„Es gibt wichtigere Sachen als Fußball“
„Es gibt wichtigere Sachen als Fußball“
19. Mai 2017

Vor einem Jahr erhielt Marco Russ die Diagnose Krebs. Nun steht er mit Eintracht Frankfurt im Pokalfinale. Und als einer von zwei Frankfurtern weiß er, was auf seine Mitspieler zukommt.

Der Fußball hat inzwischen gesellschaftlich eine solche Wichtigkeit erlangt, dass manche Begriffe etwas zu häufig, schnell und inflationär benutzt werden. Eine Muskelverletzung mit vier Wochen Pause ist dann eine „Hiobsbotschaft“, eine Niederlage in letzter Minute „dramatisch“ oder „tragisch“, manchmal sogar ein „Schicksalsschlag“. Marco Russ wird solche Begriffe im Zusammenhang mit einem Fußballspiel sicher nicht mehr verwenden. „Ich bin immer noch der gleiche Marco Russ wie vor der Krankheit“, sagte er: „Aber ich weiß jetzt, dass es wichtigere Sachen als Fußball gibt“.

Der 31-Jährige musste erfahren, was im Leben wirklich ein Schicksalsschlag ist – und was tragisch. Dass der Abwehrspieler von Eintracht Frankfurt seine Krebserkrankung überwunden hat und nach zwei emotionalen Auftritten im Viertel- und Halbfinale nun sogar im Pokalfinale steht, ist dagegen eine der schönsten Sport-Geschichten der jüngeren Vergangenheit. Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic nennt es gar ein „Märchen“. „Jetzt fehlt eigentlich nur noch, dass er im Finale ein Kopfballtor macht. Dass er ein Jahr nach dieser schlimmen Diagnose im Pokalfinale steht, ist sicher auch eine Message für viele Menschen“, sagte Bobic.

„Ich bin immer noch der Gleiche“

Russ selbst fehlten nach dem Halbfinale in Mönchengladbach auch beinahe die Worte. Professionell analysierte er das Spiel. Als die Sprache auf seine besondere Geschichte kam, stockte er: „An Fußball habe ich lange Zeit überhaupt nicht gedacht. Es ist noch kein Jahr her, dass ich die Diagnose bekommen habe. Dass ich nun im Endspiel stehe, ist einfach nur Weltklasse“. Und Russ hat auch einen sportlichen Anteil daran. Im Viertelfinale gegen Bielefeld kam er kurz vor Schluss rein, es war sein erstes Spiel überhaupt seit der Diagnose. Er half in der Schlussphase, das Ergebnis gegen drückende Bielefelder zu verteidigen. „Das war ein sehr emotionaler Moment für mich nach dieser langen und teilweise harten Zeit“, sagte er danach sichtlich gerührt. „Ich hatte den ganzen Tag ein flaues Gefühl im Magen, aber als ich dann an der Linie stand, habe ich es einfach nur genossen, die Aufregung war weg.“

In Gladbach musste er im Elfmeterschießen sogar zu einem Schuss ran, bei dem er statt zu gewinnen plötzlich nur verlieren konnte. Freiwillig hatte er sich als fünfter Schütze gemeldet. „Ich dachte eigentlich, ich mache den entscheidenden zum Sieg“, sagte er nachher schmunzelnd. „Aber nachdem alle verwandelt hatten, musste ich plötzlich treffen. Deshalb ist mir schon ein Stein vom Herzen gefallen, als ich getroffen habe.“ Emotionen, Freude, Versagensängste – all das gehört eben doch noch zum Fußball, der gleichzeitig Hobby und Beruf ist.

„Die Diagnose war niederschmetternd“

Doch an einem Tag im Mai 2016 hatten sich die Verhältnisse im Leben von Marco Russ plötzlich wie aus dem Nichts verschoben. Bei einer Dopingprobe wurde ein Tumor festgestellt, der operativ entfernt werden musste und eine Chemotherapie nach sich zog. Als auffällig hohe Werte des Wachstumshormons HCG in seinem Körper gefunden wurden, dachten die Tester zunächst an ein Dopingvergehen. Doch dann wurde der Tumor entdeckt. Im Relegations-Hinspiel der Frankfurter gegen den 1. FC Nürnberg zwei Tage später wollte Russ trotzdem unbedingt dabei sein. Er ist gebürtiger Hesse, spielte mit der Unterbrechung eines zweijährigen Gastspiels in Wolfsburg seit 1996 für die Eintracht. Vor seiner bereits terminierten Operation wollte er einfach noch mithelfen, den Klassenverbleib zu sichern. Eigentlich wollte er auch im Rückspiel vier Tage später auflaufen, eine Gelbsperre verhinderte dies aber. Als er die Karte sah, ärgerte er sich zunächst, heute weiß er, dass es gut so war. „Im Rückblick kann man sagen: wunderbar gelaufen“, erzählte er im Frühjahr dieses Jahres in einem bewegenden Radio-Interview mit dem Hessischen Rundfunk: „Wer weiß, was passierte wäre, wenn ich das Rückspiel gespielt hätte“. Zwar zeigte sich im Hinspiel, dass der Fußball-Gott manchmal einen seltsamen Humor hat. Denn kurz vor der Pause sprang der Ball ausgerechnet Russ unglücklich an den Körper, und die Eintracht lag durch sein Eigentor zurück. Dennoch retteten sich die Hessen, Russ wurde operiert – und heute ist er gesund.

„Die Diagnose war niederschmetternd“, erzählt er. Und der Profi-Fußball war für ihn ab dem Zeitpunkt der OP weit weg. „Ich habe mich drei Monate komplett aus der Öffentlichkeit rausgezogen. Ich war nie vor der Tür, sondern nur auf der Couch oder im Bett.“ Auch aus den sozialen Medien habe er sich bewusst „komplett rausgehalten.“

Angst habe er aber nicht gehabt. „Die Ärzte waren von Anfang an positiv. Der Krebs hatte nicht gestreut.“ Das war sein Glück, und mit Hilfe von Familie und Freunden hat er es geschafft. Erst gesund zu werden, dann ins Training zurückzukehren. Schließlich auf den Platz, ins Stadion. Und nun sogar nach Berlin. Denn ja, auch das ist für Marco Russ eine Rückkehr. Denn als die Eintracht zuletzt im Pokal-Endspiel stand, im Jahr 2006, war das zwar irgendwie gefühlt noch eine andere Zeit. Bei den damals 1:0 siegreichen Bayern stand Oliver Kahn im Tor, Trainer war Felix Magath, und im Sturm spielte Roy Makaay. Doch bei der Eintracht waren schon zwei Spieler dabei, die es auch noch heute sind: Alex Meier und eben Marco Russ. Der war damals gerade 20 Jahre alt, hatte erst wenige Wochen vorher sein erstes Bundesliga-Spiel bestritten, stand im Endspiel aber 90 Minuten auf dem Platz und erhielt vom  Sportmagazin „kicker“ immerhin die Note 3,5.

„Da werden die jungen Spieler ganz schön staunen“, sagte er über das Erlebnis: „Das Spiel wird überall auf der Welt geschaut. Und alleine die Zeremonie drumherum zeigt einem, dass dieses Spiel etwas ganz Besonderes ist. Das sieht man auch daran, wer da alles auf der Tribüne sitzt“. Dass Marco Russ dies nun ein zweites Mal erleben darf, ist das Happy End einer schlimmen Geschichte. Und deshalb freut er sich ganz besonders auf dieses Ereignis. Auch wenn er weiß, dass es Wichtigeres gibt als Fußball.

Holger Schmidt




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