Das Elefantenrennen
Das Elefantenrennen
11. August 2017

Die Gesamtumsätze des europäischen Fußball­marktes haben im vergangenen Geschäftsjahr mit 24,6 Milliarden Euro erneut eine Rekordhöhe erreicht. Unangefochtener Krösus bleibt die Premier League mit 4,87 Milliarden Euro. Ebenfalls an der Spitze steht die Premier League bei den Transferausgaben. Spannung in Sachen Meisterschaft scheint vorprogrammiert.

Rekordtransfers, Megagehälter und Spannung pur. Auch in der kommenden Saison wird die Premier League wieder alles zu bieten haben, was den modernen Fußball ausmacht. Der Titelkampf wird aller Wahrscheinlichkeit nach zwischen sechs Mannschaften stattfinden. Manchester City zählt nach den Rekordinvestitionen in der Sommerpause zu den Top-Favoriten, Meister Chelsea London mit Trainerfuchs Antonio Conte sowieso. Tottenham Hotspur stellt auch in diesem Jahr eine eingespielte Mannschaft ohne große Abgänge. Jürgen Klopp und der FC Liverpool werden diese Saison wohl nicht stark genug sein, um den großen Favoriten ein Bein zu stellen, auch wenn eine Außenseiterchance durchaus vorhanden ist. Nachdem Arsenal London die Trainer-Posse um Arsène Wenger nun endlich beendet hat und ein weiteres Jahr mit dem Elsässer in die Saison geht, wird der Kader nun aufgrund erneut sparsamer Investitionen nicht genug Qualität haben, um mehr in Angriff zu nehmen als die Champions-League-Plätze. Zwar wurde der Franzose Alexandre Lacazette verpflichtet, ebenso Sead Kolasinac von Schalke 04. Dennoch: Der große Wurf scheint kaum möglich.

Das größte Fragezeichen steht aber wohl hinter den „Red Devils“ von Manchester United. Sturmtank Romelu Lukaku soll die Lücke schließen, die Zlatan Ibrahimovic und Wayne Rooney hinterlassen haben. Die diesjährigen Titelaspiranten gehen mit verschiedenen Vorzeichen in die Saison, und auch mit ganz verschiedenen Transferbemühungen ging es durch die Sommerpause.

Manchester City
An ein Ende der großen Einkaufstour denkt Pep Guardiola auch nach dem sechsten Millionentransfer in diesem Sommer noch nicht. Nach seiner ersten Saison als Trainer ohne Titel rüstet der ehemalige Bayern-Coach in seinem zweiten Jahr bei Manchester City ordentlich auf. Der französische Nationalspieler Benjamin Mendy, laut britischen Medien für 58 Millionen Euro vom AS Monaco gekommen, soll längst nicht der letzte Neue gewesen sein. Guardiolas nächste Ziele laut Medien: die Superstars Alexis Sanchez und Kylian Mbappé. Der 23 Jahre alte Mendy ist der jüngste namhafte Neuzugang der Skyblues vor der neuen Premier-League-Spielzeit, die am 11. August in England beginnt. Man City hatte bereits Bernardo Silva aus Monaco geholt und Kyle Walker vom Konkurrenten Tottenham Hotspur verpflichtet. Danilo kam von Real Madrid, Torwart Ederson Moraes von Benfica Lissabon. Nach Angaben des Senders BBC stiegen die Transferausgaben von Man City in diesem Sommer damit auf mehr als 200 Millionen Britische Pfund. Das ist fast die Hälfte der Ausgaben der gesamten Bundesliga im vergangenen Sommer.


Manchester United
Nebenan beim Lokalrivalen Manchester United konnte sich Trainer José Mourinho einen Seitenhieb nicht verkneifen. Er sei es gewohnt, dass „große Summen für große Spieler“ gezahlt werden, erklärte Mourinho, der im vergangenen Sommer den Franzosen Paul Pogba für mehr als 100 Millionen Euro zurück nach Manchester gelotst hatte. Mit Blick auf Walker fügte der Coach hinzu: „Jetzt bezahlen alle große Summen für gute Spieler“. Auch für „durchschnittliche Spieler“ seien die Preise mittlerweile „total verrückt“. Mourinho betonte, ManUnited werde sich nicht erpressen lassen, überhöhte Summen zu bezahlen. Das hielt den englischen Fußball-Rekordmeister jedoch nicht davon ab, umgerechnet knapp 84 Millionen Euro für den auch vom FC Chelsea umworbenen belgischen Nationalspieler Romelu Lukaku zu investieren. Mit bereits 80 Premier-League-Toren, davon 25 in der vergangenen Saison für Liga-Konkurrent FC Everton, dürfte der 24 Jahre alte Stürmer aber nicht nur nach Mourinhos Definition zu den „großen Spielern“ zählen. Nach dem schwedischen Verteidiger Victor Lindelof ist Lukaku erst der zweite Neuzugang bei den Red Devils.

FC Chelsea
Meister Chelsea hatte im Bieten um seinen ehemaligen Spieler Lukaku das Nachsehen. Nach der Verpflichtung des Spaniers Alvaro Morata – als Nachfolger für den zum Verkauf stehenden Topstürmer Diego Costa – dürfte sich der Ärger an der Stamford Bridge allerdings in Grenzen halten. Mit der von britischen Medien genannten Ablösesumme von 67 Millionen Euro für den Real-Stürmer brachen die Blues ihren eigenen Transferrekord. Der 24-Jährige Morata ist der vierte Sommerneuzugang. Zuvor hatte Chelsea unter anderem den deutschen Nationalspieler Antonio Rüdiger vom AS Rom geholt. Weitere Spieler sollen folgen.


FC Liverpool
Für Liverpool-Trainer Jürgen Klopp sind die Millionenverpflichtungen der Konkurrenz kein Maßstab. „Wir wollen das Richtige tun und nicht die Leute mit einem großen Sommertransfer beruhigen“, erklärte Klopp. „Dann glauben alle, du musst die Liga gewinnen und plötzlich heißt es: ‚Oh, das schafft ihr ja gar nicht.‘“ Die Red Devils haben sich bisher mit Mohamed Salah (AS Rom) und Andrew Robertson (Hull City) verstärkt. Bei RB Leipzig ist Liverpool mit einem Angebot von angeblich 75 Millionen Euro für Naby Keita abgeblitzt.


FC Arsenal
Die Fans des FC Arsenal erleben ein Déjà-vu. Erst einen einzigen Transfer vermeldeten die Gunners in der Sommerpause. Der Franzose Alexandre Lacazette kam für eine unbekannte Ablösesumme von Olympique Lyon. Schon vor der vergangenen Saison waren viele Fans verärgert, weil ihnen Coach Arsène Wenger bei Spielerverpflichtungen zu zögerlich agierte. Am Ende verpasste Arsenal die Champions League. Zudem droht mit Alexis Sanchez mal wieder der Abschied eines Leistungsträgers, und das womöglich zur Konkurrenz.

Tottenham Hotspur
Keinen einzigen Cent investierten die Spurs bislang in neue Spieler. Man könnte fragen: warum auch? Mit einem Torverhältnis von 86:26 stellten die Londoner sowohl die beste Offensive als auch die beste Abwehr der Premier League. Stattdessen steht Stand jetzt ein fettes Transferplus von 80 Millionen Euro. Begünstigt wird das durch die Verkäufe der zuvor verliehenen Nabil Bentaleb (19 Millionen, Schalke 04), Clinton N’Jie (sieben Millionen, Olympique Marseille) und Federico Fazio (3,2 Millionen Euro, AS Rom). Auch wenn der 51-Millionen-Abgang von Rechtsverteidiger Kyle Walker zu Manchester City noch mal für Bewegung im Kader sorgen dürfte: Das Hauptaugenmerk von Trainer Mauricio Pochettino liegt nicht auf dem Transfermarkt. Pochettino treibt die Kaderplanung in seinem ganz eigenen Stil voran. Mit Vertragsverlängerungen statt teuren Neuzugängen. Mit Kapitän Hugo Lloris, Torjäger Harry Kane, Supertalent Dele Alli und Rechtsverteidiger Kieran Trippier verlängerten gleich vier Leistungsträger bis 2022. Defensivallrounder Eric Dier und Ben Davies sind bis 2021 gebunden, Spielmacher Christian Eriksen bis 2020. Ein großes Versprechen an die Zukunft.

Somit ist jede mögliche Denkweise unter den Aspiranten vertreten, und genau diese Tatsache macht die kommende Saison so spannend. Während Mannschaften wie Chelsea, United und vor allem Man City nur so mit Geld um sich schmeißen, geht Arsenal den altbekannten Weg und geizt mit Neuverpflichtungen. Diese Vorgehensweise war in den vergangenen Jahren eher weniger von Erfolg gekrönt.


Auch Liverpool hat investiert, kann aber in diesem Sommer keinen wirklichen Krachertransfer bieten. Die erfrischende Art der Spurs ohne Neuzugänge, dafür aber mit einer eingespielten Mannschaft, an den Start zu gehen, ist mit Sicherheit nicht weniger interessant als die der Vereine, die mächtig Geld investiert haben. Als vor zwei Jahren Leicester City, die Überraschungsmannschaft schlechthin, englischer Meister wurde, schlugen die Herzen der Fußballromantiker höher. Sollten die Spurs diese Saison den nächsten Schritt machen und Meister werden, wäre das erneut ein Nackenschlag für jeden Millionentransfer der Konkurrenz.


Philipp Häfner

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