Deutscher Boxsport hängt in den Seilen
Deutscher Boxsport hängt in den Seilen
19. Mai 2017

Vor einiger Zeit galt Deutschland als Box-Mekka, wo sich zahlreiche Weltmeister tummelten und viel Geld zu verdienen war. Doch das ist vorbei. Der Boxsport in Deutschland steckt in einer tiefen Krise – und Besserung ist nicht in Sicht.

Es war sehr wahrscheinlich das Ende der Box-Ära von Wladimir Klitschko, doch dessen Haussender RTL fand trotzdem Grund zum Jubeln. „Mega-Quote beim Mega-Kampf“, schrieb der TV-Sender auf seiner Internetseite nach Klitschkos K.O.-Niederlage im WM-Kampf in London gegen den neuen Schwergewichts-Superstar Anthony Joshua. Im Schnitt hatten in Deutschland 9,59 Millionen Zuschauer das packende Duell des tapferen Altmeisters gegen den siegreichen Shootingstar verfolgt.

Rekordmarke weit verfehlt

Was RTL verschwieg: Die eigene Rekordmarke hatte der Kampf meilenweit verfehlt. Bei Klitschkos Punktsieg 2011 in Hamburg gegen das britische Großmaul David Haye hatten sechs Millionen Menschen mehr eingeschaltet. Boxen war einmal ein Sport für die Massen, in den goldenen 90er-Jahren hatten Axel Schulz, Henry Maske, Sven Ottke oder Graciano Rocchigiani regelmäßig sogar 15 bis 18 Millionen Fans vor die Bildschirme gelockt. Diese Zeiten sind vorbei. Der deutsche Boxsport hängt in den Seilen, und ein fulminantes Comeback ist nicht in Sicht.

Das Boxen braucht dringend gute Kämpfe. Dann steigt auch das Interesse wieder“, glaubt Ex-Weltmeister Henry Maske. Doch genau hier liegt das Problem: So einen hochklassigen Fight wie den von Wladimir Klitschko gegen Anthony Joshua, bei dem sich zwei top-austrainierte Athleten mit einem unbändigen Siegeswillen bis aufs Äußerste forderten, hat der deutsche Boxfan seit Jahren nicht gesehen.

Stattdessen gibt es „völlig sinnlose Titelkämpfe“ und „Pseudo-Champions“, wie es Ex-Weltmeister Rocchigiani in der „Berliner Morgenpost“ ausdrückte: „Wir haben in Deutschland viermal Abraham gegen Stieglitz und viermal Huck gegen Afolabi gehabt. Jedes Mal wurde es als die tolle Revanche verkauft, jedes Mal als Pseudo-Knaller. Und viele Leute sind genervt von viel zu vielen komischen Punkturteilen.“ Auch Maske warnt, dass die Veranstalter die Anhänger nicht für dumm verkaufen sollten: „Die Leute schauen genau hin, ob der Kerl im Ring etwas kann oder nicht“.

Doch die deutschen Boxer zeigten im Ring zuletzt schwache Leistungen. Aus Deutschland, das vor einigen Jahren noch die Szene beherrscht hatte, hält nur noch ein einziger Weltmeister einen Gürtel der vier großen Verbände WBA, WBC, IBF und WBO: Tyron Zeuge. Tyron wer? Das ist die Reaktion vieler Sportfans, denn der 24 Jahre alte Berliner besitzt keinen großen Bekanntheitsgrad. Der WBA-Champion im Supermittelgewicht trägt keine Goldkettchen, er spuckt keine großen Töne, er fährt einen japanischen Kleinwagen, und er geht gerne mit seinem Hund in Neukölln spazieren. Glamour-Faktor? Gleich Null. „Ich bin ein bisschen einfach gestrickt“, sagt Zeuge über sich selbst. Dass er hierzulande der einzige Weltmeister ist, könnte man aggressiver vermarkten, doch Zeuge will das nicht: „Das interessiert mich nicht so.“

Seinen Promoter Kalle Sauerland dagegen schon. Eine baldige WM-Niederlage von Zeuge wäre für die deutsche Boxbranche „eine Katastrophe“, sagt Sauerland, er nennt seinen Schützling gerne und oft „den letzten Mohikaner“. Trainiert wird Zeuge von Jürgen Brähmer, der seinen WM-Gürtel wegen einer verletzungsbedingten Aufgabe an den Waliser Nathan Cleverly verloren hatte. Demnächst bekommt Brähmer seine Revanche, doch die Zukunft des deutschen Boxens stellt der Schweriner mit seinen 38 Jahren nicht dar. Genauso wenig wie Cruisergewichtler Marco Huck (32), der im April durch eine Punktniederlage gegen den Letten Mairis Briedis die Rückkehr auf den WM-Thron verpasste. Oder der Deutsch-Armenier Arthur Abraham (37), der sich nach seinem Sieg gegen Robin Krasniqi zumindest Hoffnungen auf einen erneuten Weltmeisterschafts-Kampf machen darf, nachdem er vor einem Jahr vom Mexikaner Gilberto Ramirez nach allen Regeln der Kunst vorgeführt worden war.

Abraham, bekannt wegen der blutigen „Schlacht von Wetzlar“, als er 2009 mit einem doppelten Kieferbruch seinen Gegner Edison Miranda besiegt hatte, wurde mit seinem letzten Kampf immerhin im MDR übertragen. Die ARD war 2014 aus dem Boxsport ausgestiegen, nachdem die Einschaltquoten über Jahre kontinuierlich in den Keller gegangen waren. Dafür sprang Sat.1 in die Bresche, und der Privatsender verlängerte kürzlich seinen Vertrag mit dem Sauerland-Boxstall. Über die neue Laufzeit vereinbarten beide Seiten Stillschweigen, es soll sich aber um einen längerfristigen Vertrag handeln. Doch die Quote des WM-Kampfes zwischen Zeuge und dem Nigerianer Isaac Ekpo dürfte die Verantwortlichen von Sat.1 erschreckt haben: Lediglich 1,57 Millionen Menschen wollten den unansehnlichen Fight sehen. Das große Geld lässt sich damit nicht verdienen – weder für den Sender noch den Sportler oder die Manager.

„Trainer und pro-moter gefordert“

Verglichen damit lebte die Szene in den 90er-Jahren in einem Schlaraffenland. „Nach der Wende hatten wir den Boom mit Maske, Michalczewski und Ottke. Die kannte jeder, die wollte jeder sehen“, sagt Kult-Trainer Ulli Wegner. „Da sind wir Trainer und auch die Promoter gefordert, Persönlichkeiten zu entwickeln. Dazu gehört, dass wir neben boxerischen Fähigkeiten auch den Charakter schulen. Manches Talent schafft es nicht nach oben, weil es zu schnell denkt, ein Großer zu sein.“

Das trifft sicher auch auf Vincent Feigenbutz zu. Der 21 Jahre alte Supermittelgewichtler ließ sich nach einem vielversprechenden Karrierestart als „K.O.-Prinz“ feiern, er und sein Management waren um keinen flapsigen Spruch verlegen. Doch der italienische Routinier Giovanni de Carolis zeigte Feigenbutz im Januar 2016 klar die Grenzen auf. Das Talent wechselte den Trainer, holte sich den IBF-Intercontinental-Titel und will bald wieder um die WM-Krone kämpfen. „Ich habe aus meinen Fehlern gelernt“, sagt der Karlsruher. Verheizen lassen wolle er sich nicht noch mal: „Ich bin erst 21 Jahre alt und habe meine boxerische Zukunft noch vor mir.“

Neben Feigenbutz gelten auch die Junioren-Weltmeister Leon Bauer (18 Jahre/Supermittelgewicht) und Tom Schwarz (20/Schwergewicht) als Hoffnungsträger für den schwer angeschlagenen deutschen Boxsport. Der in 19 Profikämpfen noch unbesiegte Schwarz weiß zumindest, wie er auch außerhalb des Rings auf sich aufmerksam machen kann. „Wer mich besiegen will, der muss mich schon töten“, tönte der Hallenser nach seinem K.O.-Sieg in Erfurt gegen den Bosnier Adnan Redzovic. „In zwei, drei Jahren werde ich den WBO-Weltmeister boxen, und ich werde gewinnen.“ Der letzte deutsche Schwergewichts-Weltmeister war kein Geringerer als Max Schmeling, und das ist mittlerweile 85 Jahre her.

„Wir in Deutschland hiepern danach“, sagt Schwarz’ Promoter Ulf Steinforth vom SES-Boxstall über die Sehnsucht der deutschen Fans nach einem neuen Weltmeister in der Königsklasse. Sie hat Axel Schulz zu enormer Popularität verholfen, obwohl er boxerisch kein Ausnahmetalent war. Bei seinem verlorenen WM-Kampf im Dezember 1995 gegen Francois Botha fieberten 18,03 Millionen Menschen vor dem Fernseher mit – bis heute TV-Rekord fürs deutsche Boxen.


Bis Schwarz und Co. aber möglicherweise so weit sind, einen neuen Box-Boom auszulösen, müssen die Macher die Zeit überbrücken. Mit Kämpfen alternder Stars wie Brähmer oder Abraham, aber auch mit neuen Ideen. Ab September startet eine mit 50 Millionen US-Dollar dotierte „World Boxing Super Series“. Hier treten im Cruiser- und Supermittelgewicht die besten acht Boxer im K.O.-Format gegeneinander an. Dem Sieger winkt die Muhammad Ali Trophy, viel Geld und reichlich Ruhm. Zumindest in der Theorie. Nicht wenige meinen: Das Experiment wird genauso scheitern wie das damalige Super-Six-Turnier von 2009 bis 2011.

es droht
der knockout

„Das klingt nach einer aufgeblasenen Idee, die sich im großen Stil nicht umsetzen lässt“, sagte Ex-Champion Klitschko dem Nachrichtenmagazin Focus. „Internationale Top-Leute werden bei dem Format nicht mitmachen. Sie können auf ihren eigenen Veranstaltungen und mit ihren eigenen internationalen TV-Partnern, Sponsoren und Ticketeinnahmen deutlich mehr verdienen.“

Klitschko hat in seiner Karriere mehr als genug Geld verdient, denn er hat den Box-Boom mitgemacht und mitgeprägt. Jetzt geht seine Zeit im Ring zu Ende, und der deutsche Boxsport braucht dringend neue Helden. Ansonsten droht ihm der Knockout.

Jörg Soldwisch

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