AUCH AUSWÄRTS AUFWÄRTS?
AUCH AUSWÄRTS AUFWÄRTS?
17. März 2017

Nach dem Klassespiel zu Hause gegen Borussia Dortmund muss Hertha BSC endlich sein Auswärtsproblem angehen – nächste Gelegenheit: Sonnabend beim 1. FC Köln.

Fußball im Olympiastadion kann so schön sein: 70.000 Zuschauer fanden vergangenen Samstag den Weg dorthin, das Wetter zeigte sich von seiner besten Seite. Doch nicht immer sind die Gegner in der Bundesliga vom Kaliber einer Dortmunder Borussia, die in der Hauptstadt besonders viele Besucher ins Stadion locken. Dazu präsentierte sich Hertha BSC wieder von seiner besten Seite: zu Hause läuft es einfach.

Überraschend schwungvoll startete die „Alte Dame“ in die Partie gegen den Tabellendritten der Bundesliga. Dabei hatte Trainer Pal Dardai dieselbe Startelf aufgeboten, die sich eine Woche zuvor beim 0:1 in Hamburg nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert hatte. Doch die Berliner zeigten wieder ihr anderes, besseres Gesicht. Das drückt sich vor allem in erhöhter Reaktions- und Handlungsschnelligkeit aus. Beispiel: Als Ginter in der BVB-Defensive früh ein Fehler unterlief, schnappte sich Vedad Ibisevic die Kugel und marschierte über die rechte Seite bis in den Strafraum, wo er noch das Auge für den besser postierten Mitspieler hatte. Mit einem genauen Querpass legte er den Ball auf Salomon Kalou, der ihn ins Dortmunder Tor schob.

Der Führungstreffer zum besten Zeitpunkt also – aber nicht nur das: Es war auch Kalous erster Treffer seit dem 16. Spieltag, danach war er sechsmal ohne erfolgreichen Abschluss geblieben. Der Ivorer gehört zwar nicht zu den Spielern – wie etwa im Fall von Torjäger Ibisevic –, bei denen man zu so einem Zeitpunkt schon die Minuten ohne Torerfolg zählt. Als bekanntermaßen sensibler Spielertyp tun ihm Treffer aber immer besonders gut.

Das sollte sich schon im weiteren Verlauf des Spiels bemerkbar machen, denn Kalou blühte förmlich auf. Erst zwang er BVB-Keeper Bürki zu einer Glanzparade, dann musste Guerreiro einen Schuss des 31-Jährigen von der Linie kratzen, und schließlich verpasste er eine Eingabe von Plattenhardt knapp. Dazu führte er mit seinen Gegenspielern Bartra und Ginter das eine oder andere Tänzchen auf und fungierte auch als Vorbereiter.

Nicht auszudenken, wenn etwa Per Skjelbred kurz nach der Pause den von Kalou durchgelassenen Ball hätte nutzen können: Mit einem 2:0 im Rücken wäre das Spiel aus Berliner Sicht noch komfortabler geworden. So traf auf der anderen Seite die Borussia – Aubameyang nutzte eine Gelegenheit eiskalt zum 1:1-Ausgleich. Nun ging es hoch und runter auf dem erst vor Kurzem neu verlegten Rasen im Olympiastadion, die richtig gefährlichen Szenen häuften sich jetzt allerdings vor dem Tor von Hertha-Keeper Rune Jarstein.

So sah sich Trainer Pal Dardai Mitte der zweiten Halbzeit zu einem eher ungewöhnlichen Wechsel genötigt: Nicht, dass der Einsatz von Mitchell Weiser nach drei Monaten verletzungsbedingter Abstinenz überraschend gekommen wäre. Dass der Ungar aber Vedad Ibisevic aus der Partie nahm, wunderte dann schon: als Kapitän und Torgarant Nummer eins.

Die Handlung war aber auch nachvollziehbar: Einerseits musste Hertha gegen die zum Teil gefährlich wirbelnde Borussia wieder mehr Kontrolle und Gleichgewicht finden. Andererseits spielte möglicherweise auch die psychologische Komponente eine Rolle. Denn mit Weiser hatte Hertha bei dessen zwölf Saisoneinsätzen zwei Punkte pro Spiel erzielt.

Erster Dreier gegen BVB seit drei Jahren

Die Berliner setzten der Dortmunder Dominanz nun vor allem Konter entgegen und holten in Person von Weiser knapp 20 Minuten vor dem Ende einen Freistoß an der Strafraumgrenze heraus. Es folgte nun eine dieser Geschichten, die der Sport immer wieder schreibt: Marvin Plattenhardt hämmerte den Ball in den Winkel des Dortmunder Tores. Dem Freistoßspezialisten in Reihen der Hertha war vor Wochenfrist noch die Niederlage in Hamburg maßgeblich zur Last gelegt worden, da er im Mittelfeld den Ball verloren hatte. Eine Woche danach sollte er also zum Matchwinner werden.

Zwei Hertha-Spieler hatten in der Dortmunder Mauer für Verwirrung gesorgt, Schlussmann Bürki dazu seine Ecke preisgegeben. Diese Chance ließ sich Plattenhardt mit seinem starken linken Fuß aus 18 Metern nicht nehmen. Clever gemacht – denn angesichts des Substanzverlusts durch den großen Aufwand wäre aus dem Spiel heraus wohl nicht mehr viel drin gewesen für Hertha BSC. Nun durfte auch Kalou seinen wohlverdienten, vorzeitigen Feierabend begehen – der Ivorer wurde von Dardai ausgewechselt, da sein Dortmunder Kollege in der Zwischenzeit mit der Einwechslung von Dembélé und Pulisic noch einmal alles auf eine Karte setzte.

Doch an diesem Samstagnachmittag sollte – neben der Kulisse und dem Wetter – auch das Ergebnis für Hertha BSC stimmen. Selbst die Nachspielzeit von vier Minuten wurde unbeschadet überstanden, und somit war die Bahn frei für den ersten Dreier der Berliner gegen Borussia Dortmund seit drei Jahren. Erhalten bleibt somit die schon beinahe frappierende Heimstärke mit nunmehr 31 von 36 erreichbaren Punkten im Olympiastadion.

Ganz „nebenbei“ wurde mit den Big Points gegen Dortmund auch etwas gegen das Berliner Rückrundentrauma getan – Platz sieben in der zweiten Halbserie ist bislang für blau-weiße Verhältnisse sehr ordentlich. Viel wichtiger ist aber, dass die Konkurrenz um die Europa-League-Ränge bei noch zehn ausstehenden Spielen wieder etwas auf Distanz gebracht wurde. Frankfurt (35), Köln (34) oder Freiburg (33) liegen vorerst nicht mehr in unmittelbarer Schlagdistanz der 40 Zähler, die Hertha BSC inzwischen gesammelt hat.

Also alles prima an der Spree – wenn da nicht diese Auswärtsschwäche wäre. Neun Pünktchen in der Fremde ist beinahe schon der Wert eines Abstiegskandidaten. Die letzten fünf Partien auf des Gegners Platz gingen ausnahmslos verloren. Diese Statistik bedarf also dringend einer Aufbesserung. Der 1. FC Köln – Gegner an diesem Sonnabend (15.30 Uhr) – ist dabei für Hertha BSC nicht der schlechteste Gastgeber. Fünf der letzten sechs Gastspiele in der Domstadt endeten schließlich mit einem Sieg für die Berliner. Die Geißbock-Elf ist dazu seit fünf Spielen sieglos, verfügt mit Anthony Modeste aber über einen Stürmer (19 Saisontore), der jederzeit treffen kann. Vergangene Spielzeit landete die Mannschaft von Pal Dardai einen wichtigen 1:0-Sieg in Köln und sorgte damit zumindest zwischenzeitlich wieder für einen Aufwärtstrend. Es war ein Erfolg der Kategorie „Dreckiger Sieg“ – so dreckig darf es nach dem Geschmack von Hertha BSC und seinen Fans in der Domstadt gerne wieder zugehen. Denn der Aufschwung ist zwar jetzt schon zu spüren – mit einem Auswärtssieg würde er aber erst richtig Fahrt aufnehmen.

Hagen Nickelé






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