Sie ticken anders
Sie ticken anders
17. März 2017

Am 26. März wählen die Saarländer einen neuen Landtag. Am südwestlichen Rand Deutschlands gibt es vergleichsweise mehr Eigen­heime, mehr Vereine, mehr Katholiken als in anderen Teilen des Landes. Die Sorgen der Menschen aber sind die gleichen wie im Rest der Republik.

Ein bisschen Warmlaufen für die Bundestagswahl? Für höhere Weihen war die Landtagswahl im Saarland bisher nicht bestimmt. Das ändert sich gerade. Erstmals könnte eine amtierende Ministerpräsidentin, die extrem hohe persönliche Zustimmungswerte genießt, abgewählt werden. Und erstmals seit Beginn des Phänomens AfD könnte dieser der Sprung in einen Landtag verwehrt bleiben. Schuld daran ist nicht allein Martin Schulz, den die SPD mehr oder weniger aus dem Hut gezaubert hat.  Es geht auch um eine CDU, die auf Sicherheit, Bildung und Digitalisierung setzt und mangels Bündnisalternativen kaum kontroverse Themen aufruft – es bleibt aus christdemokratischer Sicht nur die SPD als sinnvoller Partner. Kein Wunder, dass sich die CDU von Anfang an auf eine Neuauflage der Großen Koalition in Saarbrücken festgelegt hat.

Aus Sicht der übrigen Bundesländer war das Saarland allerdings schon immer ein bisschen anders. Zum einen hat das mit seiner Vergangenheit zu tun, dem Bergbau und der Stahlindustrie. So leuchtet bei Klaus Hiery immer noch eine Grubenlampe. Sie hängt an seinem Hauseingang, oben am Türrahmen. Jeder Besucher geht unter ihr hindurch. „Ohne Licht kein Leben“, sagt er. Hiery muss es wissen: Er hat im Kohlebergbau fast 40 Jahre unter Tage gearbeitet. Jeden Tag ging es mit dem Aufzug minutenlang in die Grube, mal 400, mal 1.600 Meter tief. Neben dem Licht zählten da unten die Kumpel. „Einer ist auf den anderen angewiesen“, sagt der Bergmann. „Man muss zusammenhalten.“

Auch wenn er das kleinste deutsche Flächenland über 250 Jahre geprägt hat: Seit 2012 ist der Bergbau im Saarland Geschichte. Und auch die wichtige Stahlindustrie schwächelt. Zwar stehen im Saarland mit die modernsten und effizientesten Schmieden der Welt, werden die Hüttenchefs nicht müde zu betonen, alleine der Emissionshandel und China bedrohen die Wettbewerbsfähigkeit. Manch saarländischer Stahlkocher bangt daher um seinen Arbeitsplatz. Ähnlich geht es den Autobauern: Das Saarland ist Autozulieferer-Land, Bosch baut Dieselmotoren, ZF Getriebe, beides Auslaufmodelle angesichts des Trends zur Elektromobilität. Beide Konzerne müssen ihre Produktion umbauen, und dabei könnten auch im Saarland Arbeitsplätze verlorengehen.

Jeder kennt hier irgendwie jeden

Die sprichwörtliche Bodenständigkeit der Bergleute prägt das Land bis heute. Genauso wie der Katholizismus – 61 Prozent der Saarländer sind katholisch, auch Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) und Linken-Politiker Oskar Lafontaine. Und der langjährige saarländische CDU-Regierungschef Peter Müller (1999–2011) war als Kind ebenso Messdiener wie Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD).

Untertage bekommt der Glauben nochmal zusätzlich Gewicht: „Wenn man einfährt, gibt man sein Leben in Gottes Hand“, sagt der 75-jährige Klaus Hiery. Er ist seit 30 Jahren Präsident der Bergmanns-, Hütten- und Knappenvereine mit rund 27.000 Mitgliedern im Saarland. Sie wollen die Tradition lebendig halten.

Überhaupt, Vereine. Die Saarländer lieben sie. Viele sind gleich in mehreren Mitglied, zum Beispiel Thomas Klein. Er ist erster Vorsitzender des Leichtathletik Clubs (LC) Rehlingen, aber auch Mitglied in einem Gartenbauverein und einem deutsch-italienischen Freundeskreis. „Das ist auch ein Phänomen hier im Saarland: dass die Leute in mehreren Vereinen sind. Es hat vielleicht damit zu tun, dass einer den anderen kennt.“ Auch die dörfliche Struktur im Land trage dazu bei, meint Klein. „Da ist das Vereinsleben im Dorf stark verankert.“ So auch der LC Rehlingen. In einem Dorf mit 4.000 Einwohnern zählt er etwa 1.150 Mitglieder, etliche aber auch von auswärts.

Dass die Saarländer Vereinsmeier sind, belegt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Demnach steht das Saarland mit gut 9.000 Vereinen pro eine Million Einwohner bundesweit an der Spitze. Berechtigt also, dass Regierungschefin Kramp-Karrenbauer für die Saar immer wieder von der „höchsten Vereinsdichte“ Deutschlands spricht. Klare Sache, Geselligkeit wird an der Saar großgeschrieben.

Zu den bekannten Mitgliedern des LC Rehlingen gehört auch Anke Rehlinger, die Vize-Regierungschefin des Saarlandes. „Sie kommt regelmäßig einmal pro Woche zum Training“, sagt Klein. Im Winter besuche sie den Kraftraum, im Frühjahr starte wieder das Wurftraining. Rehlinger war Kugelstoßerin, die Juristin tritt bei der Landtagswahl am 26. März als SPD-Spitzenkandidatin an.

Ihre Siegchancen? Nach den Meinungsumfragen ziemlich gut – nur ein Prozentpunkt trennt laut Forsa-Umfrage von FORUM CDU und SPD. Seit 1999 hat die SPD keine Regierung an der Saar mehr geführt, auch wenn sie meist deutlich bessere Wahlergebnisse als die Bundespartei erzielte. Diesmal könnte es klappen, mit keinem geringeren Steigbügelhalter als Oskar Lafontaine (Linke).

Immer gut für Überraschungen

Der Ex-Ministerpräsident des Saarlandes gilt vielen Saarländern immer noch als Retter der Schwerindustrie. Heute gilt das Land als Eckpunkt eines „deutschen Silicon Valley“ zwischen Saarbrücken und Karlsruhe. In den Bereichen Informatik und künstliche Intelligenz spielen diverse Unternehmen und Institute auch international auf Spitzenniveau mit. Mit einer Arbeitslosenquote von 7,2 Prozent liegt das Saarland deutschlandweit im Mittelfeld. Das Wachstum war gelegentlich sogar überdurchschnittlich gut. Aber noch hat das Land 14 Milliarden Euro Schulden. Ab 2020, so die Planung, will die Regierung daran gehen, sie zurückzuzahlen. Bergbau war und Stahlindustrie ist hier zu Hause – aber die Arbeiterklasse hier ist anders als an der Ruhr. Sie ist nicht nur besonders katholisch. Das Saarland hat auch die meisten Eigenheimbesitzer. „Das Saarland hat lange Zeit immer wieder zu Frankreich gehört. Da bleibt was hängen“, sagt der gebürtige Mainzer Kabarettist Detlev Schönauer, seit 40 Jahren an der Saar zu Hause. „Da ist auch dieses Lebensfrohe, Lebensbejahende dabei. Man nennt das Saarvoir-vivre. Zu leben, wie die Franzosen: gut essen, gut trinken, gut feiern, nicht unbedingt so viel schaffen, wenn es nicht sein muss, und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Hauptsach gudd gess, geschafft hann mir schnell.“ Was zeichnet die Saarländer noch aus? „Es gibt keinen Volksstamm, der so heimatverwurzelt und so heimatliebend ist“, sagt Kabarettist Schönauer. „Ich glaube das hängt auch damit zusammen, dass sie in der Geschichte immer hin und her gerissen wurden.“ Der Saarländer reise gerne – auch weil er immer so gerne wieder heimkomme. Und außerhalb der Landesgrenzen erkenne man sich sofort. „Wenn die im Urlaub sind – die spüren sich sofort, die riechen sich. Und dann dauert es genau elf Minuten und sie haben jemanden gefunden, den sie beide kennen.“

Es ist also alles ein bisschen anders als im Rest der Republik, so auch die anstehende Landtagswahl, die mit gleich mehreren Überraschungen aufwarten könnte: mit bösen für die AfD und die CDU, möglicherweise auch für die Grünen und die FDP. Mit Guten für die SPD und die Linke – egal, wer am Ende vorne liegt.

Von Birgit Reichert und Falk Enderle





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