Chancen und Geschenke
Chancen und Geschenke
17. März 2017

Die Füchse Berlin erleben eine wechselhafte Rückrunde. Schwach gegen den Tabellenletzten, stark gegen den amtierenden Meister. Ein Thema begleitet die Berliner dabei seit Wochen: die Schiedsrichterleistungen.

Der Schiedsrichter im Handball ist ein hoch beanspruchtes Wesen. Laut Studien muss er pro Spiel bis zu zehnmal mehr Entscheidungen treffen als ein Schiedsrichter in anderen Sportarten, zum Beispiel dem Fußball. Nun weiß aber auch jeder, der schon einmal gearbeitet hat: Wer mehr arbeitet, kann auch häufiger Fehler machen – alles eine Frage der Statistik.

Besonders benachteiligt von diesem Prinzip fühlten sich in den letzten Wochen die Füchse aus Berlin, insbesondere, wenn es gegen Spitzenmannschaften ging. „Uns hat es heute schon wieder getroffen“, haderte Bob Hanning, Geschäftsführer der Füchse, Anfang März mit der Schiedsrichterleistung. Nach einem dramatischen Spiel trennten sich seine Füchse mit 30:30 unentschieden vom amtierenden deutschen Meister, den Rhein-Neckar-Löwen aus Mannheim. „Heute haben die Schiedsrichter nur über einen Punkt entschieden, in Flensburg waren es noch zwei.“ Zwei für die Füchse verlorene Punkte wohlgemerkt, denn Hanning sprach von der 26:27-Niederlage Ende des Jahres 2016 bei der SG Flensburg-Handewitt.

Gegen die Löwen fühlte sich die Punkteteilung erst einmal an wie eine Niederlage. Füchse-Torjäger Petar Nenadic wollte das Ergebnis unmittelbar nach dem Schlusspfiff auch gar nicht wahrhaben und stürmte wutentbrannt auf die Schiedsrichter los. Sein Torwart Silvio Heinevetter konnte sich gerade noch dazwischenwerfen, um Schlimmeres zu verhindern. Auch Füchse-Trainer Velimir Petkovic schrie seine Wut frei heraus und missbilligte damit die Schiedsrichterentscheidungen aus der Schlussphase der Partie. Dreißig Sekunden vor Schluss etwa hatten die beiden Unparteiischen Nenadic einen Freiwurf verweigert, als dieser auf dem Weg zum 31:30 für die Füchse unsanft von einem Mannheimer Verteidiger in seiner Wurfbewegung behindert wurde – alle in der Halle hatten es gesehen, einfach alle. Anstatt den Siegtreffer zu setzen, mussten die Füchse nun dem letzten aussichtsreichen Angriff der Löwen entgegensehen. Über Linksaußen flog der Isländer Gudjon Valur Sigurdsson ungehindert zum finalen Sprungwurf in den Berliner Sechs-Meter-Kreis und zog ab: Der Halle stockte der Atem, Silvio Heinevetter riss das rechte Bein hoch – und hielt. Danach war Schluss, und das Unentschieden stand. Ein 30:30 gegen den Favoriten aus Mannheim – ein kleiner Erfolg für die Berliner. Doch zu groß war direkt nach dem Schlusspfiff das Entsetzen über die Schiedsrichterleistung. Zu groß aber vielleicht auch die Enttäuschung, eine Partie, die zwischenzeitlich mit 8:3, 13:7 oder auch 27:23 angeführt wurde, nicht siegreich beendet zu haben.

„Das haben wir nicht verdient“

Dementsprechend ging der Schlagabtausch auch nach dem offiziellen Schlusspfiff noch weiter. Die launige Pressekonferenz 15 Minuten nach dem Spiel glich dem harten Ringen der Spieler um die sportliche Hoheit in der Halle. Die Deutungshoheit im Presseraum war so umkämpft wie der Sieg auf dem Spielfeld kurz zuvor. Auch hier drehte sich alles um die Leistung der Unparteiischen.

Nikolaj Jacobsen, Trainer der Rhein-Neckar-Löwen, legte selbstbewusst vor. Er habe am Ende noch ein paar tolle Chancen für seine Mannschaft gesehen, das Spiel für sich zu entscheiden. „Geschenke – das waren Geschenke“, blaffte Velimir Petkovic noch immer in Rage zurück und pochte auf eine korrekte Sprachreglung – aus seiner Sicht. Sein Chef Hanning bekam kurzzeitig Angst, Petkovic könnte komplett aus dem Rahmen fallen, und hielt ihm während des Statements kurz die Hand auf den Arm. „Ruhig Großer, ruhig“, wollte er signalisieren. „Das haben wir nicht verdient, das geht nicht so – ein klares Foul“, zeterte Petkovic trotzdem weiter und hielt die Schiedsrichter unter Beschuss.

Sein Chef hingegen versuchte abzuwiegeln, gab sich abgeklärter. Doch auch Hanning konnte das Thema Schiedsrichter nicht ruhen lassen. „So ein Ding ist nicht einfach zu pfeifen“, versuchte Hanning moderat zu bleiben. Ein dickes „Aber“ sollte folgen: „Die Schiedsrichter haben in das Spiel eingegriffen. Das darf nicht passieren! Wir hätten verlieren können.“ Bei einer Niederlage hätte Hanning nach eigenen Angaben seine Spieler und den Trainer vielleicht nicht mehr einfangen können. Mit einem gequälten Lächeln schiebt er hinterher: „Und mich hätte ich dann wohl auch nicht mehr unter Kontrolle gehabt.“

Doch Hanning ist zu klug, sich einzig auf die Fehlurteile der Unparteiischen zu kaprizieren und versuchte, den Fokus der Debatte noch einmal zu verschieben. Zunächst lobte er die überragenden Akteure seiner Mannschaft, allen voran Silvio Heinevetter, der Torwart, der den Punkt festhielt. Auch Kent Robin Tönnesen bekam ein Extra-Lob: Der 25-jährige Norweger ist seit Wochen in blendender Verfassung und füllt die Lücke, die die Verletzung von Fabian Wiede reißt, immer besser aus – acht Treffer steuerte Tönnesen als erfolgreichster Werfer der Berliner gegen die Rhein-Neckar-Löwen bei. Doch die Einzelkritik gipfelte in der für Hanning eigentlichen Nachricht des Tages: Das Spiel habe gezeigt, dass seine Füchse nicht weit weg seien von der nationalen Spitze. Statt Frust schwang jetzt Stolz in seiner Stimme, und er legte nach: „Und das mit der Hälfte des Etats der anderen Spitzenmannschaften.“

Bevor die anwesenden Journalisten noch mal nachrechnen konnten, nahm ein Kollege vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk das Geschenk Hannings an: „Prima, da habe ich ja schon meinen Schlusssatz.“ Er bedankte sich lauthals in die Runde und sorgte für leichte Verwirrung unter den Pressevertretern. Hanning sah das als Chance: „Gut, dann sind wir ja hier fertig“, ergriff er die Gelegenheit, eine aufregende Pressekonferenz nach einem aufregenden Spieltag mit einem lapidaren Satz zu beenden.

Eike Ahlhausen






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