Der 1. FC Union plant für die Zukunft
Der 1. FC Union plant für die Zukunft
14. Juli 2017

„100 Jahre Stadion An der Alten Försterei“ – so lautet der Titel des Films, der die Geschichte seit der Stadiongründung 1920 bis in die Gegen­wart erzählt. Pünklich zum 100. Geburtstag 2020 soll die Alte Försterei erstligatauglich werden.

Dieses Stadion hat seit 1920 manche Wandlung erlebt. Der einfache Bolzplatz wurde einst – angelehnt an die Namen zweier Gaststätten in unmittelbarer Nähe – Sadowa, aber auch Blumentopp genannt. Er bot anfangs knapp 10.000 Zuschauern Platz. Den Zweiten Weltkrieg überstand die Spielstätte halbwegs unbeschadet. Indes zwischen 1952 und 1955 mussten sowohl Spielfeld als auch die Traversen für die Zuschauer erneuert werden. Auch neue Umkleidekabinen gab’s.

1968 rief der Fußballclub dann erstmals seine Fans zu Hilfe. In freiwilligen Arbeitseinsätzen erweiterten sie die Gegengerade und die Sitzplatztribüne, sodass nach zwei Jahren Arbeit 15.000 Zuschauer ins Stadion passten. Zehn Jahre später packten wieder viele fleißige Hände aus der Fangemeinde an. Die beiden Tribünen hinter den Toren wurden aufgeschüttet. Und 1983, nach vier Jahren Bauzeit, fasste das Stadion nun 23.500 Zuschauer.

Die schlimmen Jahre nach 1990 überlebte der Verein mehrmals nur durch den Einsatz der eigenen Fans und durch einen großzügigen Gönner. Im Jahr 2000 bekam dann die Sitzplatztribüne ein Dach, und eine Flutlichtanlage leuchtet seitdem über dem Stadion an der Alten Försterei. So richtig geklotzt wurde ab dem 2. Juni 2008. Rund 2.400 freiwillige Helfer leisteten fast 140.000 unentgeltliche Arbeitsstunden, um die drei Stehplatz-Traversen bundesligatauglich zu machen. Am 8. Juli 2009 konnte wieder an der Alten Försterei gespielt werden. Es war das Jahr des Wiederaufstiegs in die 2. Bundesliga.

Doch die nächste Bauphase ließ nicht lange auf sich warten. Im Mai 2012 begann der Bau der neuen Haupttribüne. 3.617 Zuschauer von insgesamt 22.012 saßen ein Jahr später dort, als mit einem Spiel gegen Celtic Glasgow das Stadion erneut eine Premiere feierte. Das Tribünenhaus – Tradition ist eben angesagt bei Union – erinnert mit seiner gelben Klinkerfassade nicht zufällig an die in gleicher Art errichteten Industriebauten in Unions alter Heimat Oberschöneweide. Logisch, dass dieses architektonische Stilmittel in der neuen Bauplanung wieder aufgegriffen wird. Das Gebäude der Gegentribüne sowie das neue Clubhaus und die sieben geplanten Treppenhäuser am Stadion bekommen diese Klinkersteine. „Ich finde die einfach affengeil“, brach es bei der Vorstellung aus Dirk Zingler heraus. Etwas ernster sagt der Präsident: „Heimat hat eine große Bedeutung für uns.“

Wie gesagt: Das Stadion an der Alten Försterei soll zwar ein neues Gesicht erhalten, aber es muss auch wiedererkennbar bleiben. Und, so erzählt der Präsident: „Wir wollten das Stehplatzstadion erhalten. Ursprünglich dachten wir nicht daran, die Sitzplatzzahl zu erhöhen, das müssen wir jetzt aber aus lizenzrechtlichen Gründen tun.“ Mit der neuen Planung bekommt das Stadion 8.286 Sitzplätze, also mehr als vom DFB gefordert. Aber eben auch 28.692 Stehplätze. Der Stehplatzanteil wird so zwar von bislang 82,7 Prozent auf 77,6 Prozent sinken, doch das Köpenicker Stadion liegt damit immer noch an der Spitze aller Profistadien in Deutschland und weit vor dem zweiten in dieser Rangfolge, dem FC St. Pauli (56,9 Prozent). Auch das ist ein Merkmal bei Union: Die Interessen der Fans werden in die Planungen miteinbezogen und möglichst berücksichtigt. Das gehört in Köpenick eben dazu.

Natürlich geht der Blick der Clubführung heute weit in die Zukunft. Das ist anders als bei den Planungen vor zehn oder 15 Jahren. Heute steht der Verein auf soliden Füßen. Wurde der Verein damals getrieben von DFB wie DFL, ein anständiges Stadion vorzuweisen oder eben umzuziehen, so können heute die Forderungen – die Erhöhung der Sitzplatzkapazitäten – gelassen angegangen werden. Und Zingler & Co. wollen nicht kleckern, sondern klotzen. Deshalb gleich eine etwas reichliche Größe. Denn „wer weiß, was später für Auflagen vom DFB kommen“, wirft der Clubpräsident ein. „Wir bauen den Oberrang statisch als Stehplatz, der aber baulich auch für Sitzplätze geeignet ist. Also Hüpfen ist dort erlaubt.“

Zugunsten des nun mächtigen Tribünenbaus auf der Gegengeraden werden zehn Meter des Übungsplatzes geopfert. Es kam aber für die Vereinsführung nie infrage, die Trainingsanlage für die Profis an einen anderen Standort zu verlegen. „Es ist wichtig für die DNA des Vereins, dass die Lizenzspielermannschaft im Stadion bleibt“, begründet Dirk Zingler diese Entscheidung. Und nun können die Fans von der Freitreppe des Tribünenhauses sogar viel bequemer als bisher das Training ihrer Fußballgötter beobachten.


Identifikation mit dem Verein spürt man auch beim geplanten Clubhaus. Bevor der Umbau des Stadions beginnt, soll das Clubhaus schon fertig sein. In diesem findet nicht nur die Vereinsverwaltung ihre Plätze, auch die Fans bekommen dort Raum. Außerdem der Fanshop und eine Kneipe. Ganz oben ist eine Dachterrasse geplant. Dieser Bau kann nach einer etwa dreimonatigen Baugenehmigungsphase recht zügig begonnen werden. Baubeginn ist für Januar 2018 geplant, Bauende für Juni 2019.

„Die Zinsen sind ja gerade günstig“

Da der Stadionumbau ein viel längeres Bebauungsplanverfahren erfordert, dürfte die Zeit durchaus drängen, um nach Fertigstellung des Clubhauses mit dem Stadionumbau Mitte 2019 beginnen zu können. Dieses Genehmigungsverfahren kann der Verein kaum beeinflussen. Mehr Zuschauer bringen natürlich auch mehr Verkehr in das Umfeld. Dass Union keine Parkplatzerweiterung geplant hat, liege auch im Interesse des Berliner Senats, meint Zingler. Der öffentliche Nahverkehr müsse natürlich auf den Zuschauerstrom abgestimmt entwickelt werden. „Das liegt aber nicht in unseren Händen“, so der Union-Chef, der hofft, dass auch eine wirtschaftliche Entwicklung des Berliner Südostens der Attraktivität der Alten Försterei zugutekommt. „Ich gehe davon aus, dass, wenn wir fertig sind, auch auf dem BER geflogen wird“, sagt Zingler und lächelt.

Die Finanzierung will der Verein mit einem möglichst großen Eigenkapitalanteil sowie einem langfristigen Hypothekenkredit stemmen. „Die Zinsen sind ja gerade günstig“, sagt Zingler. Um Eigenkapital zu generieren, sollen zwei eigene Grundstücke in Köpenick entwickelt und verkauft werden. Rechnet man die bisherigen Kosten für den gesamten Stadionumbau seit 2009 zusammen, so belaufen diese sich auf etwa 60 Millionen Euro. Das ist für ein modernes Fußballstadion heute nicht viel.

Eine Sache indes wurmt den Präsidenten: Das Dach der Haupttribüne wird nach der Stadionerweiterung niedriger sein als die drei anderen. Deshalb heißt das Projekt nicht „Fertigstellung des Stadions an der Alten Försterei“. Zingler lässt schon die Machbarkeit der Anhebung des Haupttribünendachs prüfen. Denn wie heißt es in der Vereinshymne? „Immer weiter, ganz nach vorn“


Hajo Obuchoff

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