Der Titel wäre die Krönung
Der Titel wäre die Krönung
20. Juni 2014

Wie bei fast jeder WM zählt Deutschland auch in Brasilien wieder zu den Top-Favoriten um den Titel. Im FORUM-Interview spricht Bundestrainer Joachim Löw über die Erwartungshaltung der Nation, die Chancen des deutschen Teams und seine persönliche Zukunft nach der WM.

Herr Löw, bei der Kader-Nominierung haben Sie erzählt, dass Ihre Spieler das Turnier schon mehrfach vor dem inneren Auge ablaufen ließen. Haben Sie das auch schon getan? Und haben Sie dabei vielleicht vom Gewinn des WM-Pokals geträumt?
Ich beschäftige mich nachts auch manchmal mit Aufstellungen, Verletzungen oder Spielen. Aber so richtig vom Pokal geträumt habe ich noch nicht.

Wie sehr glauben Sie daran, ihn gewinnen zu können?
Es kann ja nur heißen: Wir wollen Weltmeister werden. Ich kann nicht sagen: Wir werden Weltmeister. Ich bin kein Prophet. Selbst wenn ich den Titel fest versprechen würde, heißt das ja nicht, dass wir damit sicher Weltmeister würden.

Dennoch: Gehen Sie eher mit Optimismus oder mit Skepsis in dieses Turnier?
Ich bin durchaus optimistisch. Nur weil andere Teams gut sind, heißt das nicht, dass wir nicht auch gut oder sogar noch besser sein können. Wenn alles ideal läuft. Wenn wir alle alles tun. Wenn wir uns bewusst sind, welch‘ riesige Herausforderung uns in Brasilien erwartet. Ich kann versprechen: Wir werden gut vorbereitet sein. Je näher das Turnier rückt, desto ruhiger werde ich, weil ich weiß und darauf vertraue, dass wir an alles gedacht haben.

Spüren Sie vor Ihrem nun vierten Turnier als Hauptverantwortlicher denn eine andere Anspannung als vor den vorherigen?
Eine größere Anspannung nicht, aber durchaus eine noch größere Vorfreude als vor der WM 2010 oder der EM 2012. Brasilien wird etwas Einmaliges sein. Es ist das Fußball-Land schlechthin, rund 200 Millionen Einwohner, und man hat das Gefühl, jeder einzelne ist fußballbegeistert. Ich denke, es wird eine gigantische WM werden.

Spüren Sie auch einen besonderen Druck? Schließlich erwartet die Fußball-Nation nach drei relativ knapp gescheiterten Anläufen nun den Titel.
Ich registriere das natürlich. Die Fans haben eine große Sehnsucht nach dem Titel. Und der Titelgewinn ist ja auch unser Ziel. Wir gehören immer zu den Top-Favoriten, aber ich weiß auch aus Erfahrung, dass es kein Selbstläufer ist, dass alles passen muss bei so einem Turnier. Da spielen unheimlich viele Faktoren eine Rolle, die sich erst im Laufe des Turniers ergeben. Verletzungen, Sperren in K.o.-Spielen oder auch das Glück, das man zum Beispiel auch in einem Elfmeterschießen braucht. Insgesamt verspüre ich keinen größeren Druck als 2010 oder auch 2006.

Ihr Vertrag ist längst bis 2016 verlängert worden. Gibt es für Sie ein irgendwie denkbares Szenario, bei dem Sie diesen nicht erfüllen?
Über mögliche Szenarien mache ich mir aktuell überhaupt keine Gedanken. Bei der Vertragsverlängerung war mir aber wichtig, dass der DFB und die Verantwortlichen mit Präsident Wolfgang Niersbach und Generalsekretär Helmut Sandrock an der Spitze auch voll und ganz hinter unserem Konzept stehen. Ich spüre hier die volle Rückendeckung, deshalb gehe ich im Moment davon aus, dass wir – wenn alles so läuft, wie wir uns das vorstellen – bis 2016 beim DFB sind und unsere Mission weitergeht.

Einen Rücktritt im Falle eines enttäuschenden Abschneidens schließen Sie also nicht aus?
Ohne Spekulationen anzuheizen: Ich weiß natürlich, dass ein Nationaltrainer immer an dem gemessen wird, was bei einem Turnier passiert. Von 2006 aus betrachtet bin ich einer der wenigen, der noch im Amt übrig geblieben ist. Fast alle anderen Verbände haben seitdem den Trainer gewechselt, den Schnitt gibt es immer nach einem Turnier. Nach der WM wird sich unser Team der sportlichen Leitung sicher mit den Verantwortlichen zusammensetzen und das Turnier in Ruhe analysieren. Aber nochmals: Ich gehe aktuell davon aus, dass ich bis 2016 dabeibleibe.

Ist es ausgeschlossen, dass Sie Ihre Mission im Falle eines Titelgewinns für beendet sehen?
Darüber denke ich nicht nach, ich bin voll konzentriert auf die WM. Wenn der Titel erreicht sein sollte, wäre das ein tolles Gefühl. Es könnte schon gut sein, dass dies auch zusätzliche Motivation für die kommenden Jahre wäre. So wie bei Vicente del Bosque (Spaniens Nationaltrainer, Anm. d. Red.), der nach der WM auch die EM gewinnen wollte.

Haben Sie denn, unabhängig davon, wie lange Sie im Endeffekt beim DFB sein werden, noch persönliche Ziele und Träume? Zum Beispiel Trainer in der Premier League zu werden oder von Bayern München?
So konkret nicht. Ich habe eine wunderschöne, wichtige Aufgabe, die mir nach wie vor wahnsinnig viel Spaß macht. Ich will aber auch nicht ausschließen, dass ich irgendwann noch einmal für einen Verein arbeite. Ich habe in den vergangenen Jahren immer mal wieder die Möglichkeit gehabt. Das kam bisher für mich nie in Frage.

Viele Leistungsträger Ihrer Mannschaft sind schon um die 30. Wie wichtig wäre es für die Generation Lahm/Schweinsteiger/Podolski oder gar für den bald 36-jährigen Miroslav Klose, einen Titel mit der Nationalelf zu holen?
Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm haben die Champions League und viele nationale Titel gewonnen. Sie haben schon über 100 Länderspiele und so viel Positives für den deutschen Fußball getan. Miroslav Klose spielt bereits sein viertes Turnier, das schaffen nur ganz wenige. Sie alle haben jetzt schon phänomenale, großartige Karrieren hingelegt. Aber ein Weltmeistertitel wäre natürlich die Krönung, sozusagen das i-Tüpfelchen

Sie haben schon oft auf die besonderen Bedingungen in Brasilien hingewiesen. Die kann man aber nicht simulieren. Wie gut vorbereitet sind die Spieler auf das, was Sie vor Ort erwartet?
Wir haben ihnen viele Informationen an die Hand gegeben. Aber sie müssen es erst einmal vor Ort spüren. Wir müssen Brasilien auch erleben, deshalb fliegen wir so frühzeitig hin. Vor Ort werden wir die Wettkampfsituation simulieren, indem wir mal in der Mittagshitze trainieren oder zu den Anstoßzeiten der Spiele. So können wir uns Stück für Stück an die Besonderheiten gewöhnen.

Im März haben Sie vor dem Länderspiel gegen Chile noch einen Warnschuss an Ihre Spieler abgegeben. Hat dieser seine Wirkung erfüllt?
Schon im Rahmen dieses Spiels habe ich gespürt, dass auch die Spieler wissen, dass mit dem Turnier in Brasilien etwas Einmaliges und Großes auf sie wartet. Und nach dem Weckruf habe ich gespürt, dass sie vielleicht noch ein bisschen mehr investieren. Viele Spieler sind in einer besseren Form als im März.

Die Hälfte Ihrer Spieler kommt von Bayern München und Borussia Dortmund, darunter viele Leistungsträger. Welchen Vorteil könnte die Blockbildung haben – auch vor dem Hintergrund, dass Spanien seine drei Titel vor allem mit Spielern von Real Madrid und des FC Barcelona geholt hat?
Wenn man Blockbildung hat, ist das kein Nachteil für uns, sondern kann und wird gut sein. Aber es ist keine zwingende Voraussetzung. Für mich stehen die Qualität der einzelnen Spieler und das Anforderungsspiel für die jeweilige Position über der Blockbildung.

Was hat denn allgemein den Ausschlag für Ihre Kadernominierung gegeben?
Form und Fitness waren ausschlaggebende Kriterien. Man braucht Erfahrung, Persönlichkeit und Führungsqualitäten im Kader, und man braucht auch junge und dynamische Spieler. Wir haben diese Entscheidung aus absoluter und voller Überzeugung getroffen. Hinter jedem dieser Namen steht ein klares Ja.

Dennoch mussten Sie auch viele Spieler enttäuschen. Zuerst bei der Nominierung des vorläufigen 30er-Kaders, dann bei der Reduzierung auf 27 Spieler, schließlich bei der endgültigen Berufung der nur noch 23 Profis. Wie fielen die Reaktionen aus?
Alle waren enttäuscht und brauchen mal ein bisschen Zeit, um zu realisieren, was ich ihnen gesagt habe. Das ist für mich nachvollziehbar, und es tut mir auch persönlich leid, weil ich weiß, wie groß der Wunsch ist, beim wahrscheinlich größten Sportereignis der Welt dabei zu sein. Im Endeffekt haben wir alle Entscheidungen nicht gegen einen Spieler getroffen, sondern immer für einen. Für diejenigen, die es nicht geschafft haben, tut es uns und mir sehr leid. Aber wenn wir den angestrebten Erfolg erreichen wollen, dürfen wir keine Konzessionsentscheidungen treffen.

Der prominenteste Spieler, der fehlt, ist Mario Gomez. Wieso ist er nicht dabei?
Mario war fast sieben Monate verletzt. Deshalb bin ich der Meinung, dass er vielleicht nicht in der Lage ist, unter diesen Bedingungen in Brasilien körperlich zu bestehen. Aber Mario ist ein hervorragender Spieler, dessen Karriere in der Nationalmannschaft auf keinen Fall beendet ist. Einen fitten Mario Gomez kann jede Mannschaft gebrauchen.

Warum haben Sie Sami Khedira berufen, obwohl er auch gerade erst von einem Kreuzbandriss genesen ist?
Es gibt keine Regel ohne Ausnahme. Samis Persönlichkeit innerhalb der Mannschaft ist für uns unverzichtbar. Ich habe bisher ganz, ganz wenige Spieler gesehen, die so konsequent und zielstrebig in der Reha gearbeitet haben. Sami hat für dieses eine Ziel alles zurückgestellt, und er wird es körperlich auf jeden Fall schaffen.

Sie haben in Erik Durm auch einen Ex-Saarbrücker mit ins Trainingslager genommen. Was hat für ihn gesprochen?
Er hat zwar erst 19 Bundesliga-Spiele absolviert, aber er hat uns vor allem in den Champions-League-Spielen gegen Real Madrid, also auf allerhöchstem Niveau, davon überzeugt, dass er mal eine Chance verdient hat.

Auch am früheren Homburger Miroslav Klose haben Sie nie gezweifelt, obwohl er schon vor dem ersten WM-Spiel 36 wird und wie Gomez ebenfalls lange verletzt war.
Miro ist bekannt dafür, dass er gerade bei Turnieren gute Form erreichen kann. Er hat in dieser Saison um die 25 Spiele absolviert, das ist gar nicht so wenig. Er war zwar verletzt, aber Miro kennt seinen Körper genau, deshalb glauben wir, dass er der Mannschaft helfen kann. Er ist hochmotiviert, weil es wahrscheinlich sein letztes Turnier wird. Außerdem ist er gelernter Zimmermann und ein guter Handwerker, so kann er zur Not auch mal einen Nagel reinhauen, wenn es nötig sein sollte. (lacht)

Sie haben auch ganz junge Spieler in den vorläufigen Kader berufen, wie Leon Goretzka (19) oder Max Meyer (18) von Schalke. Ins Trainingslager durften beide schon nicht mehr mit, obwohl vor allem Meyer gegen Polen überzeugt hat. Wieso?
Man hat in diesem Spiel gesehen, dass Max Meyer eine sehr, sehr gute Ballbehandlung hat. Spielern wie Goretzka und ihm gehört die Zukunft. Sie sind noch jung und haben noch viele Möglichkeiten, große Turniere zu spielen.

Gibt es einen deutschen Spieler, dem Sie zutrauen, der große Star dieser WM zu werden?
Da gibt es nicht nur einen. Ich kann mir bei mehreren vorstellen, dass sie eine Hauptrolle spielen. Zuerst denkt man natürlich immer an offensive Spieler, aber es kann auch ein Defensivspieler zur ganz großen Entdeckung werden.

Ist Mesut Özil nach durchwachsener Saison ein Sorgenkind?
Sorgen habe ich mir gemacht, als er verletzt war. Aber nicht um seine Leistung, weil ich weiß, dass er Unglaubliches leisten kann. Das müssen wir rauskitzeln, dann ist er ein Spieler, der den Unterschied ausmachen und Spiele entscheiden kann.

Wie muss das Turnier verlaufen, damit Sie am Ende zufrieden sind?
2010 sind wir nicht Weltmeister geworden, aber die Art und Weise, wie die Mannschaft dort aufgetreten ist, hat viele Menschen begeistert. Wenn ich nur an die Bilder denke, welche Wahnsinns-Stimmung nach den Spielen gegen England oder Argentinien herrschte. Wenn wir es schaffen, dieses Gefühl wieder aus der Ferne nach Hause zu schicken, dann werden wir uns alle freuen.

Interview: Holger Schmidt

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