewandel, waren prägende Schlagworte. Erst gab es lokale Wählerinitiativen, bis schließlich in Karlsruhe Anfang 1980 die offizielle Gründung einer neuen Partei, Die Grünen, besiegelt wurde. Es war auch die Geburtsstunde des ewigwährenden Streits zwischen „Fundis“ und „Realos“.

Nächste Generation zeigt sich bereits

Die markantesten Stationen zu einer etablierten Partei waren der erste Einzug in den Bundestag 1983 (5,6 Prozent), die erste grüne Regierungsbeteiligung auf Landesebene mit (Turnschuh-) Minister Joschka Fischer (Hessen 1985), die Vereinigung mit den ostdeutschen zu Bündnis90/Die Grünen (1993), die erste rot-grüne Bundesregierung (1998, mit Joschka Fischer als Außenminister und Vizekanzler), und der erste grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann (2011, Baden-Württemberg). Die Katastrophe von Fukushima hatte die Zustimmung zu den Grünen in einem Maß befördert, dass man sich fast schon auf dem Weg zur Volkspartei wähnte. Nach der Bundestagswahl 2013 gab es erste ernstzunehmende Sondierungsversuche für eine mögliche schwarz-grüne Bundesregierung, die aber scheiterten. Auch daran, dass die Grünen mit 8,4 Prozent ihr erhofftes Ergebnis so verfehlten, dass mancher in der Spitze gar von einer „krachenden Niederlage“ sprach. Von der damaligen inneren Verunsicherung hat sich die Partei bis dato nicht recht erholt.

Das Wählerklientel hat sich über die Jahre deutlich verändert. In der Anfangszeit waren 80 Prozent der Grünen-Wähler unter 35 Jahren, heute liegt deren Anteil bei um die zehn Prozent. Die Grünen sind Analysen zufolge „ergraut“ und „verbürgerlicht“: Ihre Wähler verfügen über die höchsten Bildungsabschlüsse und überdurchschnittliche Einkommen. Die „post-materialistische“ Grundeinstellung der Anfangsjahre ist vom Lifestyle mit Einkaufen im Bio-Markt verdrängt worden. Atomausstieg: Ja, aber bitte kein Windrad und keine Stromtrasse bei meinem Dorf! symbolisiert ein grünes Dilemma. Ein anderes ist das Image einer „Verbotspartei“, die zur Erreichung beispielsweise großer Klimaziele strenge Regelungen anstrebt, wie aktuell beispielsweise bei der Herstellung von Verbrennungsmotoren oder dem Kohleausstieg. Dabei wird sich kaum jemand finden, der den Zielen der Nachhaltigkeit und des Klimaschutzes im Land der eifrigen Mülltrenner widersprechen würde Programm und Spitzenpersonal haben noch viel von der einstigen Sonnenblumenpartei. Die nächste Generation mit neuen Ansätzen zeigt sich aber schon. Dafür stehen etwa Robert Habeck, der nur knapp nicht schon bei dieser Wahl Spitzenkandidat wurde, oder Ska Keller, die mit europäischem Blick begleitet, wie sich Grüne andernorts, etwa den Niederlanden, gerade neu erfinden.

Oliver Hilt


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